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Bayern-Gegner Kiel:"Ihn zu sehen, war für mich immer ein Genuss"

FC St. Pauli v Holstein Kiel - Second Bundesliga

Fin Bartels, 33, ist so etwas wie die graue Eminenz in der Kieler Mannschaft.

(Foto: Getty Images)

Holstein Kiel missachtet regelmäßig den eigenen Minimalismus - und will das auch im Pokal gegen Bayern tun. Ganz besonders wird es dabei auf Fin Bartels ankommen, den sogar Hansi Flick lobt.

Von Thomas Hürner, Hamburg

Neulich stand der Angreifer Fin Bartels geradezu in der Luft, wie es im Fußballjargon gerne heißt, allerdings stand er da in beträchtlicher Schräglage, seine Gliedmaßen schienen sich im Rhythmus des peitschenden Nordwinds zu bewegen. Von der linken Seite nahte der Ball, eine halbhohe und scharfe Flanke, nicht geeignet für Abschlüsse der gewöhnlichen Sorte. Bartels musste also ausnahmsweise etwas Extravagantes machen: Heraus kam dabei eine Mischung aus Fallrück- und Seitfallzieher, die für sich genommen schon Ausdruck höchster Fußballkunst sind, doch diese Zwitteraktion war aus mehrerlei Gründen besonders.

Als der Ball schließlich ins Netz gezischt war, zum späten 1:0-Sieg für Holstein Kiel gegen den 1. FC Nürnberg, da gab es aufseiten der Heimelf wenig überraschend Arien des Jubels. Bartels hatte Kiel an diesem Dezembertag an die Tabellenspitze der zweiten Liga geschossen, das kleine Kiel also, das jedes Mal mit viel Bescheidenheit in die Saison startet und sich in regelmäßigen Abständen einfach nicht an den eigenen Minimalismus hält. Inzwischen ist Holstein zwar nur noch Zweiter im Klassement, die Auftritte zuletzt gegen St. Pauli (1:1) und Osnabrück (1:2) waren eher dürftig. Aber wenn sich schon die Gelegenheit bietet, den großen FC Bayern an diesem Mittwoch in der zweiten Runde des DFB-Pokals zu ärgern, dann wollen sie diese schon gewissenhaft wahrnehmen in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt.

Bartels jedenfalls glaubt, dass die Überraschung gelingen kann. Er grüßt nach dem Training per Videoschalte, die Haare sind noch nass vom Duschen, deshalb eine schwarze Mütze. Berichten darf er aber zunächst über seinen Fallrück- und Seitfallzieher, der zweifelsfrei in die Kategorie "Sahnetreffer" fällt und als solcher bald auch hochoffiziell ausgezeichnet werden könnte. Die Nominierung zum "Tor des Monats" sei die erste in seiner Karriere, sagt Bartels, und ja, da mache er kein Geheimnis draus: Ein "i-Tüpfelchen" wäre dieser Preis schon auch. Bartels muss selbst grinsen beim Gedanken daran, dass er durch gegnerische Strafräume fliegt. Wie ein junger Hüpfer, und das auf seine alten Tage.

Seine ersten Schritte im Profibetrieb machte Fin Bartels einst bei Holstein Kiel

Bartels, 33, ist so etwas wie die graue Eminenz in der Kieler Mannschaft, und das liegt nicht nur an der graumelierten Mähne, die seit etwa einer Dekade als Kennzeichen für seine fußballerische Reife gilt. "Voranzugehen versuche ich nicht mit Brüllen", sagt Bartels, "sondern mit Leichtigkeit, Intuition." Das in etwa war auch die Verabredung, die mit dem Kieler Trainer Ole Werner getroffen wurde, als der Angreifer im Sommer die ablösefreie Rückkehr zu seinem Jugendklub besprach und die Sportanlage inspizierte. Bartels, gebürtiger Kieler, wurde bei Holstein ausgebildet und machte dort seine ersten Schritte im Profibetrieb, damals noch in der Regionalliga.

Es folgten Engagements bei den Nordklubs Hansa Rostock und FC St. Pauli, die Karriere von Bartels war damals aber noch eine der Abstiege: Im Alter von 24 Jahren ging es für ihn vier Mal eine Liga runter. Danach spielte Bartels bei Werder Bremen, wo er jahrelang ein integraler Bestandteil im Gefüge war, ehe ihn eine Verletzungsmisere aus der Bahn warf, die diese Bezeichnung unbedingt verdient hat: Von der Achillessehne, dem Knie, den Adduktoren bis hin zu muskulären Leiden war alles dabei. Nach trotzdem mehr als 300 Erst- und Zweitligaspielen nun also der Neuanfang in der Heimat, auf die Bartels aus der Ferne stets ein Auge warf und zu der er heute zufrieden feststellen kann, dass der Verein eine "tolle Entwicklung" genommen habe. Nicht nur die Infrastruktur habe seit seinem Weggang 2007 eine Evolution durchlaufen, so Bartels, die Kieler stünden inzwischen auch "für eine bestimmte Art, Fußball zu spielen".

Tatsächlich haftet den "Störchen" seit geraumer Zeit das Label "attraktiver Ballbesitzfußball" an, obwohl dieser immer wieder aufs Neue entwickelt werden musste. Der Chefentwickler war Trainer Markus Anfang, der die Kieler 2018 als Zweitliga-Aufsteiger in die Erstliga-Relegation führte, mit spektakulären 71 geschossenen Toren. Der Relegationsgegner VfL Wolfsburg erwies sich als eine Nummer zu groß, Trainer Anfang wechselte zum 1. FC Köln. Auch unter seinem Nachfolger Tim Walter spielte Kiel einen feinen Ball, aber auch Walter folgte dem Ruf eines Traditionsklubs und ging zum VfB Stuttgart. Seit 2019 steht nun Ole Werner in sportlicher Verantwortung; wie Bartels ist er gewissermaßen ein Kieler Eigengewächs: erst Jugendtrainer, dann Coach der zweiten Mannschaft. Seine Spielerkarriere hatte Werner aufgrund einer schweren Verletzung früh beenden müssen.

Bartels will seine Verletztenjahre einfach hinten dranhängen an die Karriere

Werner ist 32 - ein Jahr jünger als sein Spieler Bartels also - und steht für eine neue Trainergeneration, die keiner festen Ideologie anhängt, sondern ihren Fußball an die sich wandelnden Erfordernisse anpasst. "Da bekommt sogar ein Haudegen wie ich neuen Input", sagt Bartels, der im System von Werner auf seiner Paradeposition Linksaußen spielt. Nicht mehr ganz mit dem Tempo, das er mal hatte, aber immer noch mit jenen kleinen Zuckungen in seinem Spiel, die seine Gegner große Schritte ins Leere machen lassen. "Ihn zu sehen, war für mich immer ein Genuss", lobt sogar Bayern-Trainer Hansi Flick.

Ein kongeniales Duo bildet Bartels mit dem südkoreanischen Nationalspieler Jae-sung Lee, 28 - einer der technisch begabtesten Kicker in der zweiten Liga, und einer, der jene Schnittstellenpässe spielen kann, die gegen die hoch verteidigenden Münchner gefragt sein werden.

So ein Fallrück- und Seitfallziehertreffer würde aber gewiss auch seinen Beitrag leisten. Und wenn es doch nichts wird mit der Pokalüberraschung gegen die Bayern, dann bleibt Fin Bartels ja noch genügend Zeit: Seine Verletztenjahre, das ist der Plan, will er einfach hinten dranhängen an die Karriere.

© SZ/cca/tbr
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