bedeckt München 20°

DFB-Sieg gegen Schottland:Weltmeister sucht Normalform

Germany v Scotland - EURO 2016 Qualifier

"In der zweiten Halbzeit haben wir defensiv generell etwas geschwommen", analysierte Joachim Löw nach der Partie

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Zwei Müller-Tore reichen gegen Schottland zum Auftakt der EM-Qualifikation. Die Defensivschwächen der deutschen Mannschaft geben allerdings Rätsel auf - wie der Gesundheitszustand von Marco Reus.

Von Lisa Sonnabend, Dortmund

Endlich war Jérôme Boateng wieder da. Joachim Löw stand an der Seitenlinie und beobachtete, was der Innenverteidiger, den er so arg vermisst hatte, vollbrachte. Boateng trabte zum Ball, stoppte ihn mit dem rechten Fuß und passte - direkt zum Gegner.

Die deutsche Nationalmannschaft gewann am Sonntagabend in Dortmund das erste EM-Qualifikationsspiel gegen Schottland mit 2:1 (1:0), doch es war alles andere als ein gelungener Auftritt.

Nach der Testspielpleite gegen Argentinien wollte Löw beim ersten Pflichtspiel nach der Weltmeisterschaft vieles anders machen. Rückkehrer Boateng sollte die Abwehr stabilisieren, die Chancen sollten nicht mehr nur kreiert, sondern auch verwertet werden. Doch vor allem in der zweiten Hälfte gegen Schottland wurde deutlich: Mit der Mannschaft, die vor wenigen Wochen in Brasilien Weltmeister wurde, hat das DFB-Team derzeit wenig gemein.

Das gab auch Benedikt Höwedes nach der Partie zu: "Wir versuchen uns alle heranzutasten an die Normalform", sagte der Innenverteidiger. "Es wird aber ein bisschen dauern, bis wir sie gefunden haben." Der Schalker atmete tief durch und ergänzte: "Jetzt ist erst einmal wichtig, dass wir mit einem Dreier gestartet sind." Manuel Neuer sah das ähnlich: "Das Wichtigste war, dass wir mit drei Punkten starten", meinte der Torhüter. "Wie, ist dann auch egal."

Die DFB-Elf begann die Partie offensiv, die Außenverteidiger Erik Durm und Sebastian Rudy rückten weit nach vorne. Der Plan funktionierte. In der 18. Minute segelte eine Rudy-Flanke derart präzise auf den Kopf von Thomas Müller, dass Letzterer Torwart David Marshall mit Leichtigkeit überlisten konnte. Doch nach der Halbzeitpause kehrten mutige Schotten auf den Platz zurück. Der DFB-Plan funktionierte nicht mehr.

Die Schotten konterten gefährlich, die deutsche Abwehr wirkte unentschlossen, die Offensive wenig zielstrebig. Die Folge: Ikechi Anya entwischte in der 66. Minute Rudy und Boateng. Der Ausgleich. Nur vier Minuten später stocherte Müller den Ball zwar erneut über die Linie. Der Weltmeister spielte allerdings weiterhin verhalten, so dass Schottlands Trainer Gordon Strachan nach der Partie anmerkte: "Es war mehr für uns drin." Auch, weil die Schotten nicht gerade von Schiedsrichter Svein Oddvar Moen bevorteilt worden waren, zumindest aus Strachans Sicht. Er würde gern den Bericht des Referees lesen, sagte Strachan. Er meinte jene Szene, als Charlie Mulgrew in der schottischen Drangphase kurz vor Schluss den Ball weggeschlagen und die Gelb-Rote Karte gesehen hatte - jener Mulgrew, der beim entscheidenden 1:2 durch Thomas Müller (70.) von Benedikt Höwedes gefoult worden war.

Torschütze Müller hatte offenbar nicht damit gerechnet, dass die Partie so umkämpft werden würde. Der 24-Jährige brauchte danach erst einmal etwas zu essen. "Wir waren in der zweiten Halbzeit nicht ganz so souverän wie wir uns das vorgestellt haben", analysierte Müller, als sein Magen wieder gefüllt war. "Da wurde es halt etwas eng. Aber ich kann gut damit leben." Zudem verbuchte Müller ein persönliches Erfolgserlebnis, kurz vor seinem Tor zum 1:0: "Ich wollte auf jeden Fall das Kopfballduell gewinnen, was gegen so einen Ur-Schotten aus der Prärie nicht ganz so leicht ist."

Mit drei Punkten nach dem ersten Qualifikationsspiel war auch der Bundestrainer zufrieden, nur wäre er - im Gegensatz zu Müller - deutlich beruhigter gewesen, wenn die Partie etwas anders verlaufen wäre: "In der zweiten Halbzeit haben wir defensiv generell etwas geschwommen", analysierte Löw. "Wir waren nicht mehr ganz so gut organisiert und haben etwas die Kontrolle über das Spiel verloren."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema