Süddeutsche Zeitung

Deutscher Fußball-Bund:Staatsanwaltschaft bekam "streng vertraulichen" Prüfbericht

Der DFB hält seit zwei Jahren einen heiklen Report rund um Funktionärsreisen und Steuerrisiken unter Verschluss. Mit Verspätung bekam die Staatsanwaltschaft das Papier - die Razzia soll darauf zurückgehen.

Von Thomas Kistner, Klaus Ott und Jörg Schmitt, Frankfurt

Im März 2019 bekam die Staatsanwaltschaft Frankfurt zum zweiten Mal binnen weniger Wochen Besuch vom Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ein DFB-Anwalt sprach vor und hatte ebenso spannendes wie skandalträchtiges Material dabei. Doch anders als bei der ersten Visite im Februar bekamen die Ermittler dieses Mal noch weit mehr zu lesen. Der Anwalt präsentierte einen umfassenden Prüfbericht, offenbar samt mehreren Ordnern Anlagen. In dem Material ging es um exquisite Funktionärs-Reisen zu Welt- und Europameisterschaften, um ausschweifende Weihnachtsfeiern, fragwürdige Steuerpraktiken und anderes mehr. Und darum, wie der Verband inzwischen alles geklärt und bereinigt haben wollte, was ihm zuvor bei einer Sichtung von brisanten Papieren unangenehm aufgefallen war.

Ob das mit dem Großreinemachen wirklich stimmt, lässt sich von außen nicht beurteilen. Der Verband, der nach der Affäre um dubiose Geldflüsse im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland einen echten Kulturwandel versprochen hatte, hält das Sittengemälde bis heute offiziell unter Verschluss. Das passt so gar nicht zu dem Versprechen des vor gut einem Jahr angetretenen neuen DFB-Präsidenten Fritz Keller, für Aufklärung und Offenheit zu sorgen. Dass staatliche Ermittler das Aktenkonvolut bekamen und abarbeiten, genügt nicht als Beweis für Transparenz. In dem Prüfbericht dürfte es ja auch um Sachverhalte gehen, die für die Ermittler nicht von Belang sind. Die aber für die DFB-Mitglieder und die Öffentlichkeit wichtig sein könnten, um das Verhalten von Funktionären beurteilen zu können. Hinzu kommt: Die Steuerrazzia beim DFB und führenden Funktionären ging, so nimmt man das in Verbandskreisen an, auch auf das damals vorgelegte Material zurück.

Was die Geschichte noch pikanter für den Verband macht, ist folgender Umstand: Der Verband hat das aufschlussreiche Aktenkonvolut über merkwürdige Vorgänge den Ermittlern spät und offenbar nicht wirklich freiwillig vorgelegt, sondern erst unter öffentlichem Druck. Den Besuchen des Anwalts vorausgegangen war am 9. Februar 2019 eine für den DFB peinliche Geschichte im Spiegel über, so der Titel, "Lustreisen und Saufgelage". Grundlage des Artikels war ein als "streng vertraulich" eingestuftes DFB-Papier vom 21. Januar 2018. Das Papier stammte vom damaligen Finanzdirektor Ulrich Bergmoser. Der hatte - freilich erst kurz vor seinem Ausscheiden - auf 34 Seiten kompiliert, in welchen Ecken im DFB es merkwürdig roch. Er fand recht viele Ecken.

Bergmoser listete weitreichende Missstände auf. Interessenkonflikte im Präsidium, unklare Verträge, möglicherweise unzulässige Zuwendungen - und Steuerrisiken. Teure Delegationsreisen zur WM 2014 in Brasilien und EM 2016 in Frankreich für mehr als 500000 Euro könnten die Gemeinnützigkeit des Verbands gefährden, so gab er die Bedenken von Fachleuten wieder. Er monierte auch Geschenke und Bewirtungskosten ("Angemessenheit, Teilnehmerkreis, Uhrzeit, Alkohol etc.") und fragwürdige Beraterverträge mit Altvorderen im Verband. In der DFB-Zentrale in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise war nach der Spiegel-Story klar: Die Staatsanwaltschaft, die ja wegen des WM-Skandals ohnehin seit Jahren in der Vergangenheit herumschnüffelte, könnte weitere Ermittlungen aufnehmen und sich das Bergmoser-Papier im Zweifelsfall per Durchsuchungsbeschluss holen.

Also suchte nur wenige Tage später ein Verbandsanwalt die Ermittler auf und übergab, im Februar 2019, das Anfang 2018 verfertigte Bergmoser-Papier. Wochen später erschien der Anwalt erneut bei der Staatsanwaltschaft und zog noch viel üppigere Unterlagen aus der Aktentasche. Denn der DFB hatte als Reaktion auf das Bergmoser-Papier eine Task Force eingesetzt, die alle Vorwürfe abarbeitete und im September 2018 ihre Prüfergebnisse samt Anlagen vorlegte. Dieser Befund aber blieb top secret - bis heute ist nicht öffentlich bekannt, was die internen Prüfer herausfanden. Dieses Sittengemälde war es, das der DFB-Anwalt bei seinem zweiten Besuch im März 2019 bei der Frankfurter Staatsanwaltschaft nachreichte.

Der ganze Ablauf legt eine Schlussfolgerung nahe: Der damals noch von Reinhard Grindel und heute von Fritz Keller geleitete DFB hätte beide Unterlagen, das Bergmoser-Papier und den anschließenden Prüfreport, wohl am liebsten in der Schublade verschwinden lassen. Weggesperrt auf immer und ewig. In der WM-Affäre, als der öffentliche Druck besonders groß gewesen war, hatte der Verband außergewöhnlich agiert und im März 2016 einen Prüfbericht der Anwaltskanzlei Freshfields veröffentlicht. Diese 380 Seiten stehen bis heute im Internet. Doch das war und ist wohl eine einmalige Ausnahme.

Der DFB hat bislang weder das Bergmoser-Papier von Anfang 2018 noch den anschließenden Prüfreport vom September 2018 der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Dabei hatten die Verbands-Verantwortlichen nach der WM-Affäre doch treuherzig gelobt, dass fortan Schluss sei mit Geklüngel und Geheimnistuerei - beim DFB, einer der weltweit führenden Sportorganisationen, solle es nunmehr sauber und transparent zugehen. Mit diesem Versprechen ist auch der neue Verbandschef Fritz Keller angetreten.

Keller hatte von einer Generalinventur gesprochen, er hatte versprochen, alles aufzuklären oder dies zumindest zu versuchen. Das galt sogar für die WM 2006 in Deutschland, für jenes Sommermärchen, das längst zur Affäre geriet. Es sei für ihn "höchst unbefriedigend, ja frustrierend, dass wir noch immer kein abschließendes Bild rund um die infrage stehenden Abläufe der WM 2006 haben". Damit wolle er sich nicht abfinden. Nur das alte populistische Wortgeklingel, aus dem Mund eines neuen Verbandschefs?

Nun wird nicht mal das Prüfergebnis zum Bergmoser-Papier veröffentlicht. Eine SZ-Anfrage, ob das Dokument weiter unter Verschluss bleibe (abgesehen von der Übergabe an die Staatsanwaltschaft), ließ der DFB am Freitag unbeantwortet.

Fragwürdige Steuerpraxis eines vermögenden Verbandes

Dass im Fußball-Bund mit der großen Politik gern öffentlichkeitswirksam gefeiert, im Umgang mit den Behörden aber ganz gerne getrickst wird, belegt nicht nur die Sache mit dem Bergmoser-Papier und dem folgenden Prüfreport. Interne Vorgänge aus dem vergangenen Jahrzehnt dokumentieren eine höchst fragwürdige Steuerpraxis des vermögenden Verbandes. Die Taktik lässt sich so beschreiben: Erst viele Einkünfte in den gemeinnützigen, steuerfreien Bereich verschieben; möglichst viele Betriebsausgaben geltend machen und von der Steuer absetzen. Dann mit dem Fiskus feilschen und hoffen, dass der so viel wie möglich durchgehen lässt.

Die freizügigen Finanz-Interpretationen erlebten Beamte des Bundeszentralamts für Steuern (BZSt) schon bei einer Besprechung im Februar 2011. Damals ging es unter anderem um die steuerliche Behandlung von Erlösen aus dem DFB-Pokal, rückwirkend für die Jahre 2004 bis 2010. Bislang seien die Erträge vor allem aus TV-Vermarktung und Bandenwerbung von der 1. Hauptrunde bis zum Finale vom DFB "im steuerfreien Bereich vereinnahmt" worden, sollen Verbandsvertreter erklärt haben. Da spielte der Fiskus nur noch teilweise mit, der Verband musste seine Praxis ändern, was offenbar in allen Details festhalten wurde. Im Ergebnis, so der DFB, führe die Einigung für die Jahre 2004 bis 2010 zu einer "Steuerbelastung" inklusive Zinsen von circa 7,3 Millionen Euro.

Der DFB rechnet sich arm, der Fiskus prüft geduldig

Der Fiskus kam also erst Jahre später zu seinem Geld und seinem Recht. So ging das immer weiter. Der DFB versuchte, den Gegenwert von bis zu 900 verschenkten Eintrittskarten pro Länderspiel als Betriebsausgaben steuerlich abzusetzen. Bei Pokalendspielen machte er zusätzlich die Bewirtungskosten für 240 Geschäftsfreunde, 480 Funktionsträger und andere Personen geltend, um die Steuerlast zu senken. Der Fiskus ließ vieles nicht durchgehen - Jahre später. Es habe sich da eine Art "Gewohnheitsrecht" entwickelt, heißt es aus Verbandskreisen. Der DFB rechnet sich arm, der Fiskus nimmt das geduldig prüfend hin, und irgendwann einigt man sich. Hatte der Fußball-Bund bei den Finanzbehörden schon immer einen Sonderstatus?

Es lief so bis in die jüngste Zeit, wie ein Vermerk des Fiskus vom Februar 2020 zeigt. Zahlreiche vom DFB für die Jahre 2012 bis 2014 aufgeführte Betriebsausgaben werden darin nicht akzeptiert, wie vieles andere auch. Der Verband musste seine Steuererklärungen für diese Jahre wieder einmal um Millionenbeträge korrigieren - fast schon ein Ritual.

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Quelle:
SZ vom 17.10.2020
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