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0:6 gegen Spanien:Reflexe nach dem Debakel

Der Schock über das 0:6 gegen Spanien sitzt tief - muss Bundestrainer Löw nun Boateng, Hummels und Müller zurückholen? Das fordert sogar Bastian Schweinsteiger, doch ganz so einfach ist es nicht.

Von Carsten Scheele

Sehr spät am Abend hat Bastian Schweinsteiger in der ARD noch seine Elf aufgemalt, die der Weltmeister von 2014 gerne zur anstehenden Europameisterschaft schicken würde. Da waren einige überraschende Dinge dabei, Manuel Neuer im Tor, muss man erst mal drauf kommen. Zwei Namen tauchten jedoch tatsächlich auf, die länger nicht mehr in einer DFB-Elf heimisch waren. In der Innenverteidigung stand der Name von Jérôme Boateng, 32, etwas weiter vorne jener von Thomas Müller, 31.

Die Debatte darüber, ob nach einem hochnotpeinlichen Nullsechs gegen den alten Nemesis Spanien die Personalentscheidungen der vergangenen anderthalb Jahre in Frage gestellt werden, hat etwas Reflexhaftes. Doch sie ist da. Bundestrainer Joachim Löw hatte sich im März 2019 in einem überraschenden Schritt dazu entschieden, drei seiner Rio-Weltmeister nicht mehr zu nominieren, und auch in den Folgemonaten stets nachdrücklich zu seinem Entschluss gestanden, wer auch immer ihn danach fragte, ob es nicht doch besser wäre, wenn ...

"Der Bundestrainer und sein Team haben eine Meinung dazu, ich persönlich habe leider eine andere", sagte Schweinsteiger am Dienstagabend, als die Eindrücke des 0:6 noch ganz frisch waren: "Solche Spieler wie Jérôme Boateng und Thomas Müller haben das Triple gewonnen mit der besten Mannschaft in Europa. Die spielen da in der ersten Elf und haben Qualität, sind deutsche Spieler. Warum nicht für die Nationalmannschaft?"

Der dritte Name, den Schweinsteiger interessanterweise nicht erwähnte, der aber ebenso zur Debatte gehört, ist jener von Mats Hummels, 31. Auch er befand sich selbst im März 2019 noch zu jung zum Aufhören, und hat Löw in einigen sehr guten Spielen für Borussia Dortmund gezeigt, dass er mindestens noch mithalten kann.

Ein Müller ist immer gut fürs Binnenklima

In der Nacht nach der höchsten DFB-Niederlage seit 1931 haben sich einige Menschen gemeldet, von denen man es gewohnt ist, dass sie sich in einer Nacht nach einem Debakel zu Wort melden. Lothar Matthäus hat es getan, Mesut Özil hat sich via Twitter geäußert, andere Verdächtige führen vermutlich gerade die entsprechenden Interviews. Der Tenor ist schon jetzt einhellig: Mit Boateng oder Hummels in der Abwehr wären solch schlimme 90 Minuten wie in Sevilla nicht passiert. Mit Boateng oder Hummels hätte man wenigstens ein 0:3 anstandshalber über die Zeit gebracht. Selbst schuld, wer den international unerfahrenen Robin Koch gegen solch furiose Spanier in der Innenverteidigung in die Hauptverantwortung stellt.

Nun ist Löw immer noch eher unverdächtig, einst gefasste Entschlüsse in einer Notlage zu revidieren. Er will Spieler wie den talentierten Koch zu verlässlichen Größen für die Zukunft aufbauen, auch ist nicht gesichert, dass die Elf mit einem der drei Weltmeister sofort besser dagestanden hätte. Alle drei erlebten die Vorrundenspiele der WM 2018 in zentraler Rolle auf dem Platz, das 0:1 gegen Mexiko, das 2:1 gegen Schweden, das 0:2 gegen Südkorea. Auch im anschließenden Herbst das ebenfalls kritikträchtige 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande, als die Meinung herrschte, dass es so wirklich nicht weitergehen könne.

Bierhoff stützt Löws Personalentscheidungen

Am gefahrlosesten ließe sich vermutlich Müller ins kräftig verjüngte Team einbauen. Löw hat zwar bereits jetzt im offensiven Mittelfeld tendenziell ein Überangebot zu moderieren, Müllers Form in München ist aber bestechend, viel besser als damals im März 2019, als er in München unter dem damaligen Trainer Niko Kovac litt. Ein Müller ist zudem immer gut fürs Binnenklima, da sind innenpolitische Probleme mit den aktuellen Führungskräften kaum zu befürchten.

Anders könnte dies im Fall Hummels aussehen. Käme der selbstbewusste Dortmunder Abwehrchef zurück, würde sich die Hierarchie in der Elf quasi über Nacht verändern. Jung gegen Alt, das war schon bei der missratenen WM 2018 in Russland eines der Probleme, das sich Löw vermutlich ungern wieder in seine Mannschaft zurückholen will. Ob Hummels oder Boateng im ersten EM-Spiel am 15. Juni 2021 gegen die französischen Supersprinter Kylian Mbappé, Kingsley Coman oder Antoine Griezmann viel besser aussehen würden als, sagen wir mal, ein Robin Koch, wäre ebenfalls eine interessante Frage.

Löw hat am Dienstagabend, sichtlich gezeichnet von der Niederlage, etwaige Avancen erst mal abgewehrt. Man müsse "die Situation zum richtigen Zeitpunkt bewerten", sagte Löw. Sein Vertrauen in die aktuellen Spieler sei "jetzt auch nicht völlig erschüttert", eine scheppernde Niederlage hin oder her. Nationalelfdirektor Oliver Bierhoff ließ die Gelegenheit aus, sich in der Personalfrage gegen Löw zu positionieren. "Die Frage ist immer die gleiche, und die Antwort ist auch immer die gleiche", sagte Bierhoff in der ARD: "Es ist eine Entscheidung des Trainers, wen er nominiert - aber ich teile die." Er sei "den Weg mitgegangen" und finde ihn "auch richtig".

Die Frage nach dem Zeitpunkt ist indes nicht so schwer zu beantworten: Löw hat seine Spieler erst in viereinhalb Monaten wieder beisammen, im März 2021; für dieses Treffen wird er, sofern er im Amt bleibt, einen Kader nominieren, der den Weg in Richtung EM weisen wird. In dem die Namen von Boateng und/oder Hummels und/oder Müller auftauchen werden. Oder eben nicht.

© SZ.de/sonn
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