Süddeutsche Zeitung

Reinhard Grindel:Präsident auf verlorenem Posten

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Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Der deutsche Bewerbertross ist dort angelangt, wo über die künftige Stimmungslage des Fußballbetriebs entschieden wird. Von London aus, wo am Vorabend die Besten-Wahl des Weltverbandes Fifa über die Bühne gegangen war, ging es am Dienstagmittag nach Genf. Dort stehen die Emissäre des Deuschen Fußball-Bundes (DFB) nun selbst auf der Bühne, bei allerlei internen Kreuzverhör-Übungen, und am Mittwoch bei der Generalprobe für ihre Präsentation im Teamhotel. Am Donnerstag geht es dann hinüber auf die große Bühne in der Uefa-Zentrale, ein paar See-Sprengel weiter in Nyon, wo nachmittags die Vorstandsmitglieder von Europas Fußball-Union das EM-Turnier 2024 vergeben. An Deutschland oder an die Türkei.

Die DFB-Bewerber sind guter Dinge nach ihren Gesprächen am Londoner Gala-Abend. Vielleicht weniger euphorisch als Verbandschef Reinhard Grindel, der Beobachtern den Eindruck vermittelt, die pro-deutsche Positionierung des Uefa- Prüfberichts in Wirtschafts- und Menschenrechtsfragen sei schon mehr als die halbe Miete. Aber die meisten gehen von mindestens neun Stimmen aus - die würden zum Sieg reichen, weil in Nyon 16 oder 17 Wahlleute votieren werden. Offen ist noch, ob der Fiat-Erbe und Juventus-Eigner Andrea Agnelli erscheint, der aber ohnehin der Türkei zugerechnet wird.

Es ist für den ganzen deutschen Fußball eine Weichenstellung, speziell aber für den umstrittenen DFB-Boss. Wobei Grindels Lage so oder so eher ungünstig aussieht. Als gesichert gilt, dass im Falle einer Niederlage auch der Frontmann flott seinen Posten verlöre. Und bei einem Sieg? Auch dann erscheint es eher unwahrscheinlich, dass er sich auf Dauer im Amt halten könnte. Also über den September 2019 hinaus, wenn beim DFB wieder Präsidentenwahl ist.

Seit Amtsantritt im April 2016 summieren sich allerlei Fehler und Versäumnisse; öffentlich und intern. Viele Fußballvertreter sind genervt vom Führungsstil des 57- Jährigen, den ja nur missliche Umstände ins Amt gespült hatten: Ende 2015 hatte Vorgänger Wolfgang Niersbach im Zuge der WM-2006-Affäre zurücktreten müssen.

Grindel verdankt seine DFB-Karriere der WM 2006

Grindel war erst ZDF-Journalist, dann CDU-Hinterbänkler im Bundestag. Dort vertrat er Positionen, die oftmals kritisiert wurden, einer Novelle zur Strafbarkeit von Abgeordneten-Bestechung stimmte er als einer von wenigen nicht zu, und die Doppelte Staatsbürgerschaft wollte er auch nicht. Die Anfänge seiner DFB-Karriere verdankte er der WM 2006. Als der Turnierteilnehmer Trinidad&Tobago in seiner Wahlkreisstadt Rotenburg/Wümme Quartier bezog, kam Grindel mit der Funktionärswelt in Kontakt. Er stieg zunächst im Landesverband Niedersachsen auf, 2013 wurde er DFB-Schatzmeister. Und als der Sommermärchen-Eklat Niersbach aus dem Amt trieb, stand in der Not nur der machtbewusste, ehrgeizige Grindel bereit.

Es sollte ein Neuanfang sein. Doch bei kniffligen Themen agierte der Neue konsequent irritierend. In der bis heute nicht aufgeklärten WM-2006-Affäre gab es unter Grindels Führung merkwürdige Vorgänge im Verband. Er unterließ es sogar, eine verschlüsselte Datei mit heiklem Namen ("Erdbeben") an die Ermittler der Staatsanwaltschaft Frankfurt zu übersenden; das tat der DFB erst Monate später nach einer SZ-Anfrage. Auch die Protokolle der zur internen Aufklärung eingesetzten Kanzlei Freshfields gab der DFB lange nicht an die Behörden weiter. Eine "stark eingeschränkte Kooperationsbereitschaft" warf die Staatsanwaltschaft den selbsternannten Vollgas-Aufklärern um Grindel vor.

Dafür sorgte der Neue gleich zu Amtsbeginn dafür, dass der DFB-Bundestag den Grundlagenvertrag mit der Liga verlängerte. Dabei wurden die Delegierten nicht über eine geheime Zusatzvereinbarung informiert, die den offiziell vereinbarten Geldfluss stark reduziert. Dieses Wissen wurde erst später nachgereicht, erneut auf medialen Druck. Und auch zur EM-Bewerbung gibt es offene Fragen, die der DFB nicht beantwortet; etwa, wie genau aus 14 Kandidaten die zehn Stadien ermittelt wurden, die das Turnier austragen sollen.

Dazu gesellte sich offenkundig ein zuweilen ausbaufähiges Taktgefühl. Der Chef tut sich schwer mit gewinnenden Auftritten. Ein Beispiel nur, August 2017, Bundesligaspiel in München. Der Regen trommelt, die Zuschauer flüchten ins Stadioninnere, die Halbzeitpause wird verlängert. Besucher Grindel kommt kurz ins ZDF- Studio. Na, fragt salopp der Moderator, trocken geblieben? Antwort: Ja, das sei das Privileg der Vip-Tribüne. Es ist Grindel beim Weitersprechen anzumerken, dass ihm das unangenehm ist, aber es ist mal wieder zu spät - und ein neuerlicher Beleg für die Arroganz der Funktionäre in Umlauf.

Zu alldem passen die Fehltritte auf gesellschaftspolitischem Terrain, mit dem Tiefpunkt der Foto-Affäre um Mesut Özil und Recep Tayyip Erdoğan und allen Folgen. Ein verheerendes Bild gab der DFB ab, Grindel mäanderte durchs Thema, und befand schließlich: "Ich hätte mich angesichts der rassistischen Angriffe an der einen oder anderen Stelle deutlicher positionieren und vor Mesut Özil stellen müssen. Da hätte ich klare Worte finden sollen."

Klar ist, dass die türkische Seite seit Monaten auf den unglücklichen Umgang der Deutschen mit der Angelegenheit baut; der stünde im Widerspruch zum Anti-Rassismus-Gebot der Uefa. Allerdings bewegt das Thema, so heißt es in deutschen Bewerberkreisen, auch weiterhin den DFB-Vorturner Grindel. Und das so heftig, dass der Name Özil intern bis heute Alarmstimmung verbreitet - jedenfalls immer dann, wenn zu befürchten ist, dass sich der Präsident dazu äußern soll. Oder sich dazu äußern will. Auch die Sorge geht um: dass Grindel sich derzeit eine Darlegung seiner inzwischen gut ausgereiften Version zum Özil-Thema nur aus Rücksicht auf den Bewerberprozess noch verkneife. Und dass er sie nach der Entscheidung sehr rasch zum Besten geben werde.

Dabei ist der Umgang mit der Özil-Causa nur das größte Thema, bei dem Grindels Art intern Unmut provoziert. Es gibt weitere Vorgänge. Etwa wenn der Boss, wie in der Vorsaison, per Fernsehinterview heillose Verwirrung über die Einsatzschwelle des Videoassistenten stiftet. Oder wenn er, wie im Frühjahr, den für den Verband und viele Klubs wichtigen Zukunftsmarkt eSport als "Verarmung" klassifiziert, als "absurd" und "kein Sport" - um bald darauf zu erklären, natürlich sei der DFB für eSoccer. Aber halt unbedingt gegen Gewaltspiele.

Auch die vorzeitige und kostspielige Vertragsverlängerung mit Bundestrainer Joachim Löw, die dem Verband nach dem WM-Debakel alle Handlungsoptionen nahm, steht intern auf der Fehlerliste. Oder der Vorgang, wie Grindel im sogenannten "Fan-Dialog" plötzlich befand, es solle für das Fehlverhalten einzelner Zuschauer keine Kollektivstrafen mehr geben - und persönlich einem Gnadengesuch von Hansa Rostock stattgab. Abgesehen von der Bewertung dieses Themas fragen sich seither viele inner- und außerhalb des Verbands: Wofür gibt es eine angeblich unabhängige Sportgerichtsbarkeit, wenn sich der Präsident einfach darüber hinwegsetzt? Üblicherweise passiert das doch in Ländern wie jenem, mit dem der DFB gerade um den EM-Zuschlag ringt.

Auch die Geschichte mit Storymachine passt dazu, der Beratungsfirma des früheren Bild-Chefredakteurs Kai Diekmann; sie trieb den DFB geradezu ins Irrlichtern. Seit Jahresbeginn war klar, dass eine Kooperation angedacht wurde. Ende März erklärte die Pressestelle auf SZ-Nachfrage, es sei noch kein Vertrag mit der Firma unterschrieben. In der April/Mai-Ausgabe des Branchenblattes des Verbands Deutscher Sportjournalisten hingegen erklärte Medienchef Ralf Köttker, man hole sich Unterstützung und Beratung durch externe Dienstleister, weil man an Kapazitätsgrenzen stoße: "Storymachine gehört jetzt auch dazu." Aber als dann wenig später im Zuge der Özil-Affäre Medien anfingen, die Verbindung Bild - Diekmann - DFB zu thematisierten, hieß es plötzlich, die DFB-Onlineredaktion habe nur bis Ende Februar mit Storymachine zusammengearbeitet.

Simples Thema, endlose Widersprüche. Offenbar wollte Chef Grindel die Zusammenarbeit vorantreiben, während ihn andere Verantwortliche zu bremsen versuchten. Und weil die Investition so hoch gewesen wäre, ließ sich das Ganze schließlich noch stoppen.

Grindel selbst lässt immer wieder anklingen, dass er keine Führungskrise sieht. Und die Branche hat sich Stillschweigen bis zum 27. September verordnet, jedes böse Wort könnte ja den EM-Entscheid beeinflussen. Tatsächlich bleibt vor der Kür eine große Ungewissheit, wiewohl die Deutschen favorisiert sind. Deshalb werden sie in diesen letzten Tagen ständig ermahnt, von echten und von vermeintlichen Parteigängern, bloß nicht nachzulassen in ihrem Werbebemühen. Überdies erinnert der Umstand, dass mancher Wähler den Prüfbericht noch gar nicht gelesen hat, an all die Wahl-Eskapaden, die es bis in die jüngste Vergangenheit gab: von der korruptionsbelasteten Wahl der EM-Veranstalter Ukraine/Polen 2012 bis zu Katars Kür als WM-Gastgeber 2022. Unter fünf Rivalen galt das Emirat als Streichkandidat, es kassierte im Fifa-Prüfbericht sogar zwei K.-o.-Kriterien. Am Ende gewann es souverän.

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Quelle:
SZ vom 26.09.2018
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