DFB-Team Egos in der Eistonne versenken

Das Wat-woll'n-Se-Interview von Per Mertesacker war 2014 ein wichtiger Weckruf für das spätere Weltmeister-Team.

(Foto: Matthias Hangst/Getty)

Bei der WM 2014 haben Spieler wie per Per Mertesacker den Widerstand organisiert, als es knapp wurde im Turnier. Sie fehlen nun - dabei kommt es erneut darauf an, dass die Mannschaft eine innere Haltung entwickelt.

Kommentar von Christof Kneer, Watutinki

Am Montag hätte Philipp Lahm in Watutinki auftreten sollen, und er hätte bestimmt einige korrekte Sätze über seine Rolle als Botschafter für die EM 2024 gesagt. Am Abend vorher hat der DFB die Veranstaltung aber abgesagt, ohne Angabe von Gründen. "Bitte beachten!", hieß es im WhatsApp-Service des Verbands, "medienfrei am Montag, keine Pressekonferenz im DFB-Medienzentrum."

Es gab also keine korrekten Sätze über 2024 zu hören, und auch sonst keine: Nichts musste Lahm sagen über die Niederlage seines ehemaligen Teams, nichts über seinen Nachfolger Joshua Kimmich, der auf Lahms Position mit fanatischer Entschlossenheit vorwärts drängte, dabei aber das Verteidigen vergaß. Antworten auf derlei Fragen wollten sie Lahm beim DFB offenbar ersparen.

Per Mertesackers Wat-woll'n-Se-Interview wurde zum Soundtrack

Lahm fehlt, er fehlt so sehr wie Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker oder auch Miroslav Klose, dessen Rolle als dritter Co-Trainer ihn kaum zu gröberen Eingriffen befähigt. Nach dem 0:1 gegen Mexiko könnten die Deutschen theoretisch sogar in der Vorrunde ausscheiden, sie sind nach nur einem Spiel schon an dem Punkt angelangt, an dem sie vor vier Jahren nach dem glücklich überstandenen Achtelfinale gegen Algerien waren.

Die Nation ist vom Glauben abgefallen, die Medien haben es schon immer besser gewusst, aus der Mannschaft dringt ein Grummeln nach draußen: Vor vier Jahren war das der Boden, aus dem am Ende der Weltmeister emporgewachsen ist. Die Spieler haben in der Kabine den Widerstand organisiert, gegen die Umstände, die Medien und die Welt da draußen, und Per Mertesackers Wat-woll'n-Se-Interview wurde zum Soundtrack für diese Haltung. Die Spieler versenkten ihre Egos vorübergehend in der Eistonne.

Man werde jetzt "nicht auseinanderfallen", hat Joachim Löw nach dem Mexiko-Spiel gesagt, und mindestens so sehr wie sein Coaching wird jetzt die Qualität der Kabine über den Turnierverlauf entscheiden. Finden sich unter den übrig gebliebenen Weltmeistern genügend charakterlich und sportlich glaubwürdige Integrationsfiguren, die an die Selbstheilungskräfte appellieren und die Mitspieler führen? Oder arbeiten die Spieler nun ihre eigene Agenda ab und begreifen Sätze wie die von Hummels oder Boateng nicht als Weckrufe, sondern als Vorwürfe?

Der Bundestrainer ist nun nicht nur als Sportlehrer gefragt, auch seine Eignung als Krisenmanager steht auf dem Prüfstand. Er wird interne Kommunikationsprozesse anstoßen und zulassen müssen, und er muss ansprechbar bleiben für die Ideen seiner Spieler und Assistenten. Wie im Sommer 2014, als interne Umstellungen jene Stabilität brachten, die schließlich zum Titel führte.

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