Pokalgegner VfL OsnabrückGroßartig, die Bayern kommen!

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Die Osnabrücker Niklas Wiemann (links) und Torwart Jonas Krumrey freuen sich über den Auswärtssieg in Bochum.
Die Osnabrücker Niklas Wiemann (links) und Torwart Jonas Krumrey freuen sich über den Auswärtssieg in Bochum.
David Inderlied/dpa

Für einen Abend im DFB-Pokal wird am Mittwoch etwas Glamour in den Nischenstandort Osnabrück einkehren. Denn ansonsten ist der Klub gefangen zwischen zwei Welten.

Von Thomas Hürner, Hamburg

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Ob es sich beim VfL Osnabrück um ein regionales Phänomen handelt? Geschäftsführer Michael Welling muss grinsen, als er die Frage hört, er weiß natürlich, worauf sie anspielt. Als „regionales Phänomen“ hatte Uli Hoeneß einst Borussia Dortmund verunglimpft, es war eine jener wenig subtilen Machtdemonstrationen, von denen der ewige FC-Bayern-Patron bereits so viele herausgeblasen hat. Welling, 55, dagegen würde derlei keinesfalls als Beleidigung empfinden. Selbstverständlich verstehe man sich beim VfL Osnabrück, gegründet 1899, als regionales Phänomen, sagt er. Und da sei man im Übrigen auch sehr stolz drauf.

An diesem Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SZ.de) steht für den Zweitligaaufsteiger ein früher Saisonhöhepunkt auf dem Programm, in der ersten DFB-Pokalrunde geht es gegen niemand Geringeren als den FC Bayern. Überregionale Phänomene tauchen am legendären Stadion an der Bremer Brücke nur äußerst selten auf, weshalb sich Geschäftsführer Welling freilich freut, dass etwas Glamour und bundesweite Aufmerksamkeit an den kleinen Nischenstandort einkehren wird. Wenigstens einen Abend lang.

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Andererseits ist Welling auch ein Mann der Zahlen und als solcher dem Pragmatismus zugeneigt. Die Chancen aufs Weiterkommen sind – bei aller Sehnsucht nach einem Pokalwunder – überschaubar. Bei einem Gegner aus der zweiten Liga oder aus dem Mittelstand der Bundesliga wäre für die Osnabrücker, wenigstens auf dem Papier, deutlich mehr drin. Der Einzug in die zweite oder gar in die dritte Pokalrunde wiederum wäre mit Zusatzeinnahmen verbunden, die die Klubbilanzen merklich aufhübschen würden. Und das auf einen Schlag. Dennoch ruft Welling der Losfee keine Verwünschungen hinterher: Die Bayern kommen? Na, wenn das mal nicht großartig ist!

Osnabrück ist einer jener Klubs, die auf der deutschen Fußballlandkarte zahlreich auftauchen, sie pendeln zwischen zweiter und dritter Liga

Der VfL Osnabrück ist einer jener Klubs, die auf der deutschen Fußballlandkarte zahlreich auftauchen. Sie pendeln, wie Welling das formuliert, immerzu „zwischen den Welten“: In der vergangenen Spielzeit ist der VfL in die Zweitklassigkeit zurückgekehrt, nach zuvor zwei Jahren in Liga drei, einer Saison in Liga zwei, davor wiederum zwei Jahren in Liga drei. Und so weiter. Die Osnabrücker befinden sich in einem permanenten Fahrstuhlbetrieb und müssen zusehen, dass sie dabei kein Schwindelgefühl oder gar Übelkeit überfällt. Nur in der Erstklassigkeit sind die Niedersachsen bislang noch nie gesichtet worden.

Die Osnabrücker haben ein paar entfernte Cousins, sie heißen zum Beispiel Rot-Weiss Essen, Eintracht Braunschweig, Dynamo Dresden, Hansa Rostock oder Arminia Bielefeld: alteingesessene Traditionsbetriebe, die einiges an Lokalkolorit versprühen, aber nur selten über ihre Region hinausstrahlen. Und die in den vergangenen Jahren eben eine aufreibende Existenz zwischen den Welten führten: zwischen dritter und zweiter Liga, in einer Sphäre also, in der man sich permanent mit existenziellen Sorgen und Nöten herumzuschlagen hat. Und aus der man sich nur schwer herausarbeiten kann, weil die Rahmenbedingungen nun mal sind, wie sie sind.

„Der wirtschaftliche Wettbewerbsnachteil“, sagt Geschäftsführer Welling, führe im Fußball nun mal zu einem „sportlichen Wettbewerbsnachteil“. In der dritten Liga werden die TV-Gelder aus einem Zentralvermarktungstopf verteilt, wodurch jeder Klub dieselbe Summe erhält – in der vergangenen Saison haben die Osnabrücker auf diesem Wege 1,3 Millionen Euro kassiert. Das lässt das Teilnehmerfeld zwar sportlich eng zusammenrücken. Sobald es ein Verein allerdings in die Zweitklassigkeit schafft, nehmen mit den TV-Einnahmen auch die strukturellen Ungleichheiten zu: Osnabrück bekommt nun zwar sieben Millionen Euro und somit etwa das Fünffache als noch in Liga drei. Weil man als Aufsteiger in der Zweitliga-TV-Tabelle automatisch einen der hinteren Plätze belegt, kassieren einige Konkurrenten, insbesondere Erstligaabsteiger, aber schnell mal das Doppelte oder Dreifache. Vor dem VfL Osnabrück tut sich in dieser Saison somit wieder eine unsichtbare, nahezu unüberwindbare Grenze auf – und nach jedem Abstieg muss ein neuer Anlauf genommen werden, um es wirklich mal nachhaltig auf die andere Seite zu schaffen.

Überfällige Investitionen in Stadion und Trainingszentrum werden für den Verein zum millionenschweren Kraftakt

Dem VfL bleibt somit nichts anderes übrig, als ein paar Jahre hintereinander zu „overperformen“, wie Welling sagt. Sprich: in der echten Tabelle besser abzuschneiden, als es die Platzierung in der fiktiven Budgettabelle vorsehen würde. In der vergangenen Spielzeit sei das gelungen, erklärt Welling, da sei der Klub trotz der lediglich zehntgrößten Wirtschaftskraft am Ende aufgestiegen.

Zumal auch Regionalphänomene nicht davor gefeit sind, sich den Erfordernissen der Gegenwart zu stellen: Die Osnabrücker errichten gerade ein neues Trainingszentrum nach modernen Standards, kosten soll das Ganze sechs Millionen Euro. Zudem soll das Stadion an der Bremer Brücke bald in neuem Glanz erstrahlen; die Kapazität soll von knapp 16 000 auf 17 300 Plätze anwachsen, die Anzahl der VIP-Plätze soll hierbei verdoppelt werden. Kostenpunkt: 67 Millionen Euro. Die Hälfte bezahlt zwar die Stadt, für den VfL bedeutet das dennoch eine enorme Kraftanstrengung. Und zwar eine, die nicht länger aufzuschieben war, weil der Klub besagte Investitionen viel zu lange vor sich hergeschoben hat. Nun drängt die Zeit. Andernfalls, sagt Welling, würde der Verein perspektivisch wohl nicht mehr zwischen zweiter und dritter Liga pendeln, „sondern dauerhaft darum kämpfen, überhaupt Drittligist zu sein“.

Das Ziel der Osnabrücker jedoch ist ein anderes, sie wollen aus dem Fahrstuhl steigen und sich zum etablierten Zweitligisten hocharbeiten. Zudem hat der Klub eine „Lila-Weiße Utopie“ formuliert: „Wir feiern“, heißt es darin „mit unseren Fans an der klimapositiven Bremer Brücke eine rauschende Party nach einem Ligaheimsieg gegen den amtierenden deutschen Meister!“ VfL-Geschäftsführer Welling grinst erneut. Gegen einen Pokaltriumph am Mittwoch gegen die Bayern hätte er vorerst auch nichts einzuwenden.

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