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Reinhard Grindel:Der wendige Präsident

  • DFB-Präsident Reinhard Grindel macht in der Causa Özil Druck auf den Nationalspieler.
  • Er fordert nach dem WM-Aus plötzlich eine Erklärung - vor der Weltmeisterschaft war ihm das nicht so wichtig.
  • Die Tonlage in der DFB-Spitze hat sich radikal gedreht.

Wer wissen will, wie es Mesut Özil gerade geht, der muss rüber zu Instagram. Sein Kanal, dem 17 Millionen Menschen folgen, ist der einzige Ort, an dem sich Özil in irgendeiner Form äußert. Sein letztes Bild zeigt ihn beim Urlauben auf Santorin, der griechischen Kykladen-Insel, im Hintergrund das Meer. Man erfährt, dass er dort mit seiner Freundin Ferien macht und dass er für Pärchen-Fotos einen Selfie-Stick benutzt. Unter dem Bild steht, dass sich seine Welt gerade auf den Kopf dreht. Außerdem schreibt Özil unter einem anderen Foto, auf dem er traurig den Platz in Kasan verlässt: "Ich brauche Zeit, um darüber hinwegzukommen." Dazu benutzt er den Hashtag #SayNoToRacism.

Özil sagt also etwas. Aber er sagt nicht das, was DFB-Präsident Reinhard Grindel gerne hören möchte. Der hat sich nun auch geäußert, in einem Interview mit dem kicker fordert er Özil zu einer Stellungnahme wegen der Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan auf. Und weil es in diesen Tagen aus den Reihen des DFB ja zuweilen heißt, man sei mit einem Satz falsch verstanden worden, erklärte Grindel vollständig: "Es stimmt, dass sich Mesut bisher nicht geäußert hat. Das hat viele Fans enttäuscht, weil sie Fragen haben und eine Antwort erwarten. Diese Antwort erwarten sie zu Recht. Deshalb ist für mich völlig klar, dass sich Mesut, wenn er aus dem Urlaub zurückkehrt, auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte."

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Als das Sportmagazin konkret nachfragte, unter welchen Voraussetzungen Özil und Gündoğan eine Zukunft in der Nationalmannschaft hätten, sagte Grindel, das käme auf die Analyse des Bundestrainers an. Und: "In der Tat hoffe ich, dass Özils Stellungnahme so eindeutig ist, dass die Fragen der Fans und des Verbandes beantwortet sind." Auf die Frage, ob diese Entscheidung nicht Chefsache sei, sagte Grindel: "Wir möchten auch abwarten, in welcher Form sich Mesut einlässt."

Anfangs hatten Grindel und der DFB gar keine offenen Fragen

Der DFB-Präsident sagt also: Der Bundestrainer soll entscheiden, ob Özil sportlich noch tauglich für Deutschlands erste Elf ist. Dann soll sich Özil öffentlich äußern und erst danach bewertet der DFB, ob diese Äußerung alle Fragen des Verbandes beantwortet hat.

Das ist insofern erstaunlich, als dass vor der Weltmeisterschaft niemand Özils sportliche Eignung in Frage gestellt, Reinhard Grindel keine öffentliche Äußerung verlangt und auch nie die Rede davon war, dass der Verband offene Fragen an Özil gehabt hatte. Eher im Gegenteil.

Als Beleg dafür reicht es fast, ein großes Grindel-Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit nachzulesen. Da sagte Grindel, dass es gar nicht so entscheidend sei, ob man sich nun öffentlich äußere oder nicht und begründet das auch. Wörtlich wird er zitiert: "Glauben Sie ernsthaft, Mesut Özil und İlkay Gündoğan seien unser wahres Problem in Deutschland? Die beiden gehen doch ersichtlich mit der Situation unterschiedlich um. İlkay hat sich klar geäußert und wird trotzdem ausgepfiffen. Die Probleme, die hinter dem Unmut stecken, müssen tiefer liegen."

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Grindel erklärt auch, dass er lange mit Özil und Gündoğan gesprochen habe: "Die beiden haben mir erklärt, dass sie sich aus Respekt vor dem Staatspräsidenten und der Heimat ihrer Eltern und Großeltern diesem Treffen nicht entziehen konnten. Ich glaube ihnen, nicht abgesehen zu haben, dass es zu einem solchen Foto kommt und dieses durch die Wahlkampfzentrale der AKP veröffentlicht würde. Es war nach den uns geschilderten Abläufen unmöglich, einfach zu gehen, als sie feststellten: Hier werden Aufnahmen gemacht. Es war unverantwortlich, die Spieler in diesen schwer erträglichen Interessenkonflikt zu bringen."

Grindels Darstellung zu diesem Zeitpunkt: Die Spieler wurden in einen Interessenkonflikt gebracht, sie hätten dem DFB die Abläufe geschildert und er, der DFB-Präsident, glaube ihnen, dass sie sich den Fotos nicht entziehen konnten. Von offenen Fragen des Verbandes redet Grindel hier nicht, schon gar nicht von einer Verantwortung, der sich Özil stellen müsse. Vielmehr wünschte sich Grindel, dass die Fans Özil und Gündoğan unterstützten. Und ob Özil sportlich gut genug sei, da sagte Bundestrainer Joachim Löw auf die Frage, ob er daran gedacht hätte, die beiden zu sanktionieren: "Selbstverständlich nicht. Daran habe ich nicht gedacht. In keiner Sekunde."

Plötzlich steht Özil sportlich in Frage

Wie gesagt: Das war alles vor der Weltmeisterschaft. Nun, ein Vorrunden-Aus später, hat sich die Tonlage radikal gedreht. Grindel fordert die Fans nicht mehr auf, Özil zu unterstützen. Dessen Schweigen sei nicht mehr okay, "die Fans" hätten ja schließlich Fragen, die der Spieler beantworten müsse. Plötzlich steht sogar Özils sportliche Eignung in Frage. Teammanager Oliver Bierhoff sagte in einem Welt-Interview, man hätte überlegen müssen, auf Özil sportlich zu verzichten, ruderte dann aber im ZDF schnell zurück. Einen Tag später erklärte Grindel dann, Özils Zukunft hänge von der "sportlichen Analyse" des Bundestrainers ab.

Mesut Özil ist 29 Jahre alt, er spielt bei einem europäischen Spitzenverein und bei der Weltmeisterschaft war er nicht signifikant schlechter als alle anderen deutschen Spieler, gegen Südkorea tendenziell eher besser. Aus welchen sportlichen Gründen soll seine Zukunft bei der Nationalmannschaft eher in Frage stehen als die von Toni Kroos, Sami Khedira, Mats Hummels, Manuel Neuer, Jérôme Boateng oder Thomas Müller?

"Alle haben sich Mesut Özil rausgepickt. Das geht nicht", sagt Boateng

Diese Information fehlt, wie in der Causa Özil gerade überhaupt viele Sachen einfach nicht gesagt werden. Ein Bekenntnis gegen den Rassismus, der Özil in Teilen entgegenschlägt und den er auch wahrnimmt (siehe Instagram-Post), fehlt von DFB-Seite nach dem Scheitern genauso wie irgendeine Form von Haltung oder unterstützender Geste in Richtung des 92-fachen Nationalspielers. Eine angedeutete Verteidigung gab es bisher nur von Mannschaftskollege Jérôme Boateng. "Alle haben sich Mesut Özil rausgepickt. Das geht nicht", sagte er.

Das erzeugt ein so unvorteilhaftes Gesamtbild, dass sich selbst Parteifreunde distanzieren. Armin Laschet, CDU-Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, twitterte über das CDU-Mitglied Grindel: "Auf die Idee, dass ein Foto mit Erdogan an der Niederlage gegen den Fußball-Giganten Südkorea Schuld sein soll, können auch nur DFB-Funktionäre nach 3 Wochen Nachdenken kommen."

Und auch Max Hartung fühlte sich dazu genötigt, dem DFB Nachhilfe zu geben. Max Hartung ist Säbelfechter und Vorsitzender der Athletenkommission des Deutsch Olympischen Sportbund (DOSB), er spricht also aus Sportlerperspektive. Als er las, dass Grindel den Druck auf Özil weiter erhöhte, twitterte er: "Ich finde das nicht okay. Als Mannschaft gewinnt man zusammen und man verliert auch zusammen." Eine Selbstverständlichkeit, mit der sich dieser Tage viele im deutschen Fußball schwertun.

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