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Deutscher Fußball-Bund:Der Präsident ändert seine Meinung

DFB-Präsident Fritz Keller

DFB-Präsident Fritz Keller.

(Foto: dpa)

Geradezu demonstrativ hielt DFB-Chef Fritz Keller öffentlich Distanz zu den Betroffenen der Steuerrazzia. Nun bezeichnet er das Vorgehen der Behörden als "unangemessen".

Von Thomas Kistner, Klaus Ott und Jörg Schmitt

In Lörrach am Schwarzwaldrand gibt es ein besonderes Fußballteam, den FC Justitia. Kicker und Kickerinnen haben alle mit der Justiz zu tun. FC Justitia, das wäre auch ein passender Titel für die Führung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In der DFB-Spitze sind seit Jahren so viele Juristen anzutreffen, dass es für ein eigenes Fußballteam reichen würde; zumindest für die Halle. Generalsekretär Friedrich Curtius, Ex-Präsident Reinhard Grindel, der frühere Vize Reinhard Rauball, der aktuelle Vize Rainer Koch, Schatzmeister Stephan Osnabrügge: alles Juristen. Koch war sogar als Richter tätig.

Dass diese fünf wegen ihrer Ämter im DFB mal Ärger mit der Justiz bekommen würden, hätte sich bis vergangene Woche kaum jemand vorstellen können. Dann standen plötzlich Staatsanwälte, Steuerfahnder, Kriminalbeamte vor der Haustür und begehrten mit einem Durchsuchungsbeschluss des Frankfurter Amtsgerichts Einlass. Auch bei Ex-Generalsekretär Helmut Sandrock. Er ist der einzige Nicht-Jurist in diesem Kreise. Der Vorwurf lautet auf Steuerhinterziehung zugunsten des Verbandes in Höhe von 4,7 Millionen Euro, weil Erlöse aus der Bandenwerbung falsch verbucht worden seien.

Neun Tage sah es so aus, als steckten die Betroffenen in einer tiefen Schockstarre. Und DFB-Präsident Fritz Keller hielt öffentlich eine geradezu demonstrativ wirkende Distanz zu seinen Funktionärskollegen, gegen die ermittelt wird. Jetzt kommt beim Verband Bewegung in die Sache. Ein in der Vorwoche eingesetzter Stab aus externen Steuer-Experten legte bei einer außerordentlichen Präsidiumssitzung am Donnerstag einen Zwischenbericht vor, der die Beschuldigten entlasten soll.

Keller stellt sich nun ohne Wenn und Aber vor seine Kollegen. Der Verbandschef erklärte nicht nur, man sei "weiterhin von der Unschuld der Verantwortlichen des DFB überzeugt" - er fügte sogar an: "Der Reputationsschaden für die Betroffenen und den DFB, der sich aus der unangemessenen behördlichen Vorgehensweise ergeben hat, erschüttert mich persönlich sehr." Unangemessenes Behördenvorgehen? Das sind neue Töne. Direkt nach der Razzia hatte Keller die staatliche Aufklärungshilfe und damit indirekt auch die Durchsuchungen bei den Verbandskollegen sogar noch begrüßt.

Keller sei in die Defensive geraten

Das hatte manchem Betroffenen ziemlich zu schaffen gemacht. Aus dem Kreise von Koch, Osnabrügge und Curtius soll bei der Präsidiumssitzung beklagt worden sein, dass man die Unterstützung des Verbandes vermisse. Von anderen Präsidiumsmitgliedern hätten die drei dann "Rückendeckung" bekommen, heißt es in Verbandskreisen. Präsident Keller sei in die Defensive geraten. Die meisten Teilnehmer waren per Video zugeschaltet, was die Diskussionsfreude nicht minderte. Dem Verbandschef blieb offenbar nichts mehr anderes übrig, als seine von der Frankfurter Staatsanwaltschaft der Steuerhinterziehung bezichtigten Kollegen öffentlich in Schutz zu nehmen.

Nach Lesart der Staatsanwaltschaft hat sich der DFB das Verfahren selbst zuzuschreiben. Die Ermittler verwiesen nach der Razzia auf mögliche juristische Mängel beim Verband. Der hat sich mit dem Fiskus zwar längst über eine nachträgliche Besteuerung von Werbeerlösen bei Länderspielen verständigt und die 4,7 Millionen bezahlt. Aber "freikaufen", so die Staatsanwaltschaft, könne man sich damit nicht. Die Chance, ein Strafverfahren zu vermeiden, bestehe nur in einer Selbstanzeige. Eine solche sei aber "von den Beschuldigten nicht erstattet" worden.

Träfe die Sichtweise der Ermittler zu, dann wäre die Abwehr beim FC Justitia arg löchrig. Die fünf Juristen, unter ihnen immerhin auch Anwälte, sprich Verteidiger, würden an die aktuellen Auftritte der Nationalelf erinnern: Kein Spiel ohne Gegentor. Auf die Idee einer Steueranzeige, die von Strafe befreit, müssten ja vor allem Juristen kommen. Doch dafür, so das Ergebnis der Präsidiumssitzung, soll es nach den fraglichen Steuererklärungen für 2014 und 2015 überhaupt keinen Anlass gegeben haben. Spätestens vor Abgabe der Erklärung für 2015 hätten dem Fiskus alle Unterlagen vorgelegen, die notwendig gewesen wären, um die Erlöse aus Bandenwerbung sachgerecht beurteilen zu können.

Und was ist mit 2014? Da wiederum soll der Fiskus nach Beginn der Prüfung und auch nach deren Ende nie auf die Idee gekommen sein, das sei ein Fall für die Staatsanwaltschaft, heißt es aus Verbandskreisen. Ob das als Einwand gegen die Ermittlungen genügt, muss sich freilich erst noch zeigen. Die Ermittler, die nach der Razzia unter Erfolgsdruck stehen, werden bestimmt nicht locker lassen. Und der DFB wird kaum nachgeben. Die Verteidiger des FC Justitia sind beinhart. Verbandskreisen zufolge sollen Koch und Rauball mit dem Thema Bandenwerbung und Steuern "nie in Berührung" gekommen sein. Osnabrügge und Curtius wiederum hätten mit der Steuererklärung 2014 nichts zu tun gehabt. Bleiben also allenfalls Grindel und Sandrock übrig, bei denen die Ermittler wegen 2014 einhaken könnten? So will man das Ergebnis der Präsidiumssitzung im DFB aber nicht verstanden wissen.

Die Verteidigung des FC Justitia steht jedenfalls; offenbar besser als bei der Nationalelf.

© SZ vom 16.10.2020/chge
v.l. Dr. Rainer KOCH (GER, DFB Vizepraesident), Fritz KELLER (GER, DFB Praesident), auf der Tribuene, Fussball Laendersp

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