Süddeutsche Zeitung

1. FC Kaiserslautern im DFB-Pokal:Abrupter Trainerwechsel als Konzept

Wie schon 2022 holt der 1. FC Kaiserslautern unerwartet einen neuen Trainer - und hat damit im ersten Spiel unter Dimitrios Grammozis Erfolg. Geschäftsführer Thomas Hengen zeigt, dass er bereit ist, ins Risiko zu gehen.

Von Martin Schneider, Kaiserslautern

Als sich die Regional- und S-Bahnen am nicht ganz so späten Dienstagabend durch den Regen von Kaiserslautern schlängelten und die Fans zurück in alle Ecken der Pfalz brachten, da herrschte in den Waggons eine ansteckende Fröhlichkeit. Dosenbier war das Getränk der Wahl. Die Debattenthemen waren natürlich der erste Einzug des 1. FC Kaiserslautern ins DFB-Pokalviertelfinale seit zehn Jahren durch ein 2:0 gegen Nürnberg, die damit verbundenen Mehreinnahmen (1,7 Millionen Euro) und die Frage was "die Homburjer" und "die Saarbrigga" (die Homburger und die Saarbrücker, ebenfalls Teilnehmer des Pokalachtelfinales, Anm.) so machen.

Ebenfalls Thema war der Geschäftsführer des FCK, dem die Zugabteil-Foren ihren Respekt zollten: "Do hott der Hengen mo widda recht", war ein Satz, der mehrmals fiel. Das ist pfälzisch für: "Da hatte der Hengen mal wieder recht."

Thomas Hengen ist seit 2021 Geschäftsführer des FCK und in dieser Funktion für das Sportliche zuständig. Der Satz bezieht sich auf Hengens Entscheidung, in der vergangenen Woche den Trainer Dirk Schuster freizustellen und am Sonntag, nur zwei Tage vor dem Pokalspiel, durch Dimitrios Grammozis zu ersetzen. Mit einem plötzlichen Ende von Schusters Wirken hatte rund um den Betzenberg eigentlich niemand gerechnet. Zwar hatte der Klub drei Ligaspiele in Serie verloren - aber Schuster hatte den FCK im Mai 2022 erfolgreich durch die Aufstiegsrelegation geführt. Auch deswegen hatte er bei den Fans noch Kredit.

Hengen erkannte, dass die Formkurve nach unten zeigte - er glaubte unter Schuster nicht mehr an eine Wende

Nicht aber bei Hengen, der nun schon den zweiten abrupten Trainerwechsel seiner Amtszeit vollzieht. 2022 entließ er kurz vor den Relegationsspielen den bei den Fans beliebten Marco Antwerpen und ersetzte ihn durch Schuster. Antwerpen hatte im Jahr zuvor den FCK - und auch Hengen - vor dem Absturz in die Regionalliga bewahrt, auch deswegen waren ihm viele im Fritz-Walter-Stadion dankbar. Aber Hengen erkannte, dass die Formkurve nach unten zeigte und glaubte nicht mehr an eine Wende. Er entließ Antwerpen kurz vor den Entscheidungsspielen, übernahm damit quasi auch die Verantwortung für deren Ausgang - und gewann.

Jetzt wiederholt sich das Muster. Hengen trennt sich von einem Trainer, dessen Entlassung keiner gefordert hatte. Er begründete das ausführlich und schilderte, dass bereits die vergangene Rückrunde unter Schuster nicht mehr gut gewesen sei (der FCK holte nur 16 Punkte), und insbesondere beim Heimspiel gegen Kiel (0:3) keine "Betze-Tugenden" erkennbar gewesen wären. Das Land diskutiert ja gerade über "deutsche Tugenden" in der Nationalelf, "Betze-Tugenden" sind in Kaiserslautern noch wichtiger. Der FCK ist aktuell das laufschwächste Team der zweiten Liga, ein Sakrileg bei einem Verein, der sich schon immer über Kampf und Leidenschaft definiert hat.

"Nicht mehr genügend" lautete dann Hengens Urteil - und er handelte. Dass er das unmittelbar vor der Mitgliederversammlung tat, ist ein weiteres Indiz dafür, dass er unangenehme Debatten nicht scheut. Ob nun Dimitrios Grammozis aber wirklich die sogenannte A-Lösung war, ist ein Thema, das rund um den Verein diskutiert wird. Der Kicker berichtete, dass eigentlich Michael Wimmer von Austria Wien ein Kandidat gewesen sein soll, auch der Name Enrico Maßen (zuletzt FC Augsburg) fiel. Für Grammozis spricht, dass er lange selbst in Kaiserslautern gespielt hat (von 2000 bis 2005) - aber vor allem, dass er als Trainer die aktuelle zweite Liga gut kennt. Er trainierte von 2019 bis 2020 den SV Darmstadt 98 (wo er auch schon auf Dirk Schuster folgte) und fast ein Jahr lang den FC Schalke 04 in Liga zwei. "Wenn du ein Jahr bei Schalke bist, ist das gefühlt wie fünf Jahre bei einem anderen Verein", sagte Hengen dem SWR. Das Wissen um die Emotionen eines Traditionsvereins sind in Kaiserslautern sicher kein Nachteil.

Allerdings hat sich der FCK in den vergangenen Jahren auch gewandelt. Vier Jahre in der dritten Liga und der drohende Absturz in die Viertklassigkeit wirken immer noch nach und sorgen für ein bisschen Demut im früher chronisch aufgeregten Umfeld. Die Wende kam für den Klub mit der Planinsolvenz während der Corona-Pandemie 2020. Der FCK verlor seinen erdrückenden Schuldenberg, hatte durch den Einstieg eines Investors plötzlich sogar Geld zur Verfügung, seitdem geht es tendenziell bergauf.

Was sich nicht geändert hat, ist der Zuspruch der Fans. Gegen Nürnberg kamen bei drei Grad und Regen mehr als 48 000 auf den Betzenberg, in der zweiten Liga liegt der Schnitt bei über 42 000, mehr als bei Champions-League-Stammgästen wie Turin oder Chelsea. Die Anhänger sind nun vor allem glücklich, dass nach einem Jahrzehnt der Tristesse wieder eine Perspektive vorhanden ist - vor allem, wenn Hengen mit seiner Trainerentscheidung wieder richtig liegen sollte. Aber um das zu beurteilen, braucht es mehr als nur ein Pokalspiel.

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