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WM-Affäre:DFB setzt Detektive aufs Sommermärchen an

Blatter, Beckenbauer und Radmann

Welche Geheimnisse birgt die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland (hier lächeln v.l.: Fifa-Boss Sepp Blatter, WM-Chef Franz Beckenbauer und dessen Helfer Fedor Radmann)? Der DFB nimmt sich der Frage noch mal an.

(Foto: Walter Bieri/dpa)

Letzter Anlauf zur Selbstaufklärung: Nach SZ-Informationen soll eine Berliner Detektei den Merkwürdigkeiten rund um die WM 2006 nachgehen - im Auftrag des DFB.

Ende April war da wieder dieses vertraute Bild: Die Führung des Deutschen Fußball-Bundes gab sich total zerknirscht. Das Schweizer Strafverfahren zur Millionen-Schieberei rund um die Fußball-WM 2006 war verjährt, ergebnis- und erkenntnislos - und aus der Frankfurter Verbandszentrale wurde der Flop mit Worten des Bedauerns untermalt. "Es ist höchst unbefriedigend, ja frustrierend, dass wir noch immer kein abschließendes Bild rund um die infrage stehenden Abläufe der WM 2006 haben", sagte DFB-Präsident Fritz Keller. Damit werde er sich nicht abfinden: "Es ist mir ein persönliches Anliegen, innerhalb unserer Möglichkeiten alles für eine Aufklärung zu unternehmen!"

Das wirkte eher ulkig. Der DFB ist seit Ausbruch der "Sommermärchen"-Affäre vor bald fünf Jahren schließlich nie wirklich als Aufklärer aufgefallen. Und nun soll sich noch einmal etwas tun? Vielleicht tatsächlich. Nach SZ-Informationen soll nun eine Berliner Firma namens Esecon im Auftrag des DFB den Merkwürdigkeiten rund um die WM 2006 nachgehen.

Das ist eine Detektei, die seit fast zehn Jahren unter wechselnden Namen ihre stillen Dienste anbietet. Am Dienstagnachmittag bestätigte der DFB offiziell den Einsatz. Zum Profil gehört ausweislich Handelsregister "die Erstellung von journalistischen und forensischen Datenanalysen und deren Beschaffung". Hochrangige frühere Polizei-Ermittler sind mit ihr verbunden. Öffentlich in Erscheinung tritt die Firma nur selten; 2015 war sie mal in den Schlagzeilen, weil der MDR sie zur Aufklärung eines Skandals um den Kinderkanal heranzog - und dafür fast sieben Millionen Euro zahlte.

Die Kanzlei Freshfields kassierte zwar Millionen, lieferte aber nur Stückwerk ab

Eine Anfrage über Details der Zusammenarbeit - etwa, wer genau wann die Firma auswählte oder wie viel Honorar sie erhält - wollte der DFB "vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Generalinventur" nicht beantworten. Bei Esecon hieß es am Montag zur SZ, man beantworte grundsätzlich keine Anfragen. Nach SZ-Informationen aber ist die Detektei bereits seit vergangenem Jahr für den Verband tätig, mindestens ein Ex-Funktionär sagt, er sei 2019 von Esecon-Mitarbeitern befragt worden. Auslöser für die Zusammenarbeit war demnach ein mutmaßlicher Betrugsfall bei der Bandenwerbung für Länderspiele. Im Fokus standen in jenem Fall (und stehen immer noch) die Beziehungen von DFB-Leuten zur schillernden Rechteagentur Infront, die ihrerseits eine Schlüsselrolle in der WM-2006-Affäre spielt.

Als Fritz Keller im Herbst 2019 an die DFB-Spitze rückte, kündigte er eine Generalinventur an. In dieses Opus Magnum werden nun auch die Geheimnisse um die WM 2006 und Franz Beckenbauer integriert. Etwa der Kredit über 6,7 Millionen Euro, den Beckenbauer 2002 zu ungeklärtem Zweck vom früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus erhielt - und der drei Jahre später durch eine verschlungene Zahlung getilgt wurde, aber nicht von Beckenbauer, sondern vom DFB über den Weltverband Fifa zurück an Louis-Dreyfus.

Es ist die letzte Chance des DFB. Bisher versandeten alle Bestrebungen, Aufklärung rund um die einst so gefeierte Heim-WM zu leisten. Die Kanzlei Freshfields hatte 2016 einen hohen siebenstelligen Millionenbetrag kassiert, lieferte aber nur merkwürdiges Stückwerk ab - das in den absurd wirkenden Schluss mündete, es gebe keinen Beleg für einen gekauften WM-Zuschlag (den dann alle mit demonstrativer Erleichterung aufnahmen, allen belastenden Indizien zum Trotz). Das Strafverfahren in der Schweiz geriet zur Verschleppungs-Farce, der oberste Ermittler Michael Lauber torpedierte den Fall gleich selbst. Zwar ist vor dem Landgericht Frankfurt noch ein weiteres Verfahren anhängig: Verdacht auf Steuerhinterziehung bzw. Beihilfe bei den drei früheren DFB-Funktionären Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger sowie Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi, weil die Rückzahlung des 6,7-Millionen-Kredits zu Unrecht als Betriebsausgabe geltend gemacht worden sei. Aber auch dieses Verfahren sieht nicht so aus, als würde es die große Aufklärung bringen; im Kern geht es um Steuerfragen.

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