Süddeutsche Zeitung

DFB-Präsident Niersbach:Krisenbewältigung auf Kreisklassen-Niveau

  • DFB-Chef Wolfgang Niersbach soll erklären, was mit den 6,7 Millionen aus der DFB-Kasse passiert ist.
  • Die Vorsitzenden der 21 DFB-Landesverbände fordern ihn in einem gemeinsamen Brief auf, für eine lückenlose Aufarbeitung der Affäre zu sorgen.
  • Doch Niersbach stellt sich in der Krisenbewältigung ungeschickt an.

Von Hans Leyendecker und Klaus Ott

Wenn Politiker wegen offenkundiger Missstände unter Feuer geraten, gründen sie gern eine Kommission. Die setzt sich zumeist aus internen und externen Spezialisten zusammen. Bei unangenehmen Fragen der Medien zu den Details einer Affäre lautet dann die Standardantwort: "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir derzeit dazu nichts sagen können. Sobald die Ermittlungen der Kommission vorliegen, werden wir unverzüglich und transparent über die Ergebnisse informieren."

So ähnlich versucht es in diesen Tagen der Deutsche Fußball-Bund (DFB). Allerdings ein bisschen ungeschickter als die in der Politik. Das erkennt man daran, dass jemand, der offenbar in der "Direktion Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit" arbeitet, aber seine Mails nie mit seinem Namen zeichnet, so antwortet: "Leider bleibt es dabei, dass sich der DFB aktuell nicht weiter zu diesem Thema einlässt."

Der Begriff einlassen könnte in diesem Zusammenhang ein Thema für Seminare über Krisenkommunikation an der Uni sein, aber klar scheint schon jetzt zu sein, dass der Versuch der Krisenbewältigung der Selbstbeschreibung des Verbandes ähnelt: Der DFB sei eine "Mischung aus Hauptamt und Ehrenamt, aus Nationalspielern und Helden der Kreisklasse" - das schreibt der DFB über sich.

Mit Helden ist derzeit wenig, mit Kreisklasse viel, und der Unmut unter den Funktionären nimmt zu. Die Vorsitzenden der 21 DFB-Landesverbände fordern DFB-Präsident Wolfgang Niersbach in einem gemeinsamen Brief auf, für eine lückenlose Aufarbeitung der Affäre zu sorgen. "Der Fluss der 6,7 Millionen Euro" müsse "zeitnah und umfassend aufgeklärt werden", erklärte Hessens Fußball-Chef Rolf Hocke am Mittwoch.

"Ich fühle mich von ihm schlecht behandelt, weil er mir das verschwiegen hat"

Hans-Ludwig Meyer, der Präsident des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, macht öffentlich, dass er sich schlecht informiert fühlt. Sein Kollege aus Niedersachsen, Eugen Gehlenborg, der Vizepräsident des Verbandes ist, sagt in einem Zeitungs-Interview: "Die Stimmung ist sicherlich nicht die allerbeste im Augenblick (. . .) Die erhobenen Anschuldigungen treffen uns alle schwer."

Ob die vom WM-Organisationskomitee (OK) im Jahr 2005 an den Weltverband Fifa gezahlten 6,7 Millionen Euro der Begleichung der alten Schuld beim früheren Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dienten und ob das Geld zum Stimmenkauf bei der Vergabe der WM 2006 nach Deutschland eingesetzt wurde, wie der Spiegel schrieb? Die DFB-Funktionäre bezweifeln diese Version, sie halten ihren Verband für sauber. Was sie aber stört und auch zunehmend irritiert, ist der Umgang von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach mit dem Thema.

"Ich fühle mich von ihm schlecht behandelt, weil er mir das verschwiegen hat", sagt ein hochrangiger DFB-Mann. "Warum hat er die zuständigen Gremien nicht gleich über den Verdacht informiert? Weiß er etwas, was wir nicht wissen?"

Affären haben ihre eigene Dramaturgie. Weil die eigentliche Geschichte - die mit dem angeblichen Stimmenkauf - nebulös bleibt, konzentriert sich im Verband die Aufmerksamkeit auf die rätselhafte Überweisung in Höhe von 6,7 Millionen Euro. Das Geld wurde gezahlt für eine Gala im Juni 2006, die dann gar nicht stattfand.

Nach Darstellung des DFB hat Niersbach erst in diesem Sommer von dem rätselhaften Transfer erfahren. Er habe dann eine "interne Prüfung veranlasst", hat Niersbach in einem Interview, das er gewissermaßen mit sich selbst führte, auf dfb.de erklärt: "Zur Aufklärung haben wir verbandsintern den Kontrollausschuss eingeschaltet, sowie die externe, internationale Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer". Also eine Art Kommission.

Wenn es auf einfache Fragen keine Antworten gibt, stinkt etwas

Wer das Niersbach-Zitat liest, muss eigentlich glauben, "zur Aufklärung" seien der Kontrollausschuss und Freshfields gleich im Sommer eingeschaltet worden. Dieser Eindruck wäre wohl falsch. Freshfields und die Kontrollkommission sind offenbar erst jüngst hinzugezogen worden.

Wahrscheinlich wäre Niersbach aus dem Schneider gewesen, wenn er gleich im Sommer seine Gremien informiert und für Aufklärung gesorgt hätte. Was es mit der Überweisung an die Fifa in Höhe von 6,7 Millionen Euro auf sich hatte, das hätte der DFB eigentlich leicht selbst und auch rasch erläutern können. In Verbandkreisen heißt es, nach dem Hinweis an Niersbach habe sich ein Fachmann im Haus um den Vorgang gekümmert: Stefan Hans, seit langem zuständig für Personal, Recht und Finanzen und inzwischen Vize-General- sekretär des DFB. Hans war der Finanzchef des WM-OK. Er musste vermutlich nur von Niersbach befragt werden und in seinem Gedächtnis kramen, um die 6,7 Millionen Euro erklären zu können. Stattdessen verschanzt sich der DFB.

Zu der Zahlung an die Fifa haben in diesen Tagen der frühere Bundesinnenminister Otto Schily und auch das Ministerium selbst Stellung genommen. Der Politiker und die Behörde hatten damals mit der WM zu tun. Sie kommen nach wenigen Tagen fast in Handarbeit zu Ergebnissen, die der DFB, der vermutlich über alle wichtigen Unterlagen verfügt, nicht liefern will.

Wenn es auf einfache Fragen keine oder ausweichende Antworten gibt, stinkt etwas. In diesem Fall ist wahrscheinlich nur die Frage, was stinkt.

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SZ vom 22.10.2015/ska
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