Pokalsieg gegen Hertha:Union tanzt Pogo auf frisch verlegtem Rollrasen

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Pokalsieg gegen Hertha: Unions Spieler bejubeln das 0:1 durch Andreas Voglsammer - die Gäste waren gegen die Hertha einfach besser.

Unions Spieler bejubeln das 0:1 durch Andreas Voglsammer - die Gäste waren gegen die Hertha einfach besser.

(Foto: Maja Hitij/Getty)

Der 1. FC Union konzentriert sich aufs Wesentliche - und wirft Hertha BSC mit 3:2 aus dem Pokal. Die Köpenicker träumen vom Finale, der überforderte Berliner Rivale blickt in den Abgrund.

Von Javier Cáceres, Berlin

Der Zeitstempel beim Kurznachrichtendienst Twitter sagt, dass es 20.12 Uhr war, als Hertha BSC eine Schlacht gewonnen zu haben meinte. "Berlin isst vielfältig", wortwitzelte der Klub auf seinem Account, und teilte der Welt des Weiteren mit: "Jetzt geht's um die (vegane) Wurst!"

Das Ganze war selbstverständlich, zwinkerzwinker, eine Anspielung darauf, dass Union-Präsident Dirk Zingler neulich der Sport-Bild erklärt hatte, dass er zwar "grundsätzlich nichts gegen vegane Würstchen" habe, Union aber "nicht jeden Wunsch erfüllen" werde, weil Fußball bei Union bedeute: "Bratwurst, Bier" und "90 Minuten Fußball".

Jenseits aller ideologischen Debatten, die um diese Äußerungen kreisten, war Zinglers Aussage vor allem eines, nämlich die Variation des gern beschworenen Mottos: Union kommuniziert durch Fußball. Wohingegen die Hertha immer wieder mal hip und dann möglichst noch hipper sein will: "Unsere vegane Wurst gibt es ab sofort an den Essensständen in den Blöcken Q und T sowie im Gästebereich. Juten Appetit!", hielt Hertha also Zingler um 20.13 Uhr entgegen, was womöglich nicht weiter von Belang gewesen wäre, wenn Herthas Social-Media-Beauftragte um 22.47 Uhr nicht das Ergebnis des Abends hätte twittern müssen. Hertha 2, Union 3.

Hertha will hip sein, Union gewinnt das Pokalspiel

Der 1. FC Union hat damit das Viertelfinale im DFB-Pokal erreicht. Und träumt nun davon, der Statue vor dem Stadion An der Alten Försterei - die Ralf Quest und Ulrich Prüfke mit der Trophäe aus dem Pokalwettbewerb von 1968 zeigt - eine weitere hinzuzufügen. Und Hertha BSC? Blickt bei vier Punkten Vorsprung auf einen Abstiegsplatz mal wieder in den längst wohlvertrauten Abgrund, nur halt jetzt vegan genährt.

Das Spiel ist im Grunde schnell erzählt. Union hätte schon nach handgestoppten zehn Sekunden durch Max Kruse, und nicht erst nach amtlich beglaubigten elf Minuten durch Andreas Voglsammer in Führung gehen müssen: weiter Pass, Flanke, Ausfallschritt, Lupfer, Tor. Hertha kam nach dem 2:0 für Union kurz nach der Pause - weiter Pass, Kopfballverlängerung, Hereingabe Öztunali, Eigentor Stark - noch einmal kurz ins Spiel, dank eines Treffers durch Suat Serdar. Allerdings nur 87 Sekunden lang.

Denn kaum, dass Serdar getroffen hatte, erhöhte Union - Freistoßflanke, Volleyabnahme Robin Knoche, Tor - auf 3:1. Hertha kam noch zum 3:2, nur war das reichlich spät: in der fünften Minute der Nachspielzeit. Da hatte sich im nahezu leeren, weil pandemiebedingt mit nur 3 000 Zuschauern gefüllten Olympiastadion eine Frage festgebissen, die man bloß rhetorisch stellen konnte. Ob Union Berlins Nummer eins sei, wurde etwa Kruse gefragt, und der 33-Jährige antwortete wahrheitsgemäß: "Stand jetzt, ja!"

Union ist als Tabellenfünfter der Bundesliga die aktuell ranghöchste Mannschaft im Pokal-Wettbewerb, noch vor RB Leipzig. Ob er sich als Favorit sehe, wurde Union-Trainer Fischer gefragt: Der Schweizer quittierte das mit einem doppelten "Hm", das durch geschlossene Lippen kam. Dann aber machte er eine Aussage, die belanglos klang, für Fischer-Verhältnisse gleichwohl eine veritable Kampfansage war: "Wenn du im Pokal mitspielst, willst du auch ins Finale. Sonst musst du nicht an diesem Wettbewerb teilnehmen."

Fischer hatte Willen und Leidenschaft erkannt, und das waren Grundfaktoren, die am Mittwochabend tatsächlich eine entscheidende Rolle spielten. Union war auch gegen die Hertha kein Wunderteam, aber wieder einmal eine Mannschaft, die sich blendend auf die Basics zu konzentrieren vermag. Ideologische Erben des Ruhrpott-Fußballphilosophen Adi Preißler. "Entscheidend is' auf' m Platz", hatte Preißler mal gesagt.

So sind die Unioner: kein filigranes Sinfonieorchester, eher eine Ska-Band mit markanter Basslinie

Und genauso sind sie halt, die Unioner: Kein filigranes Sinfonieorchester, eher eine Band mit markanter Basslinie, breit aufspielender Blaskapelle und dem einen oder anderen Off-Beat-Solisten. Vor allem aber sind sie ein homogenes Gebilde, das durch kollektive Kraft zu übertünchen weiß, dass der eine oder andere beim Tritt gegen den Ball aussieht, als trüge er klobige Dr.-Martens-Stiefel.

Als sie den Rasen des Olympiastadions betreten hatten, schien es, als wollten sie tatsächlich auf dem frisch für 160 000 Euro verlegten Rollrasen Pogo tanzen. Doch als sie das Führungstor erzielt hatten, bewiesen sie, dass sie auch andere Stilformen beherrschen: Bei gegnerischem Ballbesitz standen Fischers Rudeboys engumschlungen wie die Griechen beim Sirtaki; dann wieder jagten sie den Bällen hinterher, die sie mit Sinn für Zeit, Raum und Rhythmus hinter die Kette der Hertha spielten.

Was wiederum dazu führte, dass die Hertha wie von der Bühne gedrängt aussah. Die Momente, in denen die Alte Dame mittanzen wollte, konnte man an einer Hand abzählen. Gleichwohl erfassten die Statistiker eine erschlagende Überlegenheit der Herthaner: zum Beispiel in Sachen Ballbesitz, der Gesamtzahl der Pässe (gelungene Abspiele inklusive), bei Ecken und Torschüssen.

Doch die Auswertung war nicht mehr als ein neues Beispiel dafür, dass man Statistiken am besten nur glauben sollte, wenn man sie selbst gefälscht hat. "Wir haben's verdient verloren", sagte auch Trainer Tayfun Korkut. "Wenn man sich die erste Halbzeit anschaut, vor allem die ersten 30 Minuten, da waren wir überhaupt nicht im Spiel."

Es gebe einiges zu besprechen, sagte Korkut: "Das war heute ein sehr, sehr wichtiges Spiel für uns alle, für die Fans, den Verein, und das haben wir heute verloren, da gehen wir nicht einfach in den nächsten Tag rein." Ob die Aufarbeitung eher analytisch oder emotional ausgefallen werde, wurde er gefragt, und er sagte, dass es wohl eine Mischung aus beidem werde, um "lösungsorientiert" nach Rezepten zu suchen: "Da waren Sachen dabei, die uns nicht passieren dürfen." Er meinte: nicht gegen Union im Pokal, und erst recht nicht am kommenden Sonntag gegen den Tabellenführer FC Bayern, der alles andere ist als vegan, sondern seit Jahren nicht nur als Fleischfresser, sondern gar als Kannibale der Liga verschrien ist.

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