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FC Bayern scheitert im DFB-Pokal:Sensation an der Förde

DFB-Pokal: Spieler von Holstein Kiel feiern den Sieg gegen den FC Bayern

Gewonnen, wirklich: Die Kieler Spieler wetzen los.

(Foto: Stuart Franklin/Getty Images)

Zweitligist Holstein Kiel zwingt den FC Bayern völlig verdient ins Elfmeterschießen und verwandelt dort sechs von sechs Strafstößen. Die Bayern sind raus - Trainer Flick spricht von einem "Schock".

Von Ulrich Hartmann

Die Zweifel am gegenwärtigen Leistungsvermögen des FC Bayern München hatten bereits vor dem DFB-Pokalspiel beim Zweitligisten Holstein Kiel in einer nur scheinbar harmlosen Frage gegipfelt. "Radio Schleswig-Holstein" wollte vom Kieler Trainer Ole Werner wissen: "Wie feiert Ihr im Falle eines Sieges?" Der 32-Jährige antwortete höflich ("da würde uns was einfallen"), formulierte aber seriöse Bedenken, ob sein Team mögliche Lücken in der Abwehr der "weltbesten Vereinsmannschaft" angesichts des erforderlichen Spieltempos auch wirklich nutzen könne.

Das nachgeholte letzte Spiel der zweiten Runde im DFB-Pokal hat dann offenbart: die Zweitligisten haben diese Lücken nicht nur bekommen, sondern tatsächlich auch genutzt. Fin Bartels erzielte den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich in der 37. Minute nach einem langen Ball aus der eigenen Abwehr. Hauke Wahl köpfelte die Kieler in der vierten Minute der Nachspielzeit mit dem 2:2-Ausgleich in die Verlängerung. Mit ihrer Defensive haben sich die Münchner auch diesmal ziemlich blamiert.

Am Ende ging es sogar ins Elfmeterschießen, das die Kieler sensationell gewannen, weil sie sechs von sechs Elfmetern verwandelten. Der 8:7 (2:2, 2:2, 1:1)-Erfolg erlaubt ihnen, Anfang Februar den Zweitligisten Darmstadt 98 zum Achtelfinale zu empfangen. Bei den Münchnern hingegen gehen die Diskussion um die fatalistische Defensive, den Trainer Hansi Flick ("Das ist natürlich ein Schock") und die Anstrengungen der Saison jetzt erst richtig los.

Flick bringt Musiala statt den Weltfußballer Lewandowski

Vom zuvor letztmaligen Bayern-Pokal-Aus in einer zweiten Runde vor 20 Jahren in Magdeburg hätte der Sportdirektor Hasan Salihamidzic den aktuellen Spielern ebenso schaurig-schön erzählen können wie von der letztmaligen Pokalniederlage des Klubs gegen ein tieferklassiges Team 2004 in Aachen, weil er nämlich in beiden Partien mitgespielt hat. Allerdings ist bekannt, dass Fußballprofis heutzutage an solch vergilbten Anekdoten nur mäßig interessiert sind.

Hansi Flick hatte die Startelf im Vergleich zum Gladbach-Spiel auf fünf Positionen verändert: Bouna Sarr ersetzte den Rechtsverteidiger Benjamin Pavard, Lucas Hernandez den Innenverteidiger David Alaba, Corentin Tolisso im Mittelfeld den mit zwickender Wade passenden Leon Goretzka, Serge Gnabry den Angreifer Douglas Costa und Jamal Musiala den Weltfußballer Robert Lewandowski.

Mit einer Doppelspitze Müller/Gnabry und einer Flügelzange Musiala/Sané dominierten die Bayern, erst am Nachmittag per Charter angereist, das Spiel auf Anhieb. Dass Gnabry schon in der 14. Minute das 1:0 bejubeln durfte, verdankte er außer seinem guten Riecher auch dem Kieler Torwart Ioannis Gelios, der einen Kopfball von Thomas Müller prallen ließ - und dem bis zum Achtelfinale im Pokal ausgesetzten Videoschiedsrichter, der gesehen hätte, dass Gnabry bei Müllers Kopfball im Abseits stand.

Roca verschießt den entscheidenden Elfmeter

Die Kieler, derzeit Dritter in der zweiten Liga, setzten die Münchner Abwehr aber ebenfalls unter Druck. Ihren Ausgleich zum 1:1-Pausenstand erzielten sie aber ausgerechnet nach einem ungefähr 50 Meter langen geschlagenen Ball des Abwehrspielers Jannik Dehm. Der Ball erreichte über Freund und Feind hinweg den vormaligen Bundesligaprofi Bartels, der Sarr und Niklas Süle davonlief und am Torwart Manuel Neuer vorbei einschob. Dabei hatte Flick seinen Spielern doch eigens eingeschärft, dass es vorrangig "um die Bereitschaft" gehe, "die Tiefe abzusichern", wie er auch nach dem Spiel festhielt. Auch der von ihm eingeforderte "Druck auf den Ball" war phasenweise einfach nicht groß genug, um die Kieler von tiefen Bällen abzuhalten. "Mit dem 1:1 sind wir selbstbewusster geworden", sagte Kiels Bartels später, "wir haben immer daran geglaubt, dass wir heute tatsächlich die Sensation schaffen können."

Ein Freistoß kurz vor dem Kieler Strafraum nur drei Minuten nach dem Wiederanpfiff ermöglichte Sané, den Ball zum 2:1 in den Winkel zu schlenzen. Ein Abseitstor und ein Standardtor - die Bayern waren gegen den Zweitligisten nicht gerade wählerisch auf ihrem Weg, den DFB-Pokal als erster Klub überhaupt zum dritten Mal nacheinander gewinnen zu wollen. In die Verlängerung ging es, weil Kiels Kapitän Wahl in der Nachspielzeit per Kopf das 2:2 erzielte, etwas glücklich mit der Schulter. "Aber das haben wir uns über die 90 Minuten auch verdient", wie Wahl später reklamierte, und das völlig zurecht.

Von einer spielerischen Münchner Dominanz war auch in dem halbstündigen Showdown dann nur mehr wenig zu erkennen. Die Bayern wirken entnervt, agierten verbissen. Sie verwandelten dann immerhin die ersten fünf Elfmeter sehr sicher. Den entscheidenden Elfmeter zur Kieler Pokalsensation verwandelte Bartels erst, nachdem Roca den sechsten Elfmeter für die Münchner verschossen hatte. "Extrem bitter", sagte Thomas Müller zerknirscht, "die Pokalsensation hat sich nicht gerade auf Anhieb angedeutet." Aber Kiel habe es "für einen Zweitligisten wirklich kaltschnäuzig ausgenutzt".

© SZ/jkn
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