Süddeutsche Zeitung

Jahn Regensburg:Nervensäge aus Reihe eins

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Beim Überraschungssieg gegen Köln verdeutlichen die Regensburger, was sie für ihre Gegner zurzeit so unangenehm macht - bestens veranschaulicht durch Stürmer Owusu.

Von Christoph Leischwitz

Benedikt Gimber verwandelte den letzten Regensburger Elfmeter etwas glücklich, dann ging er zu seinem Torwart und redete auf ihn ein. Der hörte gut zu, ging die wenigen Meter zurück in den Kasten, hielt den Schuss des eingewechselten Kölners Kingsley Ehizibue, dann tobte der Jubel auf der Tribüne hinter ihm los, die Mitspieler begruben ihn unter sich. Kapitän Gimber wurde anschließend natürlich gefragt, was er zu Dejan Stojanovic gesagt hatte. "Och, dass, wenn er ihn hält, dass wir dann weiter sind. Und dass ich daran glaube." Stojanovic hatte sich selbst gut vorbereitet, er hatte einen Infozettel über die Kölner Schützen an seiner Getränkeflasche kleben, und der habe auch geholfen, versicherte er später. In dem Moment, als er seinen zweiten Schuss in diesem Elfmeterschießen abwehrte, habe er "ehrlich gesagt noch gar nicht gewusst, dass es schon vorbei ist" - und das, obwohl es ihm der Kapitän doch eigentlich Sekunden davor gesagt hatte.

Glücklicherweise verstehen sie sich sonst aber sehr gut beim SSV Jahn Regensburg. Auf dem Platz weiß für gewöhnlich jeder ganz genau, was der andere tut, und vor allem weiß jeder, dass sich der andere den berühmten Hintern aufreißt. Insbesondere damit haben sie die beiden Auftaktspiele in der zweiten Bundesliga gewonnen, und am Samstag dann ihren äußerst gelungenen Saisonstart mit einem Weiterkommen im DFB-Pokal gegen den 1. FC Köln gekrönt - gegen einen stark favorisierten Bundesligisten. "Siege geben immer Selbstvertrauen, jetzt können wir sogar gegen einen Bundesligisten bestehen", freute sich Gimber. Wobei das 2:2 nach 120 Minuten eine Punktlandung war; von zahlreichen Krämpfen geplagt hatten sie es irgendwie durch die Verlängerung geschafft.

In der ersten Halbzeit allerdings hatten die Oberpfälzer tatsächlich mehr als nur mitgehalten, spielerisch wie taktisch. Die langen Bälle auf die Zielspieler kamen seltener als zuvor in der zweiten Liga, immer öfter wurde kombiniert. Wie etwa vor dem 1:0 per Kopf durch Andreas Albers (18.). Oder auch drei Minuten zuvor, als man noch denken musste, Joshua Mees hat möglicherweise die große Möglichkeit vergeben, um gegen Steffen Baumgarts Team eine Chance zu haben: Der 26-jährige Zugang von Holstein Kiel schob einen Ball am fast leeren Tor vorbei.

Von der ersten Sekunde an im Spiel zu sein, ist eines ihrer Markenzeichen geworden, glaubt Owusu

Die Vorlage dazu hatte ein Spieler gegeben, der in diesem Moment auch selbst hätte schießen können: Prince Osei Owusu. Zuletzt bei Zweitliga-Absteiger Erzgebirge Aue war er nur auf magere zwei Tore und drei Vorlagen gekommen, auch beim TSV 1860 München war die Erfolgsquote vor dem Tor seinerzeit überschaubar. Doch gegen Köln hatte der 25-jährige Angreifer bereits ganze Arbeit geleistet, bevor ihm dann auch sein erstes Tor im Jahn-Dress gelang (26.). "Unser Spiel ist sehr intensiv, da muss jeder mitmachen", erklärte Owusu. Seine Hauptaufgabe sei im Prinzip, "die Abwehrkette zu beschäftigen, so oft und so hart es geht". Wenn es ihm zusätzlich noch gelinge, ein Tor zu schießen, dann sei der Tag natürlich "perfekt". Owusu ist demnach die Nervensäge in der vordersten Reihe. Regensburg gelang es tatsächlich auch gegen Köln wieder, einzelne Gegenspieler derart zu bearbeiten, dass sie sich zu Fehlpässen oder Frustfouls verleiten ließen. Wenn es jetzt noch klappt, die Ballbesitzphasen weiter auszubauen, könnte die Erfolgswelle weitergehen. Weil dann auch nicht mehr so viel Glück nötig ist wie in der langen Phase nach den Gegentoren (28., 63.).

Gegen Köln, sagte Owusu, habe es freilich auch geholfen, schon etwas mehr Praxis zu haben als der Gegner, der ja erst am kommenden Sonntag zum Bundesliga-Saisonstart aufläuft. "Ich denke, wir sind schon in der Saison drin. Und dass wir immer von Anfang an gleich voll da sind, das ist so unser Markenzeichen geworden." Die künftigen Gegner würden sich sicher bald darauf einstellen - und wenn nicht, "dann knallt's halt wieder nach 17 Sekunden". Eine Anspielung auf den Saisonstart gegen Darmstadt. Das schnelle Tor hatte Owusu eingeleitet.

Sein Trainer hatte noch vor der Saison mit ernstem Blick gesagt, dass seine Mannschaft noch an sehr vielen Dingen arbeiten müsse. Angesichts der Erfolge hört sich das im Nachhinein fast nach Understatement an. Wahrscheinlich wusste Mersad Selimbegovic aber wirklich nicht so genau, wozu seine Mannschaft fähig sein wird. Auf Nachfrage sieht er zwar auch schon eine spielerische Entwicklung, trotz der Kürze der Zeit. Fürs Erste bleibt er aber dabei, nicht allzu zufrieden zu wirken. "Es ist nach wie vor viel Arbeit", sagte er. Am kommenden Samstag empfangen die Oberpfälzer den 1. FC Nürnberg, der sicherlich nicht den Fehler begehen wird, den Gegner zu unterschätzen.

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