DFB-Sieg gegen Algerien:Fast überrannt vom Außenseiter

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Germany's Mertesacker and Mustafi jump for the ball with Algeria's Soudani during their 2014 World Cup round of 16 game at the Beira Rio stadium in Porto Alegre

Taten sich vor allem in der ersten Hälfte sehr schwer gegen Algerien: die deutsche Abwehr

(Foto: REUTERS)

Hinten wackelig, vorne trifft immerhin André Schürrle: Die deutsche Nationalmannschaft tappt im WM-Achtelfinale beinahe in die Falle und benötigt die Verlängerung für den 2:1-Sieg gegen Algerien. Die Partie hinterlässt Spuren - und einen schlecht gelaunten Per Mertesacker.

Von Thomas Hummel, Porto Alegre

Noch ein letzter Pass, noch eine letzte Kraftanstrengung. Doch Bastian Schweinsteiger konnte nicht mehr. Er hinkte mehr über den Platz als dass er ging, ließ den Ball einfach an sich vorbeirollen. Und gab dem Passgeber das Zeichen, dass er besser keine Bewegung mehr mache. Schweinsteiger litt unter heftigen Muskelkrämpfen.

Der Passgeber hieß Lukas Podolski. Er machte sich nach dem Schlusspfiff einen Spaß daraus, dem lädierten Kumpel noch einmal den Ball zuzuschießen, obwohl er genau wusste, dass sich dieser kaum mehr rühren konnte. Er grinste dabei so breit, dass die Zähne bis unters Stadiondach glänzten und umarmte den völlig kaputten Schweinsteiger. Der war voll und ganz damit beschäftigt, bis hinüber zu den deutschen Fans zu hinken, um sich für die Unterstützung zu bedanken.

Während dieser Szene schrie der Großteil des Stadions seine Begeisterung für die Leistung des Gegners heraus. "Algerie, Algerie", hallte es durch das Estádio Beira-Rio, das Stadion am Fluss. Wie schon gegen die USA gewannen die Deutschen zwar das Spiel, doch es feierten die anderen. Der hinkende Schweinsteiger repräsentierte den Abend der DFB-Elf besser als der fröhliche Podolski.

Der Kölner hatte auch nicht spielen müssen, zuvor gegen die oft sehr unangenehmen Algerier. Er hatte sich vor dem Spiel mit einer Muskelverletzung abgemeldet. So sah er von draußen, wie sich seine Mitspieler in der ersten halben Stunde von dem Außenseiter aus Nordafrika fast überrennen ließen. Wie sie sich mühsam in die Partie kämpften, ohne einige Schwächen jedoch ganz abstellen zu können. Wie sie gegen Ende des Spiels immer stärker wurden, aber die Verlängerung benötigten, um mit einem 2:1 ins Viertelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft einzuziehen.

"Nach so einem Spiel muss man durchschnaufen. Das war am Ende ein Sieg der Willenskraft", sagte Bundestrainer Joachim Löw. Er fasste zusammen: "In der ersten Halbzeit haben wir uns schwergetan und viele Bälle verloren, in der zweiten Halbzeit und der Verlängerung waren wir dann schon die bessere Mannschaft." Auch sein Ko-Trainer Hansi Flick erklärte: "Die Mannschaft hat gefightet, und letztendlich verdient gewonnen."

Deutschland hat das Achtelfinale der WM gewonnen, und dem Sieger gebührt oft das Recht, die Schwachstellen zu vernachlässigen und das Gute zu betonen. Per Mertesacker wurde gleich nach Schlusspfiff unwirsch, als er auf die Leistung angesprochen wurde: "Mir ist völlig wurscht, wie - wir sind unter den letzten acht, und nur das zählt. Was wollen Sie? So kurz nach dem Spiel kann ich die ganze Fragerei nicht verstehen." Der Innenverteidiger wollte sich nicht einreden lassen, dass der große Favorit gerade erhebliche Defizite offenbart hatte und mehrmals an dem Grat entlanggewandelt war, hinter dem der Heimflug wartete.

Die Deutschen waren den Algeriern zu Beginn des Spiels fast naiv in die Falle gelaufen. Dabei waren sieben Spieler des FC Bayern München auf dem Platz gewesen. Ein Klub, dem alles unterstellt werden kann, aber niemals Naivität. Diesmal passten sich die Abwehrspieler, die Mittelfeldspieler und auch die offensiven Mittelfeldspieler den Ball flach zu, passten und passten, bis irgendwann ein Fehlpass daraus wurde. Die Algerier trugen dazu bei, indem sie im Mittelfeld mit Vehemenz attackierten und die Deutschen stark verunsicherten.

Kam der Ball dann zu einem Spieler im grünen Trikot, ging es im Raketentempo in die andere Richtung. Es erinnerte an die Überfallkonter von Borussia Dortmund, wie Algerien den Ball auf Mittelstürmer Islam Slimani passte, der dann auf die vier, fünf mitgesprinteten Kollegen ablegte. Die Angriffe rauschten auf das deutsche Tor zu. Doch dort stand: Manuel Neuer.

Die deutsche Abwehr wackelt

Einmal hatte der Torwart keine Chance, aber da stand Slimani im Abseits. Sonst hechtete er teilweise waghalsig aus dem Tor und besserte etliche Male die Versäumnisse seiner Vorderleute aus. Und die waren zahlreich.

Nach dem kurzfristigen, grippebedingten Ausfall von Mats Hummels wackelte die Abwehr im algerischen Sturm wie an diesem herbstlichen Tag ein Zweimaster im Rio Guaíba vor Porto Alegre. Benedikt Höwedes war den Dribblings des großartigen Sofiane Feghouli vom FC Valencia ausgesetzt, Per Mertesacker musste sich wie schon gegen Ghana in aussichtslosen Laufduellen bloßstellen lassen und Shkodran Mustafi sah die Gegenspieler rechts an sich vorbeischnellen. Der Verteidiger von Sampdoria Genua zog sich später einen Muskelbündelriss zu, für ihn ist die WM beendet. Löw zog Philipp Lahm zurück. Der zeigte sogleich, wie ein guter Außenverteidiger spielt.

Jérôme Boateng steigerte sich nach unsicherem Beginn und rettete in der Verlängerung einmal geschickt gegen den durchgestarteten Slimani. "Wir haben zu viele Ballverluste gehabt. Da mussten wir immer 30, 40, 60 Meter zurückmarschieren. Das darf uns einfach nicht passieren", folgerte Flick nach der Partie. Dass die Deutschen in der Halbzeit nicht zurücklagen, war glücklich.

Nach dem Spiel hatten sie immerhin Grund, sich an ihrer Steigerung festzuhalten. Und daran, weiterhin im Turnier zu sein. Mit André Schürrle kam zur Pause endlich der neben Thomas Müller zweite Spieler, der mal mit Tempo Richtung gegnerischen Strafraum lief. Die Geschwindigkeit der Angriffe erhöhte sich mächtig und so kam die nicht gerade hochdekorierte algerische Abwehr bisweilen in Verlegenheit.

In der Schlussphase vergaben Müller und Schweinsteiger große Chancen, die Verlängerung zu vermeiden. Doch das Tor fiel erst in der 92. Minute. Schürrle verlängerte mit der Hacke eine Müller-Flanke. Die Treffer von Mesut Özil (120.) und Abdelmoumene Djabou (121.) hoben zwar die Stimmung, änderten aber nichts mehr am Ausgang.

"Solche Spiele gibt es bei einem Turnier, wo man sich durchkämpfen muss. Auch andere Mannschaften wie Brasilien haben sich schwergetan, das ist kein Spaziergang", erklärte Löw.

Hummels krank, Podolski verletzt, WM-Aus für Mustafi, Schweinsteiger mit Krämpfen raus - der Ausflug ins kühle Porto Alegre hinterließ Spuren. Obwohl bei Per Mertesacker später die Wut über unwirsche Fragesteller verraucht war, wirkte er reichlich erschöpft. Zum Viertelfinale gegen Frankreich in Rio de Janeiro sagte er: "Ich hab gedacht, wir spielen erst Samstag, jetzt werde ich von der Realität eingeholt und wir spielen schon Freitag. Das ist ein normaler Rhythmus, aber am Ende der Saison nicht so einfach."

Manuel Neuer befürchtete bereits einen Nachteil: "Es ist ein bisschen ärgerlich, wenn man sieht, dass Frankreich 2:0 gewonnen hat, in regulärer Zeit, und wir über 120 Minuten gehen mussten." Die kommenden Tage werden die Deutschen wohl nutzen, um sich von diesem überraschend anstrengenden Abend im Beiro-Rio zu erholen.

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