Ralf Rangnick bei RB Leipzig Um Beliebtheitspreise ging es Rangnick nie

Sein erstes Endspiel in Berlin, 2005 mit Schalke gegen Bayern (zum 2:1-Siegtor traf der heutige Münchner Sportchef Salihamidzic), das fand in Rangnicks erster Karrierephase statt. Als Einfach-nur-Trainer, wobei: Ein Normalo-Trainer war er nie. Schon die Anfänge in Württemberg und Ulm: Bei einem Wintertestspiel gegen Kiew entdeckte er die Vorzüge von Raumdeckung und Pressing des Trainergurus Lobanowski ("ich dachte, die sind drei Mann mehr"), das war wie eine Erweckung. Mit seinem Mentor Helmut Groß, der ihn bis heute berät, folgte er strenggläubig dieser Spielidee, sehr imageprägend wurde sein Referat dazu an der Taktiktafel im ZDF.

Rangnick, der immer mehr um Respekt gekämpft hat als um Beliebtheitspreise, hat oft fachliche Anerkennung erhalten - die Kehrseite davon war immer die Skepsis des Mainstreams. Wie in seiner ersten Schalke-Zeit. Es regierte der Manager Rudi Assauer, ein Macho vom alten Schlag, der verkopfte Konzepte bekloppt fand, der Rangnick "Rolf" nannte und mit Spötteleien zu dessen Ruf beitrug, ein Allesbestimmer zu sein, der "am liebsten auch noch den Bus fahren würde" und mit seiner Perfektion und Kontrolle jeden kirre macht. Zu Rangnicks Vorschlag, einen Psychologen einzustellen, raunte Assauer: "Mental? Was ist das? Eine Zahnpasta?"

Gut 13 Jahre später ist Rangnick auf der Zielgeraden einer Saison, die seinen Vorstellungen einer optimierten Rasensportwelt nahe kam. Dabei war es ein Wagnis, als Platzhalter für Julian Nagelsmann noch mal als Coach einzuspringen, aber am Ergebnis gibt's wenig zu mäkeln: Bundesliga-Dritter, beste Defensive der Liga. Uli Hoeneß, der Rangnick einst "Besserwisser" schimpfte, sieht Leipzig aktuell als gefährlichsten Bayern-Gegner der Zukunft.

Rangnick möchte "kein Brummkreisel" mehr sein

Auch Randaspekte machen Rangnick gute Laune. Dass noch immer bis zu sieben, acht Stammspieler auf dem Feld stehen, die mit ihm schon 2015 in der zweiten Liga antraten, dass weiterhin das Viereck Werner-Poulsen-Forsberg-Sabitzer das Offensivspiel prägt - "das macht's aus", findet der Trainer, "so viel zum Thema: Leipzig kauft die ganze Liga leer! Diese Spieler sind jetzt schon so viele Jahre hier! Bei denen ist eine Verbindung zum Verein entstanden, die weit hinausgeht über eine Geschäftsbeziehung. Sie wollten unsere Ziele unbedingt erreichen, für die ist ein DFB- Pokalfinale wie eine Mission."

Er selbst, findet Rangnick, lerne "auch mit 60 noch dazu. Ich glaube schon, dass ich mich verändert habe und ruhiger geworden bin". Kesse Sprüche, die den Gegner provozieren, wie er sie einst aus Hoffenheim nach München schickte, oder dass er in der Halbzeit auf den Rasen rennt, um dem Schiedsrichter per Handy-Video eine Fehlentscheidung hinzureiben - "das würde ich heute so nicht mehr machen", glaubt Rangnick. Auch seinen Kontrolldrang habe er gedrosselt. Seinen RB-Stab preist er als "den besten, den ich je hatte. Und wenn du solche Topleute hast, dann musst du ihnen Gehör und Verantwortung geben. Würde ich die ständig überstimmen, ergäbe das keinen Profit und Sinn." Die Intensität des Trainings zum Beispiel lässt er heute komplett durch Athletiktrainer steuern: "Die stehen mit dem Laptop am Rand und sagen genau, wie viel Sprit die Jungs im Tank haben und wie viele schnelle Meter sie in dieser Einheit noch machen dürfen." Sein Co-Trainer, der Amerikaner Jesse Marsch, hat der Bild erzählt, alle Assistenten hätten auch bei Spielen ein Mitspracherecht: "Wir diskutieren 1000 Dinge, Ralf trifft die Entscheidungen - aber nicht ohne uns. Er überstimmt uns auch nicht."

Rangnick möchte "kein Brummkreisel" mehr sein, auch mit Rücksicht auf seinen Burnout 2011, als er "energetisch völlig erschöpft war, ohne Antrieb" und seinen Körper monatelang wieder aufladen musste, "wie ein Handy: 20 Prozent, 40, 80, 100."

Trotzdem ist das mit der inneren Ruhe bei Rangnick relativ. Er brummt noch oft genug. Perfektionismus bleibt sein Antrieb, er versteht nicht, "warum das ein so negativ besetzter Begriff ist". Für sein Umfeld wird er immer der fordernde Schwierige sein, der auf kleinste Details pocht - und notfalls seine Mitstreiter sogar an Heiligabend anruft, weil etwa bei einem Transfer gerade der Schuh drückt. "Ein guter Trainer muss anstrengend sein und seine Spieler jeden Tag nerven", sagt er. Jesse Marsch formuliert es so: "Ralf ist unerbittlich, wenn es um Leistung geht. Er dreht jeden Stein um, er akzeptiert kein Nein! Aber das ist unser Schlüssel zum Erfolg."

So sehen sie das bei RB Leipzig, von Konzernchef Dietrich Mateschitz bis zu Oliver Mintzlaff, dem Geschäftsführer, der Rangnick seit vielen Jahren in verschiedenen Rollen begleitet, anfangs als Berater, nun als CEO. Da wird täglich diskutiert, "auch kontrovers", sagt Mintzlaff, "aber am Ende geht es uns beiden immer um die beste Lösung für den Verein". Beide bestreiten, dass es ein Machtgerangel um ihre künftige Aufgabenverteilung gebe. "Da ist gar kein Dissens", sagt Rangnick. Intern hat er schon vor Monaten hinterlegt, dass er dem neuen, halb so alten Trainer Nagelsmann nicht täglich auf die Finger schauen müsse, sondern sich auch verstärkt um globale RB-Aktivitäten kümmern könne, um den neuen Klub in Brasilien, den Standort New York oder Vorhaben in China. Fürs Tagesgeschäft in Leipzig kommt als Sportdirektor angeblich Markus Krösche hinzu (aus Paderborn), nach dem Pokalfinale soll das neue Organigramm stehen. Mintzlaff will Rangnicks Sportkompetenz auf keinen Fall verlieren: "Ralf ist unser Motor. Er hat hier die Eckpfeiler gesetzt und zuletzt mit der Mannschaft überragend performt."

Den RB-Bossen ist bewusst, dass sich bei Rangnick nach dieser Saison die Grundsatzfrage stellt: Was bin ich? Auf Jahre hinaus nun der Oberbulle im Chefbüro? Oder aus Leidenschaft bald wieder Trainer?

Vor einiger Zeit hatte Rangnick nicht verhehlt, dass es Kontakte zum belgischen Verband gab. Einen DFB-Präsidenten, der ihm irgendwann den Bundestrainer-Posten anbietet, würde er vermutlich nicht von der Bettkante stoßen. Und er hat nie ein Geheimnis aus seiner Liebe zu England gemacht, für einen Trainerjob bei Chelsea oder Arsenal wäre er früher durch den Ärmelkanal geschwommen. Und heute?

Rangnick adelt Jürgen Klopp

Rangnick bewundert Jürgen Klopp, den "besten Trainer der Welt", wie er findet, der in Liverpool denselben "Gegen-den-Ball"-Stil predigt wie er. "Mit unserem Fußball in Leipzig sind wir näher dran an Klopp als an Tuchel und Paris oder an Guardiola", sagt Rangnick, "wir sind nicht mehr Lichtjahre entfernt von den anderen, aber unser Ansatz ist eher: Wie können wir dem Gegner den Ball wegnehmen?" Ballbesitz ohne zügigen Tiefgang ist für Rangnick unnützes Zeug. Und er identifiziert sich auch deshalb mit Klopp, weil auch der nicht nur die pure Trainerrolle lebt: "Das ganze Klub-Building von Jürgen in Liverpool, über Jahre aufgebaut, mit Spielern, die zu seiner Idee passen - das werden die Leute dort noch in 20 Jahren zu schätzen wissen, auch wenn er keinen Titel holen sollte."

Auf ähnliche Hochachtungseffekte, auch ohne Trophäen, hofft Rangnick in eigener Sache, selbst im Falle einer Niederlage in Berlin. Nicht vergessen, sagt er: "Wir haben 2012 angefangen mit einem Testspiel in Piesteritz. Mein erstes Punktspiel war gegen Union Berlin Zwei, ein 1:1, das war weiter weg vom Aufstieg als die Erde vom Mond." Er muss schmunzeln, wenn er an diesen Holperstart zurückdenkt, kaum zu glauben im glitzernden Hier und Heute.

Und obwohl noch immer viele Traditionalisten im Konstrukt RB die böse Fratze des Kommerzfußballs sehen, glaubt Rangnick, "dass uns diesmal gegen die Bayern auch viele die Daumen drücken werden, die keine Fans von uns sind".

Das alles hat natürlich Gewicht bei seiner Zukunftsplanung. Es sei im Moment schwer vorstellbar, Leipzig zu verlassen, sagt er, auch wegen der vielen Mitarbeiter, die er selbst für sonnenklar definierte Jobprofile ausgesucht hat. "Bei fast jedem, der bei RB ist, war ich an der Verpflichtung beteiligt - nur unser Sicherheitsbeauftragter war schon da", sagt Rangnick amüsiert, "so etwas gibt man nicht einfach so auf." Vor allem nicht für Vereine, die ihn als Einfach-nur-Trainer haben wollen, ohne Befugnis für Kaderplanung und Spielidee. "Das", glaubt er, "würde ich nicht mehr machen."

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