Süddeutsche Zeitung

Fußball-Nationalmannschaft:Löw verzichtet auf Gehalt

  • Per Videoschalte äußert sich Joachim Löw zu den jüngsten Entwicklungen und Spielabsagen rund um das Coronavirus.
  • Die Verschiebung der EM bedauert er, hält sie aber für alternativlos. Verletzte Spieler wie Leroy Sané und Niklas Süle hätten nun mehr Zeit, um ins DFB-Team zurückzukehren.
  • Die Nationalspieler rufen unterdessen zur Spendenaktion für soziale Zwecke auf - und steuern selber 2,5 MIllionen Euro bei.

Pünktlich um 15 Uhr schlug am Mittwoch die Stunde des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), als seine prominentesten Vertreter in einer Gipfelkonferenz zusammenkamen, um mit zugeschalteten Reportern den Stand der Dinge zu bereden. Während der Präsident Fritz Keller in der Zentrale in Frankfurt saß, gesellten sich in München Sportmanager Oliver Bierhoff und in Freiburg Bundestrainer Jogi Löw hinzu. Es gab viele Fragen an die Herren, aber entsprechend der ungewissen Lage wenige verbindliche Antworten.

Die Nachricht des Tages hatte der Verband bereits gegen Mittag bekannt gemacht. Die Nationalmannschaft hat angesichts der Coronakrise einen Spendenaufruf gestartet und geht mit gutem Beispiel voran: Die Nationalspieler um Kapitän Manuel Neuer spenden 2,5 Millionen Euro für soziale Zwecke. Über die Plattform "wirhelfen.eu" kann sich jeder Fan an der Aktion beteiligen, die die Profis über Instagram bekannt machten.

"Wir müssen aufeinander schauen in solchen Zeiten", betonte Neuer, der sich wie mehrere seiner Kollegen in einer Videobotschaft an die Fans wandte. "Wir alle merken, dass wir uns in einer absoluten Ausnahmesituation befinden. Jeder von uns ist betroffen", ergänzte Joshua Kimmich: "Deshalb ist es wichtig, dass wir einander helfen und unterstützen. Wir sollten uns alle unserer Verantwortung bewusst sein und Solidarität zeigen."

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Bierhoff berichtete am Nachmittag, die Initiative sei aus dem Kreis der Mannschaft entstanden. Den Anstoß hätten die langjährigen Nationalspieler Neuer, Marc-André ter Stegen, Kimmich, Ilkay Gündogan und Toni Kroos gegeben, "es kam ruckzuck das Okay" aus der weiteren Belegschaft. Löw und Bierhoff wollen derweil offenbar finanzielle Zugeständnisse gegenüber ihrem Arbeitgeber machen. DFB-Präsident Keller sagte, die beiden seien "auf uns zugekommen" und hätten "angedeutet", einen Gehaltsverzicht zu akzeptieren. Keller teilte außerdem mit, der DFB prüfe Hilfsprogramme für die Regional- und Landesverbände: "Wichtig ist, dass wir die Struktur von 25 000 Vereinen von der Kreisliga bis zur Bundesliga erhalten." Die beiden ausgefallenen Testspiele in Spanien und in Nürnberg gegen Italien sollen baldmöglich nachgeholt werden, unter Umständen auch ohne Publikum.

Der Bundestrainer hat im vergangenen November das bislang letzte Länderspiel des DFB-Teams moderiert. Durch die Stornierung der Testspiele und durch die Verschiebung der Europameisterschaft im Sommer wird er weitere Monate darauf verzichten müssen, seiner eigentlichen Tätigkeit als Fußball-Lehrer nachzugehen. Löw bezeichnete die Absagen aber als "völlig richtig und völlig alternativlos".

Die sportlichen Auswirkungen könne er nicht beurteilen: "Ob das ein Nachteil oder ein Vorteil für uns ist, dass wir das Turnier erst nächstes Jahr bestreiten, das kann ich nicht beurteilen. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten und Ungewissheiten." Er sei, sagte Löw, im Hinblick auf die EM zuversichtlich gewesen: "Wir haben es trotz der Verletzungen und einiger Probleme geschafft, eine gute Mannschaft zu entwickeln und die Qualifikation vor den Holländern zu gewinnen", sagte er. Der Trainerstab habe sich gut vorbereitet auf die letzten Monate vor dem Turnier: "Wir hätten gute Lösungen gehabt für unsere jungen Spieler, die nicht am oberen Level ihrer Leistungsfähigkeit sind und sicher noch zwei, drei Jahre brauchen." Ein Vorteil sei, dass Niklas Süle und Leroy Sane nun mehr Zeit bekämen, ihre Verletzungen auszukurieren, bevor sie wieder zum DFB-Team hinzukämen.

Insgesamt bedauerte Löw aber die Absage: "Ich habe in der Mannschaft sehr viel Motivation und Vorfreude gespürt, im November merkte man, dass ein besonderer Spirit herrscht und uns ein unsichtbares Band zusammenhält. Wir wären jetzt bereit gewesen. Wie das im kommenden Jahr ist, kann ich nicht sagen, aber das ist im Moment auch nicht wichtig." Löw hob stattdessen hervor, auch für ihn sei nun Ruhe die erste Bürgerpflicht: "Ich versuche, so gut es geht, soziale Kontakte zu vermeiden, und bewege mich nur im Kreis engster Freunde und der Familie. Zuhause bleiben, in mich gehen und nachdenken", dies sei nun sein tägliches Programm, "nur zum Spazierengehen und Fahrradfahren gehe ich raus". Die Welt, sagte der Bundestrainer, habe durch das Virus "einen kollektiven Burnout erlebt".

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SZ vom 19.03.2020
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