Zwischendurch wirkte es, als würde in der neuesten Ausgabe des DFB-Pokals die Geschichte des Underdogs aus der zweiten Liga fortgeschrieben werden, der sich weiter an einem Fußballwunder versucht. Wenige Minuten vor der Pause hatte Rio Takizawa im Viertelfinale der Frauen für den SC Sand gegen Carl Zeiss Jena ausgeglichen. Dieser Distanzschuss, Kategorie Tor des Monats, hätte zu jener Szene werden können, die an diesem Abend den Coup des SC Sand einläutet. Sie machte den Badenerinnen auch Mut, löste Angriffe und Abschlüsse aus, nur folgte kein weiterer Treffer. Und dann beschloss Olivia Alcaide, die Geschichte dieser Wettbewerbsrunde an sich zu reißen.
In der 68. Minute tunnelte sie Sands Torhüterin Jule Baum, in der 81. Minute landete ein haarsträubender Fehlpass am Strafraum – ausgerechnet von Takizawa im Spielaufbau – als Geschenk bei Alcaide, in der 89. Minute nutzte sie den nächsten Fehlpass zum nächsten Tor. Hattrick, 4:1-Sieg, Einzug ins Halbfinale, Happy End im Ernst-Abbe-Sportfeld. So oft hatte die schlechteste Offensive der Bundesliga in dieser Saison noch nie getroffen, die erste Pokalrunde ausgenommen. „Wir wollten allen unseren Kritikern zeigen, dass wir zu Recht in der Bundesliga spielen“, sagte die 28-jährige Schwedin der Ostthüringer Zeitung: „Ich bin der Meinung, dass uns das heute gelungen ist.“
Ein Zweitligist hat es also nicht unter die letzten vier Klubs geschafft, ein Underdog aber schon. 2024 in die Bundesliga aufgestiegen, konnte sich Jena vergangene Saison gerade so in der höchsten deutschen Spielklasse halten. Aktuell hat das Team nach nur zwei Siegen kaum noch eine Chance, den Abstieg erneut zu verhindern, Jena steht mit neun Punkten abgeschlagen am Tabellenende. Fünf Punkte fehlen, um aus der bedrohlichen Zone herauszukommen, Zwölfter ist gerade der Hamburger SV, Jenas nächster Gegner. Allein in den vergangenen drei Ligaspielen gegen den FC Bayern, Eintracht Frankfurt und den 1. FC Nürnberg kassierte das Team 15 Gegentore und traf selbst nur zweimal. Dabei hatte das Jahr so gut angefangen mit dem ersten Auftritt von Olivia Alcaide gegen Union Berlin: Einwechslung in der 87. Minute, Siegtreffer in der vierten Minute der Nachspielzeit.
In Jena dürfte sich manch einer gewünscht haben, der Klub hätte Alcaide nicht erst zur Winterpause von Fenerbahçe Istanbul verpflichtet, um die Offensive zu vitalisieren. Mit jener Gefährlichkeit, die Alcaide vor allem in den zwei Jahren beim schwedischen Jitex Mölndal BK gezeigt hatte, bevor sie nach Istanbul zog: 27 Tore und acht Vorlagen in 37 Pflichtspielen waren ihr da gelungen. Schnell ist Alcaide, spielintelligent auch. Aber es wird schwer werden, den Finaleinzug von 2010 zu wiederholen, als die Thüringerinnen unter dem Namen FF USV Jena gegen den FCR 2001 Duisburg knapp verloren.
Dass auch auf der Etappe vor dem Endspiel Unerwartetes passieren kann, dafür hat sich Jena höchstselbst einen Mutmacher geliefert
Noch am Mittwochabend hat Carl Zeiss Rekordpokalsieger VfL Wolfsburg zugelost bekommen, für den es um die wahrscheinlich einzig mögliche Trophäe dieser Saison geht zum Abschied von Ralf Kellermann. Der Sportdirektor wird im Sommer in gleicher Position bei Borussia Dortmund einsteigen und soll dabei helfen, die BVB-Frauen von der drittklassigen Regionalliga West nach oben zu führen. Die SGS Essen wäre Jena natürlich lieber gewesen, doch die trifft auf Titelverteidiger Bayern München. Dass Essen 1:0 gegen den Vorjahresfinalisten und Bundesligasechsten Werder Bremen gewann, war eine kleine Überraschung. Was die überbordende Geschichte dieses Halbfinals liefert.
Der Pokal spiegelt die zwei Welten der Bundesliga wider: Am Osterwochenende Anfang April treffen die seit Jahren im deutschen Frauenfußball dominierenden Teams, ausgestattet mit deutlich mehr Geld und Weltklasse im Kader, auf die Exoten. Diese werden versuchen, in diesem ungleichen Kampf irgendwie durchzuhalten und zu beweisen, dass man auch mit weniger Mitteln mal erfolgreich sein kann. Die beiden Ersten gegen die beiden Letzten.
Dass auch auf der Etappe vor dem Endspiel in Köln am 14. Mai Unerwartetes passieren kann, wenn die Kleinen gegen die Großen antreten, dafür hat sich Jena höchstselbst Anfang der Saison einen Mutmacher geliefert: Als einziger Bundesligist vermochte es Carl Zeiss, dem FC Bayern Punkte zu verwehren und ein Remis abzuringen. Damals sogar noch ohne Torjägerin Olivia Alcaide.


