Neulich war Oleksandr Sintschenko mal wieder in der Ukraine. Er war lange nicht dort gewesen, es war ja auch viel los für ihn in den vergangenen anderthalb Jahren. Sintschenko wurde englischer Meister mit Manchester City, verließ das Team von Pep Guardiola und wechselte zum FC Arsenal, der prompt eine Saison lang zum großen Konkurrenten des Meisters wurde. Der Zeitschrift Politico sagte der Mittelfeldspieler vor einigen Wochen ein paar Sachen, die Fußballer so sagen: "Unsere Mission ist, nicht aufzugeben. Wir müssen weiter kämpfen, bis zum Ende, bis wir gewinnen."
Aber diesmal ging es nicht um Fußball, es ging um den Krieg. Oleksandr Sintschenko hatte in seiner Heimat gerade eine Schule besucht, in die kein Kind mehr gehen kann.

Es war in der Oblast Tschernihiw, der ukrainische Nationalspieler stand im grauen T-Shirt neben dem ukrainischen Fußballidol Andriy Schewtschenko, einzelne Holzlatten hingen hinter ihnen senkrecht vom Dachstuhl herab, das Innere der Schule ein Trümmerfeld. Vor einem Jahr hatte eine russische Rakete das Gebäude getroffen. Sintschenko will nun helfen, die Schule wieder aufzubauen. Er sagte, erschüttert: "Es ist völlig anders, ob du all diese Nachrichten auf deinem Handy oder Laptop siehst oder mit den eigenen Augen." Im August soll für die Schule bei einem Spiel in London Geld gesammelt werden.
Freundschaftsspiele können sehr verschiedene Zwecke erfüllen, und wenn an diesem Montag in Bremen die Ukraine Gegnerin im 1000. Länderspiel einer DFB-Auswahl ist, geht es dem Gast auch darum, seine Form zu testen, sich einzuspielen. Es ist ja Fußball. Am Freitag spielt die Ukraine in der EM-Qualifikation gegen Nordmazedonien, drei Tage später gegen Malta. Aber um den Krieg geht es natürlich auch. Für das ukrainische Team ist er immer dabei.
Oleksandr Sintschenko steht wegen einer Wadenverletzung gegen Deutschland nicht im Kader der Ukrainer, aber dass der Krieg auf den Fußball wirkt und der Fußball auf die Menschen im Krieg, davon erzählen auch andere. Serhij Rebrow zum Beispiel, der neue ukrainische Nationaltrainer. Zwei Jahre lang hat er einen Verein in den Vereinigten Arabischen Emiraten trainiert, aber wie Russlands Krieg den Fußball in seiner Heimat traf, hat er natürlich auch am Golf sehr genau verfolgt. Bei seiner Antrittsrede in der vergangenen Woche dankte er den ukrainischen Streitkräften, "dass sie die Unabhängigkeit verteidigen, die Ukraine, und die Chance ermöglichen, eine Meisterschaft auszutragen, überhaupt über Fußball zu reden". So selbstverständlich ist das nicht.
Die europäischen Fußballvereine optimieren sich, die ukrainischen improvisieren
Ende Mai ist, rein nachrichtlich-nüchtern, der Verein Schachtar Donezk zum 14. Mal ukrainischer Meister geworden. Sieben seiner Spieler stehen im Aufgebot für das Deutschland-Spiel. Dass Donezk schon seit 2014 nicht mehr in Donezk spielen kann, ist noch eine der größeren Konstanten für den Verein. Damals begann Russland mithilfe von Separatisten einen Krieg im Donbass, das moderne Stadion von Donezk wurde beschädigt, der Klub pendelte zwischen Kiew und Lwiw im Westen der Ukraine. Seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar vergangenen Jahres änderte sich noch einmal alles. Der Begriff "Heimspiel" hat in der Ukraine seinen Sinn verloren: Schachtar Donezk spielte zu Hause in Charkiw, in Kiew, in Lwiw, in Riwne, in Uschgorod, in Mynai. In der Europa League fanden die Heimspiele in der polnischen Hauptstadt Warschau statt. Russlands Raketen hetzen den ukrainischen Meister.
Ob bei Schachtar Donezk, bei Dinamo Kiew oder Dnipro: Wer von den Nationalspielern bei ukrainischen Klubs spielt, hat in der abgelaufenen Saison dies erlebt - Erstligaspiele, zu denen aus Sicherheitsgründen keine Zuschauer kommen durften, die immer wieder von Luftalarm unterbrochen wurden. Die Spieler mussten dann schwitzend in nahegelegene Schutzräume flüchten. Natürlich konnten vor wenigen Tagen die Nationalspieler auch nicht einfach von Kiew nach Bremen fliegen. Sie fuhren mit dem Zug über die ukrainisch-polnische Grenze bis nach Chełm, dann weiter nach Warschau, erst von dort flogen sie nach Deutschland. Die europäischen Fußballvereine optimieren sich, die ukrainischen improvisieren.
Ein Teil der Ablösesummen wird jetzt für Prothesen ausgegeben und für Familien gefallener Soldaten
Logistische Unbequemlichkeiten sind für den ukrainischen Fußball allerdings das geringere Problem. Den Klubs fehlt Geld, weil es in den Stadien keine Zuschauer gibt, Investoren ausgefallen sind und die Uefa nach Kriegsbeginn entschieden hat, dass ausländische Spieler ablösefrei ihre Vereine verlassen konnten. Auch das ist Teil der neuen Fußball-Wirklichkeit: Als im Januar der ukrainische Nationalspieler Mychailo Mudryk von Schachtar Donezk zum FC Chelsea wechselte, wurde ein Teil der Rekord-Ablösesumme von 100 Millionen Euro für Prothesen ausgegeben und für Familien gefallener Soldaten sowie der Verteidiger von Mariupol.
Die belastenden Nachrichten aus der Heimat treffen auch die ukrainischen Nationalspieler, die wie Mudryk im Ausland spielen, in Everton, Bournemouth, Bordeaux oder bei Real Madrid (Torwart Andrij Lunin). Russische Luftangriffe auf Kiew, Attacken auf Odessa, die Sorge um das Atomkraftwerk Saporischschja, die Kämpfe an den Fronten im Osten und Süden, zuletzt die Sprengung des Kachowka-Staudamms - irgendein Horror ist immer. Seit anderthalb Jahren zerstreuen sich die ukrainischen Fußball-Millionäre nicht bloß an der Playstation, sie lenken sich gezielt ab von den düsteren Nachrichten, den Telegram-Chats mit ukrainischen Freunden und Familien.
Serhij Rebrow, der Nationaltrainer, will jetzt, dass sein Team die Menschen in der Ukraine zerstreut. Mit dem Spiel gegen Deutschland, "gegen einen solchen Gegner", dürfte er das schaffen. "Ich denke, dieses Freundschaftsspiel ist für unsere beide Staaten sehr wichtig", sagte Rebrow. "Für Deutschland ist es das 1000. Spiel." Warum es für die Ukraine bedeutend ist, musste er nicht mehr erklären.

