DFB-Team Jogi schwebt nicht mehr

In der Post-WM-Grübelphase: Joachim Löw, alleinverantwortlicher Bundestrainer seit 2006.

(Foto: Stefan Matzke / sampics)
  • Joachim Löw steht mit der Nationalmannschaft vor entscheidenden Partie gegen die Niederlande und Frankreich.
  • Wie nun bekannt geworden ist, können sowohl Löw als auch der DFB den bis 2022 gültigen Vertrag nach der EM 2020 kündigen.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen der Nations League.
Von Philipp Selldorf, Amsterdam

Während der großen Fußballkonferenz des Weltverbandes Fifa am 23. September in London befand sich der deutsche Bundestrainer dort, wo er hingehörte: mittendrin in der Menge, als einer unter vielen. 190 Nationaltrainer nahmen teil, Löw, Vertreter des WM-Verlierers Germany, saß neben den Kollegen aus Georgien und Gibraltar. Auf der Bühne sezierten außer dem Weltmeistercoach Didier Deschamps die Fußball-Legenden und Fifa-Funktionäre Carlos Alberto Parreira, Marco van Basten und Clarence Seedorf das Geschehen beim WM-Turnier, als van Basten plötzlich einen Einfall hatte: "Es wäre jetzt interessant, mit Mister Löw zu sprechen", sagte er, was seinen Landsmann spontan zur Programmänderung veranlasste. "Herr Löw, wo sind Sie?", rief Seedorf in den Saal hinein.

Für Löw gab es kein Entkommen, aber augenscheinlich kostete es ihn keine Überwindung, ein Mikrofon zu nehmen und dem Weltkongress zu erklären, warum er mit seiner Mannschaft in Russland gescheitert war. Unter anderem gab er "taktische Fehler" zu, und weil ein Trainerkonvent keine Selbsthilfegruppe ist, sondern eher einer Vollversammlung der Unfehlbaren gleicht, rief er durch seine Selbstbezichtigung großes Aufsehen hervor. Van Basten teilte feierlich mit, er sei "froh und stolz, dass Sie aufgestanden sind und so offen zu uns gesprochen haben, das war sicherlich nicht einfach". Seedorf schwärmte von "wundervollen Einsichten".

Für jene 189 Koryphäen, die in London beieinandersaßen, ist die WM Geschichte, analysiert und aufgearbeitet, Jogi Löw aber befindet sich noch mittendrin in der privaten Verlängerung des Turniers. Daran hat ihn während der vergangenen Woche sein ehemaliger Kapitän und spezieller Freund Michael Ballack erinnert, als er der Deutschen Welle erzählte, er sei "wie viele andere Leute überrascht gewesen, dass er seinen Job behalten hat". Die Herren des DFB müssten sich "doch eingestehen, dass die Dinge nicht mehr funktionieren, wenn jemand so lange mit einer Mannschaft zusammenarbeitet wie er".

Löws DFB-Vertrag gilt bis 2022, nach der EM 2020 haben beide Parteien ein Ausstiegsrecht

Bis zum Abpfiff der Nations-League-Spiele gegen die Niederlande und Frankreich am Samstag und Dienstag steht Ballacks Wort lediglich als einzelne Meinungsäußerung im öffentlichen Raum. Aber den DFB-Verantwortlichen ist bewusst, dass sich das wahrscheinlich ändern wird, falls es auf unschöne Weise schiefgehen sollte in Amsterdam und Paris. Dass es dann in Deutschland eine Bundestrainer-Debatte geben wird, daran hat man in Frankfurt wenig Zweifel.

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Anders aber, als Ballack das vielleicht glaubt, hatten die Oberen des Verbandes eine solche Debatte selbst bereits auf die imaginäre Tagesordnung gesetzt, nachdem Löw Anfang Juli seine Bereitschaft zum Bleiben erklärte: Im Fall des Abstiegs aus der Eliteklasse der Nations League sei Löw nicht mehr zu halten, dies war der unzweideutige Tenor im DFB-Präsidium. Ob dieser Grundsatz jetzt noch gilt, liegt aber im Ungewissen. Es heißt, dass man für den Fall der Fälle vorbereitet wäre, doch man ist mittlerweile wieder besserer Hoffnung, den sogenannten Plan B nicht aktivieren zu müssen. Oliver Bierhoff wird als zuständiger Manager dem Präsidium bei der nächsten Sitzung am kommenden Freitag Bericht erstatten. Im ärgsten Fall könnte es dann einen Beschluss geben, aber dieser Beschluss könnte auch lauten, dass Löw noch die Chance bekommt, im November beim Heimspiel gegen die Niederlande den zweiten Gruppenplatz zu retten. Derzeit verlangt ja niemand, dass der Bundestrainer seine Mannschaft vor dem Weltmeister Frankreich in die Endrunde der Nations League führt.

Die Rückmeldungen, die Bierhoff den Funktionären aus der Mannschaft bisher übermittelt hat, seien positiv. Die Spieler seien sich ihrer eigenen Schuld am WM-Versagen bewusst und wollten unbedingt mit Löw weiterarbeiten, "da wird totale Unterstützung gelebt", heißt es aus Frankfurt. Dies hat sogar Michael Ballack bestätigt, beim 0:0 gegen Frankreich Anfang September habe er "wirklich gute Spieler gesehen, die sich mit den Franzosen messen konnten". Während mancher Kritiker monierte, Löw habe entgegen seinem Vorsatz der "tief greifenden Veränderungen" bloß wieder die alten Gesichter im Nationalteam versammelt, glaubt man beim DFB, dass der Bundestrainer mit Manager Bierhoff die richtigen Lehren gezogen hätte. Die Verringerung des Betreuerstabs um zwölf Mitglieder und die Beförderung von Marcus Sorg zum ersten Assistenten (auf Kosten des ins Scouting versetzten Thomas Schneider) habe "mehr Übersicht und Vertraulichkeit" geschaffen.