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Handspiel:Ein Freistoß genügt doch auch

DFB Cup - Quarter Final - Eintracht Frankfurt v Werder Bremen

Felix Zwayer: Musste regelkonform auf Elfmeter entscheiden

(Foto: REUTERS)

Der Handelfmeter nach Videobeweis gegen Bremen hinterlässt Irritationen - es gibt elegantere Wege, als immer gleich die Höchststrafe auszusprechen.

Der DFB-Pokal hat seine Innovationskraft schon häufiger bewiesen. Exemplarisch im Jahr 2014, nach dem Tor-Klau von Berlin. Der Dortmunder Hummels hatte im Finale geköpft, der Münchner Dante den Ball erst hinter der Torlinie erwischt und ins Feld zurückbefördert. Es wäre das 1:0 für den BVB gewesen, doch Schiedsrichter Florian Meyers Auge sah es anders: Für ihn und seine Assistenten sei es nicht zweifelsfrei erkennbar gewesen, ob der Ball die Torlinie vollständig überschritten hatte oder nicht. So ließ Meyer weiterspielen - der FC Bayern siegte 2:0 nach Verlängerung. Der Vorfall hatte Wirkung: Im Jahr darauf, beim Finale Wolfsburg - Dortmund (3:1), wachte erstmals in einem deutschen Stadion das Hawk-Eye, das Falkenauge, über die Torlinie. Tor oder nicht Tor? Diese Frage misst das Videosystem seither millimetergenau. Beschwerden sind nahezu nicht bekannt, im Gegenteil, der Mensch hat sich überzeugen lassen, dass die Technik mal was besser kann.

So weit ist der Mensch beim großen Bruder der Torlinientechnik, beim Videobeweis, noch lange nicht. Bis zur allgemeinen Akzeptanz wird es Jahre dauern, vielleicht kommt es nie so weit, denn im Gegensatz zur Torlinientechnik hat beim Videobeweis der Mensch noch ziemlich viel mitzuteilen. Mittwochnacht machte Christian Dingert, der Videoassistent, Gebrauch davon, als er sich aus der Fußballüberwachungszentrale, dem sog. Kölner Keller, plötzlich ins Frankfurter Pokalduell einschaltete. Keiner der 51 500 dort im Stadion hatte ein Vergehen entdeckt, exklusiv nur Dingert mittels seiner im Kölner Keller installierten Sehhilfe. Hätte er Kulanz walten lassen, sich nicht eingemischt, hätte sich niemand beschwert.

Oder doch? Vielleicht der Ober-Ober-Oberschiedsrichter, also sein Chef, und das ist das Problem: Dingert fühlte sich in die Pflicht genommen und funkte nach Frankfurt: Schau dir die Szene mal an, Kollege! Dadurch wiederum sah sich Schiedsrichter Felix Zwayer in die Pflicht genommen, seinen ersten Augenschein zu korrigieren: Der Ball war ja an der Hand, korrekt, aber es sah wie eine missglückte Gleichgewichtsübung des Bremers Augustinsson aus. Böse Absicht durfte ausgeschlossen werden. Der Elfmeter, der (regelkonform) verfügt wurde, war eine dem Empfinden nach zu drakonische Strafe für diesen Unfall. Die Trainer beider Teams sprachen später von der Schlüsselszene der Partie. Wieder mal hatte der Kölner Keller - aus Pflichtgefühl - Regie übers Spiel geführt und aus der Ferne die Dramaturgie gedreht. Statt 0:0 stand es 1:0, Frankfurts Weg ins Pokalhalbfinale war geebnet. Was blieb, ist die Irritation über eine Zwangsläufigkeit: Die Überwachungstechnik ist da, also muss sie auch genutzt werden. Immer.

Gerade im Pokal ist das bitter, weil die fatalistische Floskel, es gleiche sich alles aus im Fußball wie im Leben, in diesem Wettbewerb nur mit Einschränkung gelten kann. Anders als in der Bundesliga, wo der blöde Elfer aus der Vorrunde mit dem blöden Elfer aus der Rückrunde verrechnet wird. Im Pokal hingegen können sich allenfalls die Profis des FC Bayern sicher sein, dass sie genügend Knockout-Runden überleben, dass sich Missgeschicke und Fehlpfiffe auf lange Sicht aufrechnen lassen. Sonst aber bekommen die wenigsten die zweite Chance, sobald auch nicht die Profis von Fortuna Düsseldorf. Die zeigten im Viertelfinale ein schwaches Spiel und ein schlampiges Elfmeterschießen, weshalb jetzt, völlig verdient, erstmals ein Viertligist im Halbfinale steht: Ein Schritt noch, und der 1. FC Saarbrücken wäre in Berlin. Leverkusen, Frankfurt und natürlich wieder mal der FC Bayern werden was dagegen haben.

2014, nach dem Tor-Klau, war eine Reform einfach. Münchner und Dortmunder waren schon zuvor für die Torlinientechnik, fanden aber keine Mehrheit. Erst die Berliner Pokalbilder ebneten den Weg, kurz darauf hatte die Bundesliga das Hawk-Eye mit 15 Ja-, aber immer noch drei Neinstimmen eingeführt. Nun aber gleich revolutionär auf die Frankfurter Handdebatte zu reagieren, ist der Liga nicht möglich. Über die Spielregeln wacht das International Football Association Board (Ifab), angedockt an den Weltfußballverband Fifa in Zürich. Entscheidend wird deshalb sein, ob die Gremien den Videobeweis überhaupt noch einmal präzisieren wollen. Denn in der Frage "Elfmeter? Oder nicht?" kennt das Regelwerk keine Gnade. Weil im Strafraum nur Ja/Nein erlaubt ist, und nicht eine auch von vielen Schiedsrichtern geforderte abgemilderte Sanktion. Eine solche wäre wichtig, um minderschweren Vergehen wie dem des Bremers Augustinsson gerecht zu werden. Damit nicht auf jedes unabsichtliche Handspiel die Höchststrafe folgt und abrupt die komplette Dramaturgie sich dreht. Im Zweifel für den Angeklagten: Ein Freistoß genügt doch auch.

© SZ vom 06.03.2020/ska
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