Süddeutsche Zeitung

DFB-Team:Unbekümmert in Wembley

Vor einer außergewöhnlichen Kulisse verabschiedet sich das deutsche Nationalteam mit einem 2:1 gegen England von einem abwechslungsreichen Fußball-Jahr.

Von Anna Dreher

Alexandra Popp hatte sich diese Fragen genauso gestellt wie Sara Däbritz, Dzsenifer Marozsan und Melanie Leupolz. Auch die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg wollte sie am Samstagabend gerne beantwortet haben, im Londoner Wembley-Stadion gegen England, vor zehntausenden Zuschauern. Die Antworten betreffen ja sie alle, nicht nur in der Gegenwart, sondern vor allem in der Zukunft: Wo steht die deutsche Fußballnationalmannschaft der Frauen? Daran angeschlossen: Wie weit entfernt ist der zweimalige Welt- und achtmalige Europameister gerade von der Weltspitze? Und: Ist der Umbruch im Team erfolgreich vollzogen?

"Wir wollen England vor Probleme stellen", hatte Voss-Tecklenburg vor dem Länderspiel gesagt und war sich "sicher, dass wir mindestens ein Tor schießen werden". Und es dauerte nicht lange, bis sich zeigte, dass sie mit ihrer Einschätzung Recht behalten sollte: Ihr Team bereitete den Engländerinnen Schwierigkeiten - und gewann mit 2:1 (1:1).

Gerade einmal drei Minuten waren gespielt, als Popp den Ball von der auf dem Ausweis erst 17 Jahre alten, auf dem Platz aber überaus reifen Lena Oberdorf zugepasst bekam und fast die Führung erzielt hätte - wäre nicht die Latte im Weg gewesen. Die Kapitänin war überraschend in den Kader nachgerückt, nachdem sie sich in einem Bundesligaspiel mit dem VfL Wolfsburg das Außenband im Sprunggelenk gerissen hatte. Auch dank ihr zeigten die DFB-Frauen von Beginn an: Die dominierende Mannschaft wollten sie sein, Testspiel hin oder her. Und was beim ersten Versuch noch nicht geklappt hatte, gelang beim zweiten umso kunstvoller. Marozsan lupfte den Ball geschickt über zwei Gegnerinnen hinweg zur 18-jährigen Klara Bühl, die den Ball zu Kathrin Hendrich weiterleitete, Flanke auf Popp, Kopfball, 1:0. Voss-Tecklenburg, die mit grauer Wollmütze im Regen stand, hüpfte vergnügt zur Bank und klatschte mit ihrem Trainerteam ab.

Torhüterin Frohms verursachte erst einen Elfmeter - und parierte diesen dann

Dieses Spiel im mit 90000 Plätzen ausverkauften und letztlich von 77768 Zuschauern belebten Wembley-Stadion sollte ein Highlight zum Abschluss eines Jahres werden, das nach der Aufbruchsstimmung der ersten Monate noch überlagert wurde vom enttäuschenden Viertelfinalaus bei der Weltmeisterschaft im Sommer. Damit verpasste der amtierende Olympiasieger die Qualifikation für die Sommerspiele 2020 in Tokio. Und während die deutsche Delegation Anfang Juli wieder in der Heimat war, wirbelten sich die Engländerinnen mit ihrer schnellen, physischen, flexiblen Spielweise weiter und machten auch in einem dramatischen Halbfinale gegen den späteren Weltmeister USA auf sich aufmerksam. England als Gegenüber für eine Standortbestimmung passte also, auch wenn die Mannschaft des früheren Manchester-United-Profis Phil Neville zuletzt gegen Brasilien, Belgien und Norwegen nicht gewinnen konnte.

Nachdem die Deutschen, in deren Kader Stammtorhüterin Almuth Schult sowie Svenja Huth (beide VfL Wolfsburg), Giulia Gwinn (FC Bayern München) und Johanna Elsig (1. FFC Turbine Potsdam) verletzt fehlten, die ersten Minuten spielbestimmend waren, versuchten die Engländerinnen mit langen Bällen die Kontrolle zu gewinnen. Es half ihnen, besser ins Spiel und auch, zu besseren Chancen zu kommen: Nach einem Steilpass rannte Beth Mead alleine auf Torhüterin Merle Frohms zu, Frohms stürzte sich auf den Ball, erwischte dabei Meads Füße und verursachte einen Elfmeter. Wembley jubelte. Nikita Parris von Olympique Lyon schoss vom Punkt aus in der 36. Minute mit viel Kraft in die Mitte, Frohms sprang in ihre rechte Ecke, riss jedoch das linke Bein reaktionsschnell hoch und lenkte den Ball noch vom Tor ab.

Klara Bühl zeigte wieder ihre Unbekümmertheit, für die sie bei der WM so gelobt worden war

Ellen White war vor Anpfiff noch mit dem bronzenen Schuh für ihre Tore bei der WM ausgezeichnet worden und zeigte schließlich kurz vor der Pause auch an diesem Abend ihre Abschlussqualitäten. Wieder ein langer Pass hinter die Abwehr, White konnte sich davonstehlen und am Fünfmeterraum den Ball an Frohms vorbei rechts zum 1:1 ins Tor lenken (44.). Die zuvor deutlich spürbare Nervosität der Engländerinnen verflog immer mehr. Chancen hatten aber vor allem die Deutschen: Marozsan schoss knapp drüber (52.), Magulls Abstauber-Tor wurde aufgrund einer Abseitsstellung nicht gegeben (63.). In der 90. Minute zeigte die ohnehin auffällige Bühl ihre Unbekümmertheit, für die sie während der WM bereits gelobt worden war. Marozsan leitete den Ball von der Mitte aus auf die Offensivspielerin vom SC Freiburg, die ging nach außen, zog mit einer schnellen Bewegung nach innen - und schließlich ab zum 2:1 Endstand. Ihrem siebten Tor im zehnten Spiel für die Nationalmannschaft. "Wir haben alles gegeben und wollten unbedingt gewinnen. So eine Kulisse puscht einen nur, damit gibt an automatisch zehn Prozent mehr", sagte Klara Bühl nach der Partie.

Die endgültige Beantwortung der drängenden Fragen konnte dieser Abend nicht allein leisten. Aber dieser Leistungsschub von zehn Prozent - der sah schon ganz gut aus.

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SZ vom 10.11.2019/and
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