DFB-Streit zwischen Zwanziger und Koch:Einvernehmliche Demontage

Der bizarre Machtkampf im Deutschen Fußball-Bund findet einen überraschenden Abschluss: Vize Rainer Koch entschuldigt sich bei Präsident Theo Zwanziger für ein Treffen mit dem umstrittenen Amerell - und übernimmt künftig ein anderes Ressort.

Claudio Catuogno und Thomas Kistner

Der ehemalige evangelische Bischof Wolfgang Huber eröffnet seine Homepage mit einem Zitat des Kirchenreformators Johannes Calvin: "Freiheit gibt es nur bei einem guten und aufrechten Gewissen." Das ist eine recht hohe Messlatte, gemessen an dem doch recht verschlagenen Machtkampf, auf den sich der Kirchenmann Huber da eingelassen hat.

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Einigung im Streit mit Vizepräsident Rainer Koch: DFB-Präsident Theo Zwanziger.

(Foto: dapd)

Am Montag saß er mit zwei Funktionären des Deutschen Fußball-Bundes am Tisch, mit Theo Zwanziger, dem Präsidenten, und Rainer Koch, seinem Vize. Die Lage ist gerade ziemlich ungemütlich im DFB: Gegen rund 70 aktuelle und ehemalige Schiedsrichter wird wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt, es sind Schwarzgeldkonten in Liechtenstein und der Schweiz aufgetaucht. Seine Regelhüter, dieses Bild gibt der DFB gerade in der Öffentlichkeit ab, halten sich nicht an die Regeln. Eine Vertrauenskrise. Eine Gewissenskrise.

Darum ging es jetzt aber nicht.

Es ging, kein Witz, um die Frage: Durfte sich Rainer Koch vorvergangene Woche mit dem ehemaligen DFB-Schiedsrichter-Obmann Manfred Amerell treffen, ohne Zwanziger sofort darüber zu informieren? Oder, in einen größeren Zusammenhang gestellt: Darf ein DFB- Vizepräsident in seinem Amt selbstverantwortlich handeln - oder darf das im DFB am Ende nur einer: Zwanziger?

Am Montagmittag kam dann die Pressemitteilung zum Präsidiums-Gipfel. Und auch der Gewissensmensch Huber hat öffentlich keinen Einspruch dagegen erhoben, dass der weltgrößte Sportfachverband auch in seinem Namen kundtat, der "rund zweieinhalbstündige Meinungsaustausch" habe zu einem "einvernehmlichen" Ergebnis geführt. Zu einem Ergebnis, das Beobachter später unisono als Demontage Rainer Kochs werteten.

Bisher war der Chef des bayerischen Verbandes BFV im DFB für "Rechts- und Satzungsfragen" zuständig, nun übernimmt er das Aufgabengebiet "Prävention, Integration, Freizeit- und Breitensport". Das ist in etwa so, als würde Guido Westerwelle Minister für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Koch tauscht seine Zuständigkeiten ausgerechnet mit Rolf Hocke, jenem Präsidiums-Kollegen, den er kürzlich als Chef des süddeutschen Verbandes abgelöst hatte - was als Signal des Aufbruchs verkauft worden war. Nun hingegen die Mitteilung, Zwanziger und Koch seien "übereingekommen", dass die "vertrauensvolle Zusammenarbeit" im Präsidium durch den Tausch "erleichtert und wiederhergestellt werde". Der Jurist Koch gibt das Juristische ab - auf die Problemlösung muss man erst mal kommen.

Rainer Koch: erst Details, dann Entschuldigung

Was war passiert? Koch hatte sich also vor zwei Wochen mit Manfred Amerell getroffen, jenem Ex-Funktionär, der im Zentrum mehrerer Affären steht. Amerell streitet gerichtlich gegen den ehemaligen Fifa-Referee Michael Kempter, der ihn der Nötigung bezichtigt - und er hat mit Tipps an die Behörden die Steuer- Ermittlungen ausgelöst. Über das Treffen habe er Zwanziger informiert, sagte Koch, woraufhin der DFB seinen Vize öffentlich der Lüge bezichtigte.

Koch schien sich aber zunächst nicht einschüchtern zu lassen. Er sei gewappnet, habe sich schriftlich abgesichert, teilte er Vertrauten mit. In der SZ nannte er dann Details: Das Gespräch mit Amerell habe letztlich sogar im Auftrag Zwanzigers stattgefunden. Er, Koch, habe Amerell überzeugen sollen, an einem von Huber geleiteten Mediationsverfahren mit dem DFB teilzunehmen. Nun war Theo Zwanziger plötzlich in der Defensive.

Irgendetwas muss intern dann aber passiert sein - denn die einvernehmliche Selbstkasteiung des Rainer Koch ging am Mittwoch noch weiter: Zwar wurde Koch in der DFB-Meldung zugestanden, er habe sein Gespräch "im Zusammenhang mit dem Mediationsverfahren gesehen" und mit Huber "vorab abgestimmt".

Weil es aber just an jenem Tag stattfand, so die DFB-Logik, an dem bundesweit die Steuerfahnder einrückten, sei eine neue Lage entstanden: "Mit Blick auf den zeitlichen Zusammenhang der Durchsuchungsmaßnahmen der Steuerfahndung und seinem Zusammentreffen mit Manfred Amerell bedauert Rainer Koch, dass er den DFB-Präsidenten nicht unmittelbar und noch am gleichen Tag über dieses Gespräch informiert hat", heißt es in der Mitteilung. Und dann noch eins drauf: "Er entschuldigt sich für dieses Versäumnis.

Es gibt ein paar Erklärungsansätze, warum Koch den Machtkampf mit Zwanziger krachend verloren hat. Da ist die Personalie des Referees Felix Brych, der für Kochs BFV als Sport-Abteilungsleiter arbeitet - und auf der Liste der Steuerfahnder auftaucht. Und da ist dieser Augsburger Steuerberater, der angeblich im Zentrum der Affäre stehen soll: Er war für den BFV als Wirtschaftsprüfer tätig.

"Das ist einer der Beweggründe, warum ich mich von dem Ballast befreien wollte", bestätigte Koch der SZ; der Aufgabentausch mit Hocke sei sein Vorschlag gewesen. "Wir werden in Bayern nichts verschleiern, wir haben am Freitag Sitzung und werden darüber reden." Er sei "heute sicher nicht zum Helden geworden", sagte Koch, sehe die Sache aber "pragmatisch": Allein werde er so einen Kampf nicht gewinnen können.

Das angestrebte Mediationsverfahren ist unterdessen hinfällig geworden: Amerell ließ am Montag mitteilen, er sei "verwundert über dieses fragwürdige demokratische Grundverständnis" im DFB. Seine "zuletzt signalisierte Gesprächsbereitschaft" bestehe nun nicht mehr.

© SZ vom 08.11.2011/jüsc
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