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DFB-Team kommt in Polen an:Weit entfernt von Häme

Joachim Löw und sein Team haben bis zur Ankunft im EM-Quartier viele Konflikte abgeschliffen. Der Bundestrainer mag sich vor manchem Schrecken fürchten, aber ganz gewiss nicht vor einem Rauswurf durch den DFB-Präsidenten.

Zehn Minuten nach dem erneut ziemlich dürftigen Testspiel gegen Israel stand auf einmal der Präsident in der Kabine der deutschen Nationalmannschaft. Fußballtrainer haben Grund, solche Momente zu fürchten: Taucht der Präsident in der Kabine auf, verheißt das häufig nichts Gutes. Als jetzt jedoch Wolfgang Niersbach, der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), seine Grundsatzrede ans Team richtete, brauchte sich Joachim Löw nicht zu sorgen. "Es macht mich stolz, wie ihr euch präsentiert, und welchen super Teamgeist ihr habt", schwärmte der 61-Jährige den Spielern vor, die sich wahrscheinlich fragten, womit sie solches Lob verdient hatten.

Joachim Löw mag sich vor manchem Schrecken fürchten, vor grauen Haaren oder einem akuten Defekt der Espressomaschine im Mannschaftshotel, aber ganz gewiss nicht vor einem Rauswurf durch den DFB-Präsidenten. Das Verhältnis zwischen Löw und Niersbach ist unkompliziert und mittlerweile auch recht eng; die strukturellen Konflikte haben sich längst abgeschliffen.Die einst umkämpfte Autonomie der Abteilung Nationalmannschaft wird im DFB anerkannt, sie ist den Beteiligten keinen Streit mehr wert. Verbandspolitisch herrscht für Löw vor der EM arkadischer Frieden. Mit seinem Arbeitgeber hatte er sich zwar schon versöhnt, als der noch nach Altendiezer Art von Theo Zwanziger geführt wurde.

Den Vertragsverlängerungen bis 2012 bzw. bis 2014 gingen jedoch schwere Irritationen voraus, die Löw und seinen Stab bei der WM 2010 in Südafrika auf Schritt und Tritt begleiteten. Damals war die Beziehung so schwierig, dass Löw mit einem auslaufenden Arbeitsvertrag angereist war, was große Debatten in der Öffentlichkeit bewirkte.

Bis zum Abreisetag wusste er selbst noch nicht, ob er weiterhin dieser Firma angehören wollte, in der es gelegentlich ziemlich intrigant zuging. Oliver Bierhoff, der Teammanager, hatte bereits mit seinem Job abgeschlossen. Nun hat aber auch Bierhoff, der früher nahezu mutwillig Kritik und Häme auf sich gelenkt hat, seine Ruhe gefunden. "Ich merke, dass die Arbeit im Verband sich sehr stark entspannt hat", bemerkte er vorige Woche in einem Interview. Ähnliches lässt sich über sein ehedem durchaus heikles Verhältnis zum vormaligen Generalsekretär Niersbach sagen.

Es ist schon lange her, dass ein deutscher Bundestrainer von spontanem Rausschmiss bedroht war, der jüngste Fall liegt mehr als sechs Jahre zurück: Jürgen Klinsmann war im Frühling vor der WM 2006 durch das schockierende 1:4 der Nationalelf in Italien unter Druck geraten, und weil er mit seiner kompromisslosen Art im Verband und in der Bundesliga genügend Leute gegen sich aufgebracht hatte, gab es einige Herren im Präsidium, die auf seine Dienste gern verzichtet hätten. Zumal da der DFB soeben zu Klinsmanns Ärger Matthias Sammer engagiert hatte, der außer als Sportdirektor auch als Schatten-Bundestrainer fungierte. Klinsmann hielt ihn während der WM konsequent fern vom Nationalteam, im Schlosshotel in Berlin hatte er quasi Hausverbot.

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