DFB-Team Plötzlich heißt die Frage: Özil oder Reus?

Wer spielt gegen Mexiko: Mesut Özil (2.v.l.) oder Marco Reus (ganz rechts)?

(Foto: dpa)
  • Bundestrainer Joachim Löw will zum WM-Auftakt gegen Mexiko Julian Draxler auf Linksaußen starten lassen.
  • Nun muss er sich in der Mitte zwischen Marco Reus und Mesut Özil entscheiden.
  • Manches spricht dafür, dass ausgerechnet der formstarke Reus zunächst zuschauen muss.
Von Christof Kneer, Moskau

Diese Zahlen sind so groß, dass man darüber fast die Wucht der politischen Debatte vergessen könnte. Dreiundachtzig! Fünfundzwanzig! Noch größer werden diese Zahlen, wenn man sie in Beziehung setzt: 83 seiner 90 Länderspiele hat Mesut Özil vom Anpfiff weg bestritten. Und unter dem Trainer Joachim Löw stand er seit 2010 in insgesamt 25 Turnierspielen exakt 25 Mal in der Startformation.

Mesut Özil ist vermutlich genau der Fußballspieler, der Joachim Löw gerne geworden wäre. Löw ist heute noch "ein Ditschler", wie die Leute aus dem DFB-Mitarbeiterstab sagen, die manchmal mit ihm kicken. Löw liebt es, den Ball zu streicheln und sanft weiterzuleiten, und dass er früher, anders als Özil, noch ein eiskalter Torjäger war, lag wahrscheinlich daran, dass er nicht für Real Madrid und den FC Arsenal spielte, sondern meistens für den SC Freiburg in der zweiten Liga.

Die Frage, ob Löw seinen Zehner also in einem WM-Auftaktspiel bringt, ist normalerweise so sinnvoll wie die Frage, ob das jeweilige Spiel auch wirklich mit einem Anstoß beginnt. Ja selbstverständlich spielt Özil, wer denn sonst?

Am Tag vor dem ersten WM-Gruppenspiel gegen Mexiko hat Löw die Frage nach der Startelf eher indirekt beantwortet, er sei "ein Fan von seinen Fähigkeiten", sagte Löw - und meinte allerdings Julian Draxler, den sie beim DFB aufs Podium der internationalen Pressekonferenz gesetzt haben, was seit mehreren Jahrhunderten ein einigermaßen verlässliches Zeichen dafür ist, dass der jeweilige Mensch auch spielen wird. Draxler könne "schon Entscheidendes bei dieser WM bewirken", sagte Löw, "er kann der Mannschaft viel geben, und darauf setze ich auch". Übersetzt hieß das so viel wie: Ja selbstverständlich spielt Draxler, wer denn sonst? Im ZDF formulierte Löw es später dann noch etwas direkter, er sagte: "So viel kann ich schon sagen, Julian wird von Anfang an spielen."

Am Ende könnte der Formstärkste aus dem Trio auf der Bank landen

Julian Draxler oder Marco Reus, das schien seit Wochen die einzige, wirkliche offene Frage in Löws Startelf zu sein, es ging dabei um Parameter wie Treue, Verlässlichkeit und aktuelle Form. Draxler habe beim Confederations Cup "noch mal einen großen Schritt in seiner Persönlichkeit, in seiner Gradlinigkeit, in seiner Professionalität gemacht", sagt Löw, der Draxler vor einem Jahr sogar als Kapitän zu diesem Vorbereitungsturnier nach Russland geschickt hatte. Treue und Verlässlichkeit sprachen also für Draxler, die aktuelle Form dagegen eher für den Dortmunder Reus, der im Trainingslager in Eppan ebenso überzeugt hatte wie - als einziger - im Testspielchen gegen Saudi-Arabien. Draxler hingegen war mit weniger Spielminuten als erwünscht zum DFB gereist, bei Paris St. Germain kommt er oft nur von der Bank, weil auf seiner Position ein recht talentierter Brasilianer namens Neymar spielt.

Nun aber, vor dem Auftakt gegen Mexiko, heißt die Frage auf einmal: Reus - oder Özil? Löws Lieblingszehner litt zuletzt an Rückenproblemen, noch im Südtiroler Trainingslager merkte der Bundestrainer recht streng an, dass Özil "unbedingt" Fitness brauche, um sein Spiel zu spielen. Inzwischen wirkt Özil aber wieder gesund und austrainiert genug, und die politische Debatte um das Erdogan-Foto nervt Löw zwar gewaltig, aber sie könnte nach interner Einschätzung eher dazu beitragen, Özil auch zum 26. Mal bei einem Turnierspiel in der Startelf zu belassen. Zwar gefällt es dem Bundestrainer weniger, wie Özil sich in der Debatte positioniert (nämlich gar nicht), aber Löw weiß natürlich, dass er die Sache mit einem Startelf-Verzicht noch größer machen würde, als sie ohnehin schon ist. Löw streicht Özil wegen Erdogan? Auf diese Schlagzeile legt der Bundestrainer nun wirklich keinen Wert.

Am Ende könnte also ausgerechnet Reus, der Formstärkste aus diesem Trio, auf der Bank landen, als Joker und Mann für die besonderen Augenblicke. Und vielleicht auch, um sich warm zu spielen für den Moment, in dem Löw ihn dann doch in die Startelf stellt. Die Mannschaft, die ins Turnier starte, sagt Löw, sei ja "meistens nicht die, die das Turnier auch beendet".

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