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Deutsche Nationalmannschaft:Joachim Löw muss etwas beweisen

  • In den letzten beiden Länderspielen des Jahres will Bundestrainer Löw mit neuem Personal für positive Stimmung sorgen.
  • Das Frankreich-Spiel dürfte ihn ermutigt haben, weiterhin auf junge Spieler zu setzen.
  • Zwei Erfolge gegen Russland und die Niederlande, "das wäre schön, das Jahr so abzuschließen, das würde uns guttun", sagt Löw.

Von Sebastian Fischer

Als Joachim Löw sich zuletzt in einen Weihnachtsurlaub verabschiedete, war seine Stimmung mit entspannt noch äußerst zurückhaltend beschrieben. Deutschland hatte sich im November 2017 in Köln 2:2 von Frankreich getrennt; das Testspiel hatte ein paar Indizien geliefert, dass Frankreich sehr schnelle Stürmer hat - und Deutschland eine nicht ganz so effektive Verteidigung gegen sehr schnelle Stürmer. Aber Löw sagte fast empört: "Warum soll ich mir jetzt irgendwelche Sorgen machen?" Er werde "keine einzige schlaflose Nacht" bis zum Beginn der WM haben, versicherte er. Und er empfahl: "Bitte keine Nervosität in irgendeiner Form."

Ein Jahr später wäre es immer noch eine unzutreffende Gemeinheit, Löw Unausgeschlafenheit zu unterstellen. Auf den jüngsten Bildern vom Training der Nationalelf schaut er wach und höchstens mit einem Ansatz von Augenringen unter einer Kapuze hervor. Aber: keine Nervosität?

Deutschland kann aus der ersten Staffel der Nations League absteigen, das ist das Szenario, für dessen Abwendung es im letzten Pflichtspiel des enttäuschenden Jahres 2018 am Montag gegen die Niederlande in Gelsenkirchen einen Sieg braucht, mindestens. Es ist auch das Szenario, das schon das Testspiel gegen Russland an diesem Donnerstag in Leipzig thematisch begleitet. Zwei Erfolge, "das wäre schön, das Jahr so abzuschließen, das würde uns gut tun", sagt Löw. Doch noch wichtiger werden zweimal die Indizien sein, dass Löw sich durchaus Gedanken, vielleicht sogar Sorgen gemacht hat - und daraus die richtigen Schlüsse zieht.

"Wir wollen den jungen Spielern mehr Chancen und Platz geben", sagt Bierhoff

Es ging in den vergangenen Monaten auch immer mal wieder um die vor einem Jahr undenkbare Frage, wie sicher eigentlich Löws Zukunft beim DFB ist. Diese Frage wurde lauter nach dem 0:3 gegen die Niederlande vor einem Monat. Sie wurde allerdings auch wieder leiser, nachdem Deutschland danach nur 1:2 gegen Weltmeister Frankreich verlor. Erstmals seit dem Vorrunden-Aus bei der WM hatte Löw in Paris seine Aufstellung signifikant verändert, vor allem verjüngt. Und so soll es nun ganz offensichtlich weitergehen.

In der ersten Pressekonferenz in Leipzig, am Dienstag in einer Schule, saßen neben Manuel Neuer als einzigem Weltmeister von 2014: Leroy Sané, 22, Julian Brandt, 22, und Timo Werner, 22. Junge Spieler würden in der Nationalelf gut eingebunden, sagte Sané, für die WM von Löw bekanntlich noch ausgebunden. "Wir können uns jetzt beweisen und etwas mehr Druck ausüben", sagte Sané über die kommenden Spiele. "Wir wollen den jungen Spielern mehr Chancen und Platz geben", sagte Manager Oliver Bierhoff - und lobte Löws Erfahrung, mit der er den Umbruch gestalten werde.

Wenn Löw, 58, in den vergangenen Monaten nach diesem Umbruch gefragt wurde, antwortete er stets mit Einschränkungen. Er wies daraufhin, dass Deutschland in der Breite nicht über unendliche Qualität verfüge, dass junge Spieler auch erfahrene an ihrer Seite bräuchten. Am Rande des Bundesligaspiels zwischen Borussia Dortmund und Bayern München, in dem eine sehr junge Dortmunder Mannschaft (nach einem Umbruch) die älteste Mannschaft der Liga (vor einem Umbruch) mit 3:2 besiegte, sagte er dem Sport-Informationsdienst, das Potenzial der jungen Nationalspieler stimme ihn mit Blick auf die EM 2020 optimistisch. Die Einschränkung: "Diese jungen Spieler brauchen aber eine Orientierung. Da helfen die erfahrenen Spieler. Daher muss der Mix stimmen. Mit dieser Mischung werden wir wieder zu einer schlagkräftigen Einheit."

Wird Marco Reus der älteste Feldspieler sein?

Löw weiß, dass viele sich von ihm gleich nach der WM einen radikalen Schnitt gewünscht hatten, dass viele es nicht verstanden, als er - vom Rücktritt von Mesut Özil abgesehen - nur Stammspieler Sami Khedira, 31, vorerst nicht mehr nominierte. Die große Veränderung war es zunächst, Joshua Kimmich auf Khediras Position auf der Sechs zu schieben. Nach den Eindrücken von Paris vor einem Monat weiß Löw nun, dass er ein bisschen mehr verändern kann, ohne großartig nervös zu werden.

Vor den Partien gegen Russland und die Niederlande hat er den um Fitness kämpfenden Jérôme Boateng, 30, nicht nominiert, der nächste Schritt, auch wenn Löw genau wie Bierhoff die Vorläufigkeit dieser Maßnahme betonte. Löw hat sicher registriert, dass der Münchner Mats Hummels am Samstag erkältet von Dortmundern überlaufen wurde; dass dessen Kollege Thomas Müller zuletzt manchmal auf Geistesblitze des Trainers Niko Kovac angewiesen war, um überhaupt zum Einsatz zu kommen.

Da auch Julian Draxler zumindest gegen Russland wegen eines Trauerfalls in der Familie ausfällt, ist davon auszugehen, dass die nächste Aufstellung mindestens ähnlich jung aussieht wie zuletzt, als neben Werner und Sané Serge Gnabry stürmte und mit Hummels Niklas Süle und Matthias Ginter verteidigten.

Womöglich könnte am Donnerstag Marco Reus der älteste deutsche Feldspieler sein - wenn er gesund ist. Dass der Dortmunder, mit 29 in der wohl besten Form seines Lebens, am Dienstag im Training fehlte, hatte nichts mit dem Umbruch zu tun, sondern mit einer Fußprellung.

© SZ vom 14.11.2018/ebc
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