DFB-Pokal:Konstruktiver Destruktivismus

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DFB-Pokal: Aua in Augsburg: Der FCA - links Ermedin Demirović gegen Münchens Leon Goretzka beim 1:0 in der Liga - pflegt einen rustikalen Spielansatz.

Aua in Augsburg: Der FCA - links Ermedin Demirović gegen Münchens Leon Goretzka beim 1:0 in der Liga - pflegt einen rustikalen Spielansatz.

(Foto: Alexander Hassenstein/Getty Images)

Der FC Augsburg geht selbstbewusst in das Pokalduell gegen den FC Bayern. Die Zuversicht speist sich aus zwei Heimsiegen nacheinander gegen den Primus - und einem Strategiewechsel unter Umgehung der üblichen Naturgesetze.

Von Maik Rosner, Augsburg/München

Auf eine besonders spektakuläre Szene wird das Publikum in Augsburg verzichten müssen, jedenfalls unter Beteiligung von Rafal Gikiewicz und Manuel Neuer. Diesmal werden die Stammtorhüter des FC Augsburg und des FC Bayern keinen weiteren Beitrag zum Jahresrückblick leisten können, wenn ihre Mannschaften in der zweiten Runde des DFB-Pokals an diesem Mittwoch miteinander verabredet sind. Doch dass Gikiewicz, 34, wegen eines sogenannten Pferdekusses im Oberschenkel und Neuer, 36, wegen einer anhaltend schmerzenden Schulter nicht ihrem Dienst nachgehen können, bedeutet noch lange nicht, dass es nicht wieder zu bemerkenswerten Momenten im Spiel des kleinen gegen den großen Nachbarn kommen kann. Wie vor gut einem Monat in der Bundesliga, als Gikiewicz den 1:0-Sieg des FCA in der Schlussphase mit einem Reflex gegen den Kopfball Neuers verteidigte.

Diese Szene hatte viel Aufsehen erregt. Übergeordnet galt das noch mehr für die bis heute einzige Saisonniederlage der Münchner, die zuvor in der Bundesliga bereits drei Unentschieden aneinandergereiht hatten und am Tag nach der missratenen Dienstreise nach Augsburg auf dem Oktoberfest angemessen betreten dreinblickten. Deutlich weniger Beachtung fand damals der Erfolg des FCA. Dabei war der zweite Heimsieg hintereinander gegen den FC Bayern an sich schon erstaunlich gewesen. Doch der Weg dorthin durfte erst recht als bemerkenswert bezeichnet werden.

In Augsburg hatten sie sich kurz zuvor entschlossen, vorerst kehrt zu machen auf ihrem eingeschlagenen Pfad, um einen vertrauteren Weg zu beschreiten, verknüpft allerdings mit einem neuen und außerordentlichen Mut. Aus heutiger Sicht, nach zehn Punkten aus den vergangenen fünf Ligaspielen, handelten sie nach dem Motto: zurück nach vorne. Oder anders: Sie überlisteten sämtliche physikalische Gesetzmäßigkeiten, weil sie einen Schritt nach hinten machten und dadurch deutlich voran kamen.

"Ich kann nicht sagen, ich komme mit meiner Idee und ziehe die durch, auch wenn es nicht funktioniert", sagt Maaßen. "Man muss auch mal zurückdrehen."

Mut erforderte der durchaus radikale Strategiewechsel vor allem von Trainer Enrico Maaßen. Im Sommer war der 38-Jährige beim FCA angetreten, nachdem er zuvor maximal in der dritten Liga gecoacht hatte, zuletzt die U23 von Borussia Dortmund. Auch beim FCA wollte er zunächst einen spielerischen Ansatz verfolgen. Er lehrte einen Kombinationsstil mit möglichst gepflegtem Aufbau von hinten heraus. Gelingen sollte dies mit einer Dreierkette in der letzten Reihe. Nach vier Niederlagen in den ersten fünf Ligaspielen besannen sie sich beim FCA allerdings auf Mittel, die früher schon einmal zum Erfolg geführt hatten. Der Wunsch zur Kehrtwende sei auch aus der Mannschaft gekommen, hieß es.

Es spricht für Maaßens Souveränität, die Anregungen seiner Belegschaft nicht als Angriff auf seine Autorität zu begreifen, sondern als konstruktiven Beitrag. Heraus kam eine neue Formation mit der vertrauten Viererkette in der Abwehr, aber auch einer neuen und sehr mutigen Offensive mit vier gelernten Stürmern. In Bremen gelang mit dieser Mischung aus gewohnten und progressiven Elementen ein 1:0-Sieg, gefolgt vom 1:0 gegen den FC Bayern. Auch gegen den vermeintlich übermächtigen Meister hatte Maaßen an der forschen Formation mit der sogenannten "Büffelherde" in der Offensive festgehalten, also an den vier gelernten und körperlich robusten Angreifern Mergim Berisha, Ermedin Demirović, Florian Niederlechner und André Hahn. Nach dem Sieg gegen die Bayern sagte Maaßen über den Strategiewechsel: "Ich kann nicht sagen, ich komme mit meiner Idee und ziehe die durch, auch wenn es nicht funktioniert. Das geht nicht. Man muss auch mal zurückdrehen."

DFB-Pokal: Respekt: FCA-Trainer Enrico Maaßen.

Respekt: FCA-Trainer Enrico Maaßen.

(Foto: Tom Weller/dpa)

Der Fußballlehrer hat sich damit viel Respekt in der Mannschaft erworben. Seither kommt das Augsburger Gefüge als echte Einheit daher, in der sie sich gegenseitig vertrauen. Auch, weil sie wissen, dass sie einander zuhören und ihre Entwicklung gemeinsam befördern. Zu den 1:0-Siegen in Bremen und gegen die Bayern gesellten sich zuletzt das 3:2 beim FC Schalke und ein 1:1 gegen Wolfsburg, ehe die Schwaben am Sonntag nach vier Spielen mal wieder eine Niederlage hinnehmen mussten, 2:3 in Köln.

Der FC Bayern sei "klar die beste Mannschaft, die wir in Deutschland haben", sagt Maaßen. Trotzdem hofft er auf einen weiteren "Festtag"

Trotz des jüngsten Rückschlags blicken sie dem erneuten Vergleich mit dem FC Bayern zuversichtlich entgegen. Zwei Mal nacheinander habe man die Bayern zu Hause besiegt, erinnerte Maaßen am Dienstag und fragte: "Warum soll es nicht auch ein drittes Mal gelingen?" Nötig seien dafür "positive Energie" sowie "Leidenschaft und Überzeugung". Eine ordentliche Prise Glück kann auch nicht schaden, das wissen sie beim FCA. "Sie haben in allen Spielen ein Chancenplus gehabt. Es ist klar die beste Mannschaft, die wir in Deutschland haben", sagte Maaßen über die Bayern. Trotzdem haben sich die Augsburger vorgenommen, den Mittwoch zu einem weiteren "Festtag" zu machen.

Die Rezeptur ist dafür ähnlich wie am 17. September. Allerdings müssen die Augsburger aus ihrem Sturm-Quartett auf Hahn (Knorpelschaden) verzichten. Stattdessen könnte der flinke Ruben Vargas beginnen. In jedem Fall wollen die Augsburger wieder ihren Markenkern einbringen. Seine Mannschaft sei gegen die Münchner auf allen Positionen "wahnsinnig zweikampfstark" gewesen, sie habe "sehr, sehr viele Balleroberungen" gehabt und sei "sehr gut im Pressing und Umschalten" gewesen, lobte Maaßen noch einmal. Er hofft, dass er mit seinen Augsburger nach den Gesetzmäßigkeiten der Physik auch die des Fußballs gegen den Favoriten aus München noch mal aushebeln kann. Drei Heimspiele gegen die Bayern hintereinander zu gewinnen, "das wäre außergewöhnlich", sagte Maaßen. "Aber das ist unser Ziel."

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