Werder Bremen "Dieser Erfolg muss uns jetzt einen Boost geben"

Claudio Pizarro liegt derzeit mit den Bremern auf dem 10. Tabellenplatz in der Bundesliga.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Werder Bremen zieht viel Kraft aus dem überraschenden Pokalerfolg in Dortmund.
  • In der Bundesliga will Werder auch endlich so spielen wie unter der Woche beim BVB.
Ulrich Hartmann, Dortmund

Florian Kohfeldt war 23 Jahre alt, als er aufgehört hat, an den Weihnachtsmann zu glauben. Verantwortlich für den Verlust dieser letzten Illusion war die Rockgruppe "Sportfreunde Stiller", die vor 13 Jahren mit ihrem Lied "54, 74, 90, 2006" einen deutschen Weltmeistertitel prophezeit hatte, der sich 2006 bei der Heim-WM aber nicht erfüllte. "Damals habe ich mir abgewöhnt, in bestimmten Intervallen zu denken", sagte der Trainer von Werder Bremen Dienstagnacht im Dortmunder Fußballstadion, in dem Bremen ein denkwürdiges Pokal-Achtelfinale gewonnen hatte und wo sich dadurch abzeichnete, dass Werder nach 1999 und 2009 auch 2019 ganz bestimmt den DFB-Pokal gewinnen wird. "Das heißt eben gar nichts", winkte Kohlfeldt grinsend ab, "nach dem Lied der Sportfreunde damals habe ich auch nicht mehr an den Weihnachtsmann geglaubt."

Dabei war dieser Bremer Triumph beim so souveränen Tabellenführer der Bundesliga doch gerade dazu angetan, wieder an alles Mögliche glauben zu können: an Pokalwunder, an Titel und den Weihnachtsmann. "Dieser Erfolg muss uns jetzt einen Boost geben", sagte Bremens Nuri Sahin - "er muss es einfach!" Drei Tage nach einem deprimierend schwachen 1:1 beim 1. FC Nürnberg zeigte sich Bremen bei ersatzgeschwächten Dortmundern unbedingt willens, den angekratzten Ruf zu retten, glich in der Verlängerung spät zwei Mal einen Rückstand aus und gewann das Elfmeterschießen, weil man vier Schüsse verwandelte, derweil der Torwart Jiri Pavlenka zwei Dortmunder Versuche parierte.

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"Diese Mannschaft hat kein Mentalitätsproblem", stellte Sahin hinterher im Tonus einer Breaking-News-Nachricht klar, und sein Kollege Max Kruse bilanzierte den Überraschungserfolg so: "Wir nehmen aus diesem Spiel mit, wie man nicht nur guten Fußball spielt, sondern sich auch noch dafür belohnt."

Der Trainer Kohfeldt hat nämlich einschlägige Erfahrungen gemacht in Laufe der bisherigen Saison: "Jeder fragt mich: Ihr spielt so einen Fußball und seid in der Liga nur Zehnter - was ist mit Euch los?" Für Kohfeldt ist diese Frage einerseits berechtigt, andererseits nur rhetorisch. "In uns steckt diese Siegermentalität, aber wir müssen sie öfter abrufen." Werder ist launisch, oder besser gesagt: nicht in jedem Spiel clever bis zum Schluss. Zwei Unentschieden gegen Nürnberg haben das gezeigt und eine Niederlage in Stuttgart, die Mannschaft hat einige Punkte liegenlassen.

Der Triumph in Dortmund nun hat die Spieler unter Druck gesetzt, weil sie nach einer taktisch und mehr noch emotionalen Topleistung künftig weniger Ausreden haben. Für Kohfeldt war die inklusive Elfmeterschießen 135-minütige Leistung ein Beweis dafür, dass die Mannschaft cleverer spielen kann, als sie es bisher gezeigt hat. "Entscheidend ist natürlich", sagt er, "diese Cleverness immer wieder zu bringen."

Clever war im Laufe des Spiels auch die Entscheidung des Trainers, zwei Pokalhelden einzuwechseln. Claudio Pizarro kam in der 91. Minute und schoss in der Verlängerung (2:2) sein 32. Tor im 56. Pokalspiel. Martin Harnik kam in der 66. Minute und schoss in der Verlängerung (3:3) sein 21. Tor im 26. Pokalspiel. Mit 21 Treffern steht Harnik in der ewigen Torschützenliste des DFB-Pokals auf Platz 19. Mit 32 Treffern steht Pizarro, 40, in dieser Liste auf Platz fünf. "Claudio ist trotz seines Alters immer noch eine Granate", sagt Kohfeldt, "er kann seine Weltklasse nicht mehr über 34 Spiele à 90 Minuten zeigen, aber eben doch in bestimmten Momenten - und diese Momente müssen wir finden, in denen wir ihn dann bringen."

Für den Trainer war der Sieg ein wichtiges Signal für eine bessere Zukunft. "Eines Tages", hob Kohfeldt an, "ich hoffe, dass wir eines Tages mit Werder Bremen eine Zeit erleben, in der Spiele wie dieses immer noch gute Spiele sind, aber nicht mehr so außergewöhnliche Highlights." Irgendwann, meint Kohfeldt, sollen Leistungen wie diese die Regel sein, und an diese Vision will der 36-Jährige, wenn nötig, noch lange glauben.

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