bedeckt München 16°

DFB-Präsidentenwahl:Trennung der Ämter

Fritz Keller

Preisgekrönter Winzer: der designierte DFB-Präsident und Freiburger Klubchef Fritz Keller.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Der neue Chef des Fußballverbandes ist wohl gefunden. Aber wer übernimmt küntfig die internationalen Posten? Und wie steht der DFB zum Konflikt zwischen Fifa und Uefa?

Rainer Koch weilte auf Kreuzfahrt, am Dienstag war Landgang in Tallinn. Beim Bier in Estland feierte der kommissarische DFB-Chef ein sehr seltenes Ereignis: "Für mich ist es das achte Weltwunder, dass wir unseren Personalvorschlag für das Präsidentenamt über Monate geheim halten konnten!" Tatsächlich war die Verkündigung sogar erst für den Konvent der Landesfürsten nächsten Mittwoch in Berlin geplant, insklusive einer Telefonpause, damit die Funktionäre Rücksprache mit ihren Verbänden halten könnten. Aber der Druck wuchs, ein Boulevardblatt lobte intern bereits Schampus für diejenigen aus, die den Namen des neuen Präsidenten in Erfahrung brächten. Und auch dem Kandidaten setzte das Schweigen zu; die Freunde daheim löcherten ihn schon, ob er im Herbst nicht wieder als Klubpräsident des SC Freiburg antreten wolle.

Also zog der Deutsche Fußballbund die Ankündigung auf Donnerstag vor: Fritz Keller, Chef beim Breisgauer Bundesligisten, soll in die Fußstapfen einiger geräuschvoll abgetretener Vorgänger steigen. Wobei einer Fortsetzung der Affären-Ära von Reinhard Grindel und Wolfgang Niersbach vorgebeugt wird: Das Präsidentenamt im DFB wird reduziert aufs Repräsentative, persönliche Alleingänge und Poltereien werden kaum mehr möglich sein.

Vizepräsident Rainer Koch gilt als Favorit für die internationalen Jobs

Die Branche nahm die Personalie mit einem Mix aus gnädiger Überraschung und Verwunderung auf. Keller ist ein Vertrauter in der Liga, und ein erfolgreicher Mittelstandsunternehmer. Warum es für die Berufung aber eine sechsköpfige Findungskommission und die aufwendige Mithilfe der Agentur "Egon Zehnder" brauchte, einem globalen Top-Headhunter, erschließt sich nicht jedem. Fritz Keller vom Kaiserstuhl ist das Resultat eines Prozederes, das sich einem päpstlichen Konklave gleich über vier Monate zog, in denen viel von langen und kurzen Kandidatenlisten geraunt wurde und sogar von der kühnen Möglichkeit, erstmals eine Frau an die Spitze des deutschen Fußballs zu befördern. Offenbar aber ist der Zeitpunkt unpassend für Gesellschaftspolitik, wenn die Neuordnung wirtschaftlicher Abläufe um wachsende Milliardenerlöse ansteht. Am Donnerstag enttarnten die Funktionäre ihre monatelange Betriebsamkeit als Nebelkerze; gebündelt in einem klaren, wohl etwas unbedachten Satz: "Fritz Keller war der erste und einzige Kandidat, mit dem die Findungskommission Gespräche führte."

Der Alleinkandidat Keller wird nun beim DFB-Bundestag am 27. September in Frankfurt gewählt. Aber er wird dank einer Satzungsänderung ein Präsident ohne Richtlinienkompetenz sein. Moderieren darf er ein Präsidium, das alle Beschlüsse als Kollegialorgan trifft. Ihm gehören auch die Köpfe aus der Findungskommission an: Koch, DFB-Vize Ronny Zimmermann, Schatzmeister Stephan Osnabrügge sowie für den Liga-Verband Christian Seifert und Peter Peters. Das insgesamt 17-köpfige Gremium will beim anstehenden Radikalumbau das Sagen haben und sich dazu vom DFB-Bundestag "ermächtigen" lassen, wie es im Satzungsantrag heißt. Dann obläge es diesem Kreis, die Trennung zwischen Wirtschafts- und ideellen Bereichen im weltgrößten Verband zu vollziehen.

Fürs Erste darf der DFB nur auf einen Posten im Uefa-Vorstand hoffen - aber nicht bei der Fifa

Völlig entzogen wird dem präsidialen Zugriff ein anderer Kernbereich: internationale Aufgaben. Darunter die Schlüsselfrage, wer den DFB künftig in den hochdotierten Vorstandsgremien von Europa- und Weltverband vertritt. Hier deutet alles auf Königsmacher Rainer Koch hin. Der näherte sich, als eine Uhren-Affäre zu Grindels Rückzug nicht nur von der DFB-Spitze, sondern auch aus den Vorständen von Uefa und Fifa geführt hatte, beiden Gremien bereits stark an. Ein Fauxpas unterlief den Deutschen gleich zu Beginn, als sie bei Uefa-Präsident Aleksander Ceferin und Fifa-Boss Gianni Infantino vorstellig wurden - und beide zum DFB-Pokalfinale im Mai einluden. Eine Peinlichkeit, weil Ceferin und der affärenumtoste Infantino nur unter Protokollzwang gemeinsam auftreten. Sofort eilte der ehrpusselige Infantino nach Berlin, ließ sich präsidial umgarnen und feierte bis in die Nacht den Pokalsieg mit seinen Freunden vom FC Bayern. Ceferin hingegen schenkte sich den Spaß. Wenig später beim Fifa-Wahlkonvent in Paris registrierte die Uefa-Spitze irritiert, wie beeindruckt die DFB-Delegation von Infantinos bizarrer One-Man-Show war. Dabei wissen sie beim DFB, dass Infantino die Fußballwelt an allen Ecken anzündet. Zuletzt wollte er sogar die Fifa-Rechte an eine arabische Investorengruppe ausverkaufen, ohne seine Vorstände einzuweihen. Und soeben hat er sich den kompletten Kontinentalverband Afrikas (Caf) unterstellt. Diesen befehligt sein Getreuer Ahmad Ahmad, aber der steckt nun im Korruptionssumpf; zudem werden ihm sexuelle Übergriffe angelastet. Die Vorwürfe sind substantiell. Aber offenbar darf der Skandalfunktionär aus Madagaskar nicht fallen - Ahmad half Infantino auf den Thron. Dabei nahmen Fördergelder obskure Wege, und Ahmads Vertraute Fatma Samoura, bis 2016 als UN-Helferin auf dem Inselstaat tätig, wurde plötzlich Fifa-Generalsekretärin. Jetzt regiert das Trio Afrika; Infantino setzte Samoura als kommissarische Chefin ein. Ob der Kuhhandel überhaupt regelkonform ist, wird untersucht.

Der Weltfußball ist ein Haifischbecken, in dem gerade nichts weniger gefragt ist als betuliche Deutsche, die sich als Brückenbauer sehen. In Infantinos Reich ist kein Bedarf an Brücken. Das hat Ceferin den Deutschen schon bei deren erster Visite bedeutet, offenbar verfing es nicht. Und so ging der von Grindel geräumte Posten im Fifa-Vorstand, der den Europäern zusteht, nicht an einen DFB-Nachrücker, sondern an Frankreichs Verbandschef Noël Le Graët. Der erwies sich übrigens beim Fifa-Kongress in Paris nicht als Brückenkopf, sondern als scharfer Kritiker Infantinos.

Nun nahm Ceferin eine erneute Einladung des DFB an, im Herbst besucht er das EM-Qualifikationsspiel gegen Holland in Hamburg. Mehr als einen Sitz im Uefa-Vorstand darf sich der DFB aber nicht erhoffen, ein Platz in Infantinos Fifa-Rat gilt als ausgeschlossen. Denn auch über diese Entsendung bestimmt die Uefa, und sie unterscheidet streng zwischen Verbänden, die ob ihrer Größe und Bedeutung eine Rolle in Europa spielen - und Ländern, die Europas Platz in Infantinos aufgewühlter Fußballwelt behaupten sollen. Für letztere Aufgabe braucht es mutige Mitstreiter, und keine Mitläufer, die sich blenden lassen von Infantinos Fifa-Mehrheiten aus zahllosen, oft förderabhängigen Zwergstaaten.