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DFB-Team:Der Star ist die Aufstellung

Fussball, Herren, Deutschland, Nationalmannschaft; Testspiel zur Euro 2021, Merkur-Spiel-Arena Düsseldorf: Deutschland (

Hat Joachim Löw seine Wunschaufstellung gefunden?

(Foto: Uwe Kraft/imago images)

Mit einer ungewöhnlichen Formation überrascht Bundestrainer Joachim Löw im Testspiel gegen Lettland - sein Team hat sichtlich Freude beim 7:1-Sieg. Es deutet sich gar ein Hauch EM-Stimmung an.

Von Philipp Selldorf, Düsseldorf

Außer den hauptamtlichen TV-Berichterstattern gab es im Düsseldorfer Rheinstadion noch einen weiteren ständigen Kommentator. Mangels Arbeit begleitete Manuel Neuer die Partie zwischen Deutschland und Lettland als Live-Coach, er redete kaum weniger als die Dauerquassler vom Fernsehen. Er lobte Toni Kroos ("guter Pass!"), trieb Matthias Ginter an ("geh, Matze!") mahnte zum Angriff ("vor, Männer, vor!") und zur Solidarität ("helfen!"), aber nach einer halben Stunde verstummte Neuer. Was sollte er noch sagen? Deutschland führte 3:0 und brauchte keine Ratschläge. Den Rest des Spiels schaute sich Neuer entspannt aus der Ferne an und genoss das Gefühl einer gelungenen, wenngleich nicht besonders aussagekräftigen Generalprobe. Nur der lettische Ehrentreffer unterbrach die friedliche Zeit. 7:1 (5:0) gewann die DFB-Elf schließlich gegen den baltischen Sparringspartner, der in der Weltrangliste zwischen Myanmar und Tansania Platz 138 belegt.

Beim letzten Treffen mit Lettland, während der Euro 2004, gab es ein für Deutschland glückliches 0:0, dergleichen stand am Montagabend vor 1000 gutgelaunten Zuschauern nicht zur Debatte. Der Favorit ließ keine Zweifel an seinen überlegenen Mitteln. Knapp zwanzig Minuten hielt die Gegenwehr im dichten lettischen Abwehrbund, dann fand Robin Gosens nach Doppelpass mit Kai Havertz ein Loch in der Festung. Ilkay Gündogan ließ gleich darauf den nächsten Treffer folgen, und danach war es mehr ein ambitioniertes Trainings- als ein seriöses Länderspiel. Auch Thomas Müller meldete sich als Autor des 3:0 sozusagen endgültig zurück.

Manuel Neuer hatte das Spielfeld in der Rolle des Hauptdarstellers betreten. Zu Ehren seines 100. Einsatzes im DFB-Trikot empfingen ihn die Kollegen im Spalier. Neuer passierte den Korridor auf seine Weise: Nicht gemessen wie eine königliche Hoheit, sondern in den beschwingten, federnden Schritten, die für ihn typisch sind. Weitere charakteristische Eindrücke seiner besonderen Torwartkunst durfte er nicht mehr vorführen, die Mitspieler hielten die Letten fern von Neuers Tor. Das Gegentor - selbstredend unhaltbar - hat ihn dann, wie man ihn kennt, umso mehr geärgert.

Germany v Latvia - International Friendly

Schlusspunkt einer ebenso vergnüglichen wie gegenwehrarmen ersten Halbzeit: Serge Gnabry (Nr. 10) erzielt das 5:0 für die DFB-Auswahl.

(Foto: Lars Baron/Getty Images)

Der aufregendste Augenblick an diesem unterhaltsamen, aber beschaulichen Abend war möglicherweise der Moment, als der DFB die Aufstellung bekanntmachte. Joachim Löw hatte am Sonntag von seinen Gedankenspielen erzählt, den Mönchengladbacher Jonas Hofmann beizeiten mit dem Job an der rechten Außenbahn zu betrauen. Vielleicht hat er am nächsten Tag leise gekichert, als er die voraussichtlichen Aufstellungen in den Zeitungen studierte - überall der Name Hofmann. In Wahrheit wagte Löw einen großen strategischen Wurf und beorderte Joshua Kimmich auf seinen alten Stammplatz an der Seite. Eine Lösung, die er zwar nie ausgeschlossen, aber jahrelang konsequent ausgelassen hatte. Kimmich hat einen anerkannten Wert im zentralen Mittelfeld und sieht sich auch selbst am liebsten in der Rolle des Quarterback. Doch Löw hat halt auch dieses Problem mit dem Überangebot an hochklassigen Mittelfeldspielern. Mit Kimmich auf der Außenbahn schafft er Platz für eine kreative Schaltzentrale, in der Gündogan und Toni Kroos ihre Erfahrung und ihr Organisationsvermögen einbringen können. Wobei Kroos, bekannt für eine gegen 100 Prozent tendierende Passquote erstaunlich viele Fehlpässe unterliefen.

Die Kimmich-Lösung könnte sich auch für den Start ins Turnier eignen, auch die Offensive mit Havertz, Thomas Müller und Serge Gnabry stellt eine denkbare Wunschformation dar. Ein Test gegen Lettland gibt allerdings kaum Auskunft darüber, ob das Modell auch gegen Frankreich taugt. Diese Partie war eher dazu geeignet, die ohnehin schon auffallend gute Laune im deutschen Lager noch ein bisschen zu heben. Das Toreschießen hat Löw ausdrücklich zum zweiten Schwerpunkt der Vorbereitung erklärt, darin hatten sich die Deutschen zuletzt schwergetan. Einige Akteure, die es durchaus nötig haben, verließen nun mit einem Erfolgserlebnis den Rasen. Leroy Sané und Timo Werner, beide zur Pause eingewechselt, hatten sichtlich ihre Freude daran.

Zum Schluss gab's fröhlichen Beifall von der kleinen Kolonie Fans auf der Haupttribüne und sogar eine Art Ehrenrunde der Mannschaft - man wollte beinahe einen Hauch EM-Stimmung erkennen in Düsseldorf.

© SZ/ebc/mp/schm
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