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RWE gegen Kiel im DFB-Pokal:Wer gewinnt, ist Pokalsieger der Herzen

13.05.2020, Fussball GER, Regionalliga West, Saison 2019 2020, SC Rot Weiss Essen, Bronzestatue von Fussballlegende Hel; x

Im Hintergrund auf dem Platz spielt Rot-Weiss an diesem Mittwoch gegen Kiel: die Bronzestatue von Klub- Legende Helmut Rahn vor dem Stadion an der Hafenstraße.

(Foto: Team 2/Imago)

Dem Fußball ist durch die Kommerzialisierung einiges verlorengegangen. Die Geschichte von Außenseiter Rot-Weiss Essen im DFB-Pokal wirkt da wie ein Herzenswärmer.

Kommentar von Holger Gertz

Das Gejammere über den überkommerzialisierten Fußball ist natürlich einerseits mindestens so alt wie der Fußball selbst. Als Beweis ein Zitat: "Vor kurzem klagte ein Mann: Ach, im Fußball regiert heute auch nur noch das Geld." Es entstammt dem Band "Das Fritz Walter Buch" von Bernhard Gnegel, Lesering-Ausgabe, Erscheinungsjahr 1961.

Andererseits ist dem Fußball durch die Kommerzialisierung tatsächlich auch etwas verlorengegangen: etwas Rustikales vielleicht, etwas Traditionelles, etwas Echtes. Und ja: die gute alte Zeit. Man merkt das immer, wenn ein Traditionsverein noch mal Lebenszeichen sendet, wie in dieser Saison der Regionalligist Rot-Weiss Essen im DFB-Pokal. Bielefeld rausgeschmissen, Düsseldorf, zuletzt sogar Leverkusen. Wenn so etwas passiert, gehen fast alle Kommentare in den Medien und übrigens auch praktisch sämtliche Leserreaktionen in dieselbe Richtung: Wie schön, dass es das noch gibt.

Der Außenseiter ist immer ein Herzenswärmer. Der Traditionsklub lässt immer auch die große Vergangenheit wiederauferstehen, wenn er mal wieder was gewinnt. Nach dem Sieg von Essen gegen Leverkusen schrieb der WDR "Rahnsinn" auf seine Nachrichtenseite - und jeder wusste, was gemeint war. Das sind tiefe Emotionen, die Vereine wie Leipzig, Hoffenheim, Wolfsburg nicht freisetzen können.

Wer gewinnt, ist Pokalsieger der Herzen

Die in der vierten Liga gefangenen Essener, Deutscher Meister von 1955, spielen an diesem Mittwoch an der berühmten Hafenstraße im Pokal-Viertelfinale gegen die zweitklassigen Kieler - dass sie in ihrer Sensationssaison wegen Corona vor leerer Hütte antreten müssen, ist tragisch, passt aber zum Legendenverein, der noch einmal aufbricht, gegen alle Widrigkeiten.

Die Kieler, deutscher Meister von 1912, haben keinen Helmut Rahn in ihrer Vereinshistorie, dafür spielen sie seit 1911 im natürlich immer mal wieder ausgebauten Holstein-Stadion, Standorttreue ist nicht nur ein Wort. Dort trug sich im Januar, natürlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit, eine weitere Pokalsensation zu, Holstein gewann im Elfmeterschießen 6:5 gegen die Bayern. Das kam sogar live im Fernsehen, und wer es gesehen hat, wird sich auch an die meteorologischen Besonderheiten dieses Matches erinnern, die man in den perfekt ausgeleuchteten Übertragungen aus den windgeschützten und rasenbeheizten Superstadien kaum noch sieht. Früher gab es Wasserschlachten, und im Winter rollte der Winterball. In der Champions League der Gegenwart sehen die Arenen alle so geleckt aus wie die in der Playstation. In Kiel allerdings gab es im Pokal einen satten Schneesturm, Welttorwart Neuer wurde beinahe ins Netz hineingeblasen, die Bayern wurden nassgemacht, in jeder Hinsicht.

Im DFB-Pokal schießt manchmal sogar ein Stürmer nachmittags ein Tor, der vormittags in seinem Hauptjob noch Briefe ausgetragen hat. Im DFB-Pokal - das ist sein ewiger Reiz - siegt das Kleine manchmal gegen das Große; das Unmoderne gegen das Moderne, Leidenschaft gegen Brillanz. Essen gegen Kiel: ein moderner Klassiker. Und wer gewinnt, ist Pokalsieger der Herzen.

© SZ/cca
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