Neuer DFB-Präsident:Nagelproben für Neuendorf

Lesezeit: 4 min

DFB-Präsident Bernd Neuendorf

Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf.

(Foto: Simon Hofmann/Getty Images)

Nach seiner Wahl muss sich der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf klar positionieren: zur Besetzung der internationalen Ämter - und zum fragwürdigen Demokratie-Verständnis des neuen Amateur-Chefs.

Von Johannes Aumüller, Bonn, und Thomas Kistner

Konsterniert harrte Rainer Koch bis zum bitteren Ende aus, in Reihe eins des Plenums, den Blick starr auf die Bühne gerichtet, den scheidenden Schatzmeister Stephan Osnabrügge als Tröster neben sich. Dann entschwand er wortlos durch einen Seitenausgang des Bonner Kongresszentrums. Der 63-jährige Spitzenfunktionär konnte nicht fassen, was passiert war: Er, der ewige Strippenzieher des Deutschen Fußball-Bundes, war beim DFB-Bundestag am Freitag nicht mehr zum Vizepräsidenten gewählt worden. Er war aus dem Präsidium geflogen, in hohem Bogen. Es war das Resultat einer allerletzten Finte, die nach hinten losging - und eines bizarren Auftritts, der all die auch innerhalb des Verbandes gegen ihn brodelnden Vorbehalte final freisetzte.

Nach einer veritablen Affären-Serie rund um Koch über die vergangenen Monate hatte es beim Fußball-Konvent am Freitag eine Last-Minute-Gegenkandidatin gegeben: Silke Sinning, Professorin an der Universität Koblenz-Landau. Kurios: Die Sportwissenschaftlerin war von Kochs Bayern-Verband selbst vorgeschlagen worden. Das sollte an die Basis und an die zweifelnde Öffentlichkeit die Botschaft aussenden, dass Kochs Amateur-Kolonnen im mächtigen Fußball-Süden einer demokratischen, geheimen Wahl nicht im Wege stünden.

Doch die Rochade erwies sich als gewaltiger Fehler. Das machte Koch selber klar, als er dem Plenum ernsthaft darlegte, er sei doch derjenige, den die süddeutschen Verbände für diese Vize-Funktion vorgeschlagen hätten, und dass zu einer Wahl gehöre, dass "man sich an Absprachen hält". Sein schräger Appell: Man möge ihn als DFB-Vize "bestätigen" oder "sich nicht an der Wahl beteiligen". Das war selbst den Delegierten zu viel. Im Saal setzte grummelnder Protest ein, kurz darauf war Kochs schwere Niederlage (68:163) perfekt.

Neuer DFB-Präsident: Beendete mit ihrer Kandidatur die Zeit von Rainer Koch im DFB-Präsidium: die Sportwissenschaftlerin Silke Sinning.

Beendete mit ihrer Kandidatur die Zeit von Rainer Koch im DFB-Präsidium: die Sportwissenschaftlerin Silke Sinning.

(Foto: Simon Hofmann/Getty Images for DFB)

Selten hat ein Funktionär das in der Sportpolitik fehlende Demokratieverständnis so offen auf die Bühne getragen wie nun Rainer Koch. Aber das, was rund um seinen Auftritt ablief, zeigt: Die fragwürdige Kunst, Wahlen nur vorzugaukeln, beherrscht Koch nicht alleine. Bis zuletzt war er dabei gestützt worden, auch von einem Funktionär, der seit vielen Jahren zu seinen engsten Verbündeten zählt und ihn folgerichtig beim Bundestag beerben durfte: der badische Fußballchef Ronny Zimmermann. Er ist der neue Amateur-Boss, einer der beiden obersten Vize-Präsidenten des DFB, und er wäre - das Szenario hat Koch ja gleich dreimal durchlebt - sogar Interimschef im dem Fall, dass der neue Präsident Bernd Neuendorf sein Amt vorzeitig abgäbe. Kurz: Er ist jetzt einer der mächtigsten Funktionäre im Fußballland.

Silke Sinning sei vorgeschlagen worden, "um erhobene Vorwürfe eines undemokratischen Verhaltens zu entkräften" - aber doch bitte nicht, um sie zu wählen

Am Vorabend der Wahl erhielten die führenden Amateurvertreter ein Schreiben, unterzeichnet von Zimmermann und drei weiteren Präsidenten süddeutscher Landesverbände (liegt der SZ vor). Darin war klar angelegt, was Koch dann einforderte: Sinning, heißt es im Papier, sei nur vorgeschlagen worden, "um erhobene Vorwürfe eines undemokratischen Verhaltens zu entkräften". Aber: Der Vorstand der süddeutschen Verbände habe ja Koch einstimmig vorgeschlagen, der werde von all diesen Landesverbänden unterstützt. Also bitten die Unterzeichner nun alle Delegierten der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und der anderen Regional- und Landesverbände, "dass wir im Sinne eines guten Miteinanders wechselseitig unsere Kandidatenvorschläge respektieren".

Anders gesagt: Wir gaukeln jetzt mal etwas Demokratie vor - fürs skeptische Publikum. Aber an der Urne hält sich jeder strikt an die im kleinen Kreis ausgeklüngelte Absprache! Wer so ein Demokratieverständnis hat, braucht keine Wahlen.

Der Vorgang zeigt, wie viel Aufräumarbeit, aber auch welches Umdenken im neuen Präsidium notwendig ist. Der neue Präsident Neuendorf muss zeigen, dass er für einen unbelasteten Neuanfang steht. Quasi alle Spitzenposten des deutschen Fußballs sind neu besetzt: Neben ihm und Zimmermann sind da Schatzmeister Stephan Grunwald sowie die beiden DFL-Vertreter Hans-Joachim Watzke und Donata Hopfen. Aber wie viel Neuanfang dieses Quintett zustande bringt und wie intensiv es die Affären-Aufklärung betreibt, die die Koch-Bezwingerin Sinning angemahnt hat, das muss sich weisen. Wobei die erste Nagelprobe lautet: wer den deutschen Fußball in den internationalen Spitzengremien vertritt.

Bei Fifa und Uefa vertreten nun Funktionäre den DFB, die nicht mehr dem Präsidium des Verbandes angehören

Diese mit je rund 200 000 Euro jährlich dotierten Posten haben ja nun zwei Funktionäre inne, die gar nicht mehr im DFB-Präsidium sitzen: Koch als Vorstand in Europas Fußball-Union Uefa, der gescheiterte Neuendorf-Herausforderer Peter Peters im Council des Weltverbands Fifa. Schon bisher hatten sie dort keine guten Standings. Was sollen sie jetzt dort ohne DFB-Präsidiumsmandat ausrichten?

Überdies hat gerade der Uefa-Posten nun eine besondere Bedeutung - auch aus Sicht des Europa-Verbandes. Denn die nächste EM 2024 findet in Deutschland statt. Am Uefa-Stammsitz in Nyon wäre es manchen am liebsten, wenn der DFB eine neue, wirklich repräsentative Figur in den Vorstand entsenden würde, am besten den Präsidenten selbst. Formal ist zwar Koch persönlich gewählt, das kann der DFB nicht einfach umbesetzen. Aber faktisch schon: Sollte die neue Führung des Verbandes einen Wechsel wünschen, könnte der Regionalpräsident Koch aus Bayern das kaum verwehren - nicht, ohne den nächsten Skandal loszutreten.

Insofern fragt sich nun: Steht Neuendorf loyal zum DFB und dessen EM-2024-Zukunft - oder zu Koch, der gewiss bedeutenden Anteil an seiner Wahl hatte? Gleich nach dem Bundestag wollte sich der neue Präsident nicht festlegen, bei der Pressekonferenz fiel jedoch auf, dass er keine feste Jobzusage gab. Er wolle erst mit Koch sprechen, sagte Neuendorf: "Ich denke nicht, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu reden, wer welche Perspektiven im DFB hat." Der Rest war Fußballersprache: "Wir werden das Spiel genau analysieren und Schlussfolgerungen daraus ziehen." Allerdings fällt der Blick nun auch auf Liga-Vertreter Watzke: Er müsste in Sachen Uefa und EM, für die Profi-Interessen, ein Machtwort mitreden.

Die neue DFB-Führung muss sich flott entscheiden. Neue Mitglieder für den Uefa-Vorstand kann nur der Kongress wählen. Der nächste ist am 11. Mai in Wien.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema