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Deutsche Nationalmannschaft:Überall liegen Pointen rum

03.09.20 Deutschland - Spanien Deutschland, Stuttgart, 03.09.2020, Fussball, UEFA, Nations League, DFB Deutschland - Spa; x

Einer der Gesetzten bei Jogi Löw: Stürmer Timo Werner, der am Dienstag erneut auf Spanien und Sergio Ramos treffen wird.

(Foto: Imago/Sportfoto Rudel)

... nur die passende Geschichte dazu fehlt noch. In das anstehende Turnierjahr geht Bundestrainer Joachim Löw mit einer Nationalmannschaft, die es so noch nie gab: Sie ist fertig und unfertig zugleich.

Von Christof Kneer, Leipzig

Ungarn! Ach, was für herrliche alte Geschichten könnte man da jetzt aus der Schublade holen, in den runtergewohnten Almanachen könnte man sich mit erhabenem Schauder durch ausgebleichte Bilder blättern, und auch Fritz Walter, der große Fritz Walter, hätte noch mal ein Lob verdient. Sehr pünktlich und ausgezeichnet getimed wäre er gerade 100 Jahre alt geworden, wunderbar passend zum eben ermittelten, vierten deutschen Gruppengegner: Ungarn - jenes Land, das Deutschland im Jahr 1954 dank einer Niederlage im WM-Finale zu einer Art verspäteter Legitimierung der noch jungen Bundesrepublik verhalf. So ungefähr steht es in den Almanachen.

Aber ist einem gerade feierlich zumute? Man weiß es nicht.

Der deutsche Nationalfußball wirkt etwas unrund im Moment, nicht nur, weil die EM 2020 offiziell zwar weiterhin EM 2020 heißt, aber erst 2021 zur Austragung kommt. 67 Jahre nach dem Wunder von Bern: Was soll das für ein Jubiläum sein? Und auch der geschichtsbewusste Bundestrainer Joachim Löw, der die deutsche Endspiel-Elf von 1972 auswendig runtersagen kann, ist im Moment nicht sehr historisch gelaunt. Laut Bild hat er zuletzt sogar einige recht aktuelle Energieanfälle erlitten, es gehe "jetzt um die Kaderplätze", soll Löw in der Kabine gerufen haben, "wir schauen jetzt genau hin!"

2020 ist das Jahr, in dem nicht nur Fritz Walter 100 geworden wäre, es ist auch das Jahr, in dem Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Jupp Heynckes 75 wurden. Weitere Jubilare waren Joachim Löw (60) und Hansi Flick (55), und vor allem an diesen beiden kann man erkennen, was für ein wunderliches Jahr das für den deutschen Fußball gewesen ist. Es ist das Jahr, in dem die wichtigste deutsche Fußballmannschaft mal wieder ein Turnier gewonnen hat: Okay, das allein wäre nicht so ungewöhnlich. Aber dass die wichtigste deutsche Fußballmannschaft nicht die Nationalelf ist und dass es sich bei dem Wettbewerb um ein pandemiebedingtes Champions-League-Turnier handelte: Das hätte sich Löw bei seinem Geburtstag im Januar vermutlich nicht gewünscht.

Es ist eine bewährte deutsche Standardsituation, dass die DFB-Elf immer dann besonders gut ist, wenn auch der FC Bayern besonders gut ist, oder vielleicht auch umgekehrt. Aber so wie jetzt war es noch nie: Bayerns Trainer Hansi Flick ist rund um die Uhr damit beschäftigt, Komplimente für sich und sein Team abzuwehren, für Flicks Bescheidenheit sind das harte Tage. Sein FC Bayern gilt gerade als beste Elf der Galaxis - derweil sich die Nationalelf seines ehemaligen Vorgesetzten Löw ein paar außerirdisch rufschädigende Debatten gefallen lassen muss.

Ob die Nationalelf die schwere Vorrundengruppe bei der EM wohl übersteht? Ob sie in der Weltrangliste noch tiefer sinkt und bei der Qualifikation für die WM 2022 womöglich im Lostopf der Halbstarken auftaucht? Ob sie in dieser ... na, wie heißt sie noch mal ... ja, Nations League ... vielleicht absteigen muss? Ob sie noch gut genug ist, am Samstag die Ukraine zu besiegen, sofern das Spiel stattfindet? Und ob sie überhaupt noch weiß, wie man hinten zu null spielt, außer gegen ein tschechisches B-Team wie jenes, dem sie am Mittwoch in Freundschaft begegnet ist?

Schon kurios: Beide Mannschaften, der FC Bayern und der DFB, bestehen zu erheblichen Teilen aus denselben Spielern. Neuer, Süle, Kimmich, Goretzka, Gnabry, Sané: Sie alle spielen für die Mannschaft, die so super ist, und sie spielen auch für die Mannschaft, die nix kann.

Nach allem, was man aus Geheimdienstkreisen hört, kann Löw nichts dafür, dass das Coronavirus ausgebrochen ist, er kann auch nichts dafür, dass er und sein Team dem Jahr 2020 weitgehend abhandengekommen sind. Dennoch ist Löw bewusst, dass er und sein Team zurzeit nicht nur gegen andere Teams antreten, sondern auch gegen die Schwarzmaler daheim; und noch etwas weiß Löw, oder er ahnt es mindestens: Dass es sehr deutlich von ihm abhängen wird, ob die DFB-Elf bald wieder zur zumindest zweitwichtigsten Elf des Landes aufsteigen kann.

Die EM wird ein Trainerturnier werden

Nun, da alle EM-Play-offs gespielt und alle Gruppen endgültig ermittelt sind, lohnt sich ein Blick auf jene Elf, die Deutschland im Sommer unter dem Rubrum "Die Mannschaft" vertreten wird. Es dürfte Löw beruhigen, dass sein Kader deutlich besser ist, als das lästernde Geraune es vermuten lässt, im Grunde ist sein demonstrativ kämpferischer Kabinenaufruf "Es geht jetzt um die Kaderplätze!" sogar eine Irreführung der Behörden.

Soll man mal durchzählen? Drei Torhüter (Neuer, ter Stegen, Trapp oder Leno), je zwei Rechts- und Linksverteidiger (Klostermann/Kehrer rechts, Halstenberg/Gosens oder Max links), genügend Innenverteidiger (Süle, Ginter, Rüdiger, Can), die Sechser/Achter-Fraktion (Kroos, Kimmich, Goretzka, Gündogan), ein paar offensive Mittelfeldtechniker (Havertz, Brandt, Draxler, Reus) sowie die Stürmer Gnabry, Werner, Sané und Waldschmidt - fertig wäre jenes naheliegende 23er-Aufgebot, das Löw für die EM bestellen könnte.

An den Rändern ließen sich unter Nerds noch erbitterte Fachdebatten führen (vielleicht doch der Außenverteidiger Henrichs? Oder Neuhaus anstatt des anfälligen Reus oder Draxler?), aber die übrigen Kandidaten wie Amiri, Hofmann, Stark, Serdar, Dahoud oder Baku sind nichts Anderes als Mitglieder eines imaginären B-Nationalteams, die im Sommer nur dann ein Turnier spielen dürfen, falls Fifa-Boss Infantino bis dahin ein Turnier für imaginäre B-Nationalteams erfindet.

So sonderbar stand eine DFB-Elf ein halbes Jahr vor Turnierbeginn noch nie da, so fertig und unfertig gleichermaßen. Die Elf besteht aus feinen und feinsten Füßen, aber völlig offen ist, nach welcher Choreografie sie tanzen. Man muss sich Löw wie einen Regisseur vorstellen, dem fremde Autoren lauter Super-Ideen zugeworfen haben, überall liegen Zettel mit Pointen und Geistesblitzen rum, aber es ist Löw, der nun eine tragfähige Geschichte draus machen muss. Dreierkette oder Viererkette? Dominanz- oder Umschaltfußball? Fußball über die Flügel oder über die Mittelspur? Personell ist Löws Elf eine geschlossene Gesellschaft, aber ideologisch ist sie so offen wie lange nicht mehr.

Die EM wird wohl ein Trainerturnier werden. Von Löws Fantasie und Aggregatzustand (schwebend oder geerdet?) dürfte abhängen, ob er sich in die Riege jener DFB-Coaches einreihen darf, die Europameister wurden. Der bislang letzte - Berti Vogts - wird nächstes Jahr übrigens 75.

© SZ vom 14.11.2020/ska
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