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DFB-Team:Eine Elf aus Legionären

Elf der 22 Nationalspieler, die für die kommenden Partien nominiert sind, spielen schon oder bald im Ausland. Welche Vorteile das bringt, weiß Antonio Rüdiger vom FC Chelsea.

Von Ulrich Hartmann

Während der internationale Flugverkehr in Corona-Zeiten deutlich eingeschränkt bleibt, dürfte sich das Flugnetz des Fußball-Bundestrainers Joachim Löw demnächst ausweiten. Neu in seinem Linienflugplan erscheinen der englische Airport Leeds Bradford International, um den Innenverteidiger Robin Koch beim dortigen Erstligisten Leeds United zu besuchen, sowie der portugiesische Aeroporto Humberto Delgado, in dessen Nähe künftig Luca Waldschmidt für Benfica Lissabon Tore schießen will. Die Reise in den Londoner Stadtteil Chelsea könnte sich für Löw demnächst gleich dreifach lohnen, weil dort nämlich schon Antonio Rüdiger und Timo Werner spielen und vermutlich bald sogar Kai Havertz.

Elf der 22 Nationalspieler, die Löw für die Nations-League-Spiele am Donnerstag gegen Spanien und am Sonntag in der Schweiz nominiert hat, spielen in der nächsten Saison in ausländischen Ligen. Für den heimatverbundenen Bundestrainer bedeutet dies, dass er bald auf viele Bonusmeilen kommen könnte. Sollte er auf seinen kontinentalen Beobachtungsreisen jedoch viele gute Leistungen zu sehen bekommen, könnte es bei der EM im nächsten Jahr einen Rekord geben: Dann könnte Löw womöglich noch mehr als jene neun Legionäre berufen, mit denen er bei der EM 2016 eine historische Marke für den Deutschen Fußball-Bund aufgestellt hat.

Am Donnerstag in Stuttgart oder am Sonntag in Basel könnte Löw theoretisch eine Startelf ausschließlich aus Legionären aufstellen: Bernd Leno (Arsenal) im Tor, Thilo Kehrer (Paris), Rüdiger (Chelsea), Koch (Leeds United) und Robin Gosens (Bergamo) in der Viererkette, Ilkay Gündogan (Manchester City) und Toni Kroos (Real Madrid) vor der Abwehr, Havertz (Chelsea?) im zentral-offensiven Mittelfeld sowie Julian Draxler (Paris), Waldschmidt (Benfica) und Werner (Chelsea) in der Sturmreihe. Diese elf deutschen Export-Schlager könnten sich nahezu perfekt in die elf Positionen einfügen, allerdings geht es in beiden Partien um Punkte für die Nations League, da werden natürlich keine statistischen Späße angestellt!

Wechsel ins Ausland bringen Fußballer erfahrungsgemäß nicht nur fußballerisch voran. Das Verlassen der heimischen Komfortzone, neue kulturelle und sprachliche Einflüsse im privaten Umfeld sowie mehr taktische Variabilität durch möglichen zusätzlichen fußballerischen Input helfen bei der Erweiterung des persönlichen Horizonts. Genau so hat das auch Antonio Rüdiger, 27, erlebt, als er 2016 mit 23 Jahren vom VfB Stuttgart zu AS Rom und ein Jahr später zum FC Chelsea gewechselt ist.

Vorteil Klübchenbildung

"Mir hat es als Mensch gut getan, andere Kulturen und andere Sprachen kennenzulernen, das heimische Nest zu verlassen und ein Mann zu werden", sagt er heute. Das sei auch für die aktuelle, jüngere Generation "sicher gar nicht so schlecht". An Vorbildern mangelt es diesbezüglich in der deutschen Mannschaft nicht. "Spieler wie Toni Kroos, Sami Khedira oder Mesut Özil sind relativ früh raus aus Deutschland, und das hat man an ihrer Entwicklung auch gesehen - als Fußballer und als Menschen", sagt Rüdiger.

Am Wechsel von Werner und womöglich auch Havertz zu Chelsea gefällt Rüdiger etwas überraschend ausgerechnet die Aussicht, "dann wieder ein bisschen mehr Deutsch sprechen zu können". Rein spielerisch könne es hilfreich sein, mit deutschen Kollegen vom FC Chelsea beim DFB einen eingespielten Block zu bilden. Werner findet sowieso, dass es für die Nationalmannschaft von Vorteil ist, "verschiedene Typen" auch aus internationalen Klubs zu haben: "Typen, die in ihren Karrieren schon einiges durchgemacht und sich dadurch weiterentwickelt haben und nicht beim kleinsten Widerstand umkippen und sich aus der Verantwortung ziehen."

Sollte Havertz' Wechsel zum FC Chelsea umgesetzt werden, würden die Londoner neben Borussia Dortmund (Nico Schultz, Julian Brandt, Emre Can) im derzeitigen deutschen Kader den stärksten Vereins-Block stellen. Das liegt allerdings daran, dass die meisten Spieler vom FC Bayern frei bekommen haben; und eingespielt sein werden Rüdiger, Werner und Havertz als Trio natürlich noch längst nicht. Perspektivisch aber ist diese Art der Klübchenbildung gar nicht schlecht. "Denn während es nicht so einfach ist, wenn die Spieler alle paar Monate aus vielen Vereinen zusammenkommen", sagt der Münchner Niklas Süle, "so ist es von Vorteil, dass sich viele unserer Spieler schon lange kennen oder sogar gemeinsam in einem Verein spielen."

Doch nicht alle Transfers dieses Sommers werden sich wohl auf den Flugplan des Bundestrainers auswirken. Die Reise nach Monte Carlo könnte sich Löw vermutlich auch weiterhin sparen, denn Kevin Volland wird nach seinem voraussichtlichen Wechsel von Bayer Leverkusen zu AS Monaco wahrscheinlich auch dann nicht unbedingt im Nationalteam berücksichtigt. 2010 hat Löw übrigens einen Kader ganz ohne Legionäre zur Weltmeisterschaft nach Südafrika mitgenommen. Damals war im Halbfinale (gegen Spanien) Schluss - genauso wie bei der Europameisterschaft 2016 (gegen Frankreich), Legionäre hin oder her.

© SZ vom 02.09.2020/ska
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