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Neuer DFB-Präsident Fritz Keller:Mit Kontrolleur aus dem Schatten

Rainer Koch (l.) gratuliert Fritz Keller zur DFB-Präsidentschaft.

(Foto: Daniel Roland/AFP)

Als Selbstdarsteller wie Reinhard Grindel dürfte sich der neue DFB-Präsident Fritz Keller kaum erweisen - doch die Strippenzieher im Verband sind zukünftig andere.

Beim Aufbruch in die Zukunft wird der Deutsche Fußball-Bund (DFB) flott von der Vergangenheit überholt, überrollt sozusagen vom Urgestein in diesem runderneuerten DFB. Vizepräsident Rainer Koch, seit gefühlt einer Ewigkeit dabei und doch nie mittendrin, wenn die Problempräsidenten - Zwanziger, Niersbach, Grindel - ihre Pirouetten drehten, hat jetzt auch sein internes Affärchen.

Willkommen im Klub.

Abzuwarten bleibt, wie die DFB-Ethiker jüngst erhobene Vorwürfe von Funktionären bewerten, die sich von Koch unter Druck gesetzt fühlten, ihm genehme Personalentscheide zu fällen. Koch zeigt ja gern dirigistischen Habitus - ganz wie einer, der seine Zeit für gekommen hält. Dafür verpasste ihm der Bundestag nun einen Denkzettel. Zehn Gegenstimmen, sieben Enthaltungen, das kontrastiert stark mit Kochs oberstem Mantra: Einheit!

DFB "Der DFB ist besser als sein Ruf"
Präsident Fritz Keller

"Der DFB ist besser als sein Ruf"

Fritz Keller wird zum neuen DFB-Präsidenten gekürt. Der Freiburger soll für einen Neuanfang beim kriselnden Verband stehen.

Der Münchner Richter prägte diesen neuen DFB, steht selbst aber für altes Funktionärswesen. Fleißig düst er durch die Welt, ist auch zu Hause stets auf Achse. DFB-intern verweist er auf 40 Prozent Voten, die er als süddeutscher Chef bündelt; wer aus der Reihe tanzt und Intransparenz rügt, wie eine rheinische Klubchefin die supergeheime Präsidentensuche, dem zürnt der Macher nachhaltig.

Fürs Spitzenamt sah sich Koch nicht so geeignet, wohl aber für das des Spiritus Rector. Fritz Keller, der nette Neue an der Spitze, wird ja ein Präsident ohne Richtlinienkompetenz sein, das wertet die Rolle derer im Thronschatten auf. So war schon im Zug der Kandidatenkür mit Keller Denkwürdiges vereinbart worden: dass der Bundestag das Präsidium "ermächtigen" solle für den Großumbau des DFB. Die erforderliche Trennung der ideellen und wirtschaftlichen Bereiche vollzieht also nicht mehr die oberste Instanz, sie hat vielmehr diese kleine Funktionärsriege beauftragt, in der auch weisungsabhängige Hauptamtliche sitzen. Könnte das, unterm Aspekt der Gemeinnützigkeit, auch der Fiskus noch interessant finden? Der hat den (alten) DFB ja schon auf der Agenda: In der Sommermärchen-Affäre kommt es bald zum Prozess gegen Niersbach, Zwanziger und Schmidt.

Und international? Dort soll Koch das Gesicht des DFB werden, als Kandidat für Vorstandssitze in Europa (Uefa) und der Welt (Fifa). Und dort wird er lernen müssen, zwischen Quantität und Qualität seiner Verbandskontakte zu unterscheiden - und ob es klug ist, sich von deutschen Großklubs pro Fifa-Chef Gianni Infantino einspannen zu lassen. Es tobt ein Kampf zwischen Fifa und Uefa, es geht um die Zukunft des Fußballs; Koch aber vertraut auf die Kraft kameradschaftlichen Smalltalks. Niemals werde er Infantino offen kritisieren, stellt er gerne klar. In der Tat hat er nie eine Silbe verloren zum Treiben des Autokraten. Was schon deshalb seltsam erscheint, weil just Strafrichter über einschlägige Berufs- und Lebenserfahrungen verfügen sollten. Andererseits: Den Justizjob will Koch nun drangeben fürs geliebte Funktionärstum.

Auch das ist keine gute Nachricht. In internationalen Ämtern locken dicke Saläre, wenn man sie gehorsam ausübt. Aber Kuschen ist keine Option in der Infantino-Ära. Zum Glück führt jeder Weg zur Fifa über den TÜV der Uefa, diese schickt ihre Vertreter in Giannis Haifischbecken - und dort braucht Uefa-Chef Aleksander Ceferin standhafte Europäer. Dass Koch kein solcher ist, hat er bereits erfasst.

Und Keller? Als Selbstdarsteller wie Grindel ist der erdhafte Winzer nicht bekannt, er muss jetzt aber rasch Profil entfalten. Die Strippenzieher von heute sind Christian Seifert, der taffe Boss des Profilagers, und Koch - der übrigens gleich ein Stück Fifa, eine Prise Infantino in den DFB-Bundestag trug. Ausländische Gäste begrüßte er multilingual auf Dänisch bis Italienisch. Halt so wie der Gianni.

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