Süddeutsche Zeitung

DFB-Pokal:Erlebnis mit Déjà-vu

Der FC Schweinfurt 05 trifft mit 53 Tagen Verspätung in der ersten Pokalrunde auf Schalke. Danach gehen die Spieler vermutlich in Kurzarbeit.

Von Christoph Leischwitz

Als am Montagmittag der Bus mit insgesamt 24 Spielern losfuhr und sich endlich auf den Weg nach Gelsenkirchen machte, da ging Tobias Strobl noch einmal durch den Kopf, dass diese Reise im Grunde schon am 12. September hätte stattfinden sollen. Stattdessen hatten sich seitdem diverse Gerichte mit der Frage auseinandersetzen müssen, welcher bayerische Verein im DFB-Pokal gegen Schalke 04 antreten darf. Der 1. FC Schweinfurt 05 war dabei nur ein Zuschauer aus der Ferne gewesen, den eigentlichen Rechtsstreit hatte der Bayerische Fußball-Verband (BFV) mit Türkgücü München geführt. Nun ist es also doch, mit großer Verspätung, Schweinfurt geworden - Türkgücü hat angekündigt, nach dem Spiel auf Schadenersatz zu klagen. Das Aufheulen des Schweinfurter Mannschaftsbusses bei der Abfahrt dürfte wie ein großes, erleichtertes "Uff" geklungen haben.

Es ist der Aufbruch zu einem großen, wohl einzigartigen Erlebnis. Der Regionalligist hatte wegen der Corona-Pandemie schon vorher geplant, das Heimrecht zu tauschen, weil bei einem Heimspiel eher zusätzliche Kosten als Einnahmen zu erwarten sind. Kurioserweise hatte die Mannschaft auch schon vor zwei Jahren Schalke 04 zugelost bekommen. Damals, im August 2018, hatte sie vor 15 000 Zuschauern zu Hause 0:2 verloren, sich dabei aber trotz eines Eigentores in der 75. Minute recht ordentlich angestellt. Angreifer Adam Jabiri war damals schon dabei, auch Abwehrspieler Stefan Kleineheismann, der heute Co-Trainer ist.

Für den 33 Jahre alten Chefcoach Strobl steht mit dem Spiel auf Schalke das bislang größte Erlebnis seiner Karriere bevor. "Das ist nicht irgendein Bundesligist, das ist Schalke 04. Ich will keinem anderen Klub zu nahetreten, aber das hat Tradition, das ist Geschichte", sagt er. Und erzählt, dass es für das Trainerteam zugleich die "erste Hotelübernachtung mit der neuen Mannschaft" sei. Am Dienstag steht ein kurzes Anschwitzen an, dann ein Mittagsschlaf, dann die Fahrt zum Spiel um 16.30 Uhr in der Arena. Besonders ärgerlich ist die Verspätung für den Mittelfeldspieler Tim Danhof: Der wäre im September fit gewesen, am Sonntag verletzte er sich im Training.

Letztlich war Corona Schuld an der monatelangen Verzögerung, denn ohne die Pandemie hätte es ja den Rechtsstreit nicht gegeben. Jetzt aber, am Tag zwei der bundesweit verschärften Maßnahmen, wird die verspätete Pokalteilnahme zu einem Privileg. Ausgerechnet jetzt, da der Amateurfußball vermutlich für vier Monate eingemottet wird, darf der aktuelle Regionalliga-Vierte durch die Republik reisen; am Montagmorgen durften sie auch noch einmal auf heimischem Rasen trainieren. "Wir haben versucht, noch ein bisschen Lockerheit reinzubekommen", sagt Strobl. Die nationale Aufmerksamkeit und die juristische Vorgeschichte könnten leicht dazu führen, dass man der Sache zu angespannt begegnet. Rein sportlich kommt die Partie allerdings zur Unzeit: Zuletzt hatte die Mannschaft recht wenig Spielpraxis, die Partie beim FC Memmingen am vorigen Samstag wurde auch deshalb abgesagt, weil sich die Schnüdel auf dieser Reise nicht mehr mit dem Virus anstecken wollten. Stattdessen sah sich das Team am Freitag das 1:1 von Schalke gegen Stuttgart vor dem Fernseher an. Der Vorletzte der Bundesliga steckt bekanntlich in einer tiefen Krise, S04 siegte zum letzten Mal im DFB-Pokal-Achtelfinale der Vorsaison (3:2 gegen Hertha) - vor neun Monaten.

Für Schweinfurt gehe es darum, das Erlebnis zu genießen, sagt Strobl. Und gleichzeitig die Minimalchance auf das Erreichen der zweiten Runde im Blick zu behalten. "Wir wollen eine Dynamik entwickeln, dass wir irgendwann im Spiel merken: Da geht was. Da müssen wir hinkommen", sagt der Trainer. Höchstwahrscheinlich gehen seine Spieler schon am Tag danach in Kurzarbeit, so wie viele andere Regionalliga-Fußballer auch. Nachdem der bayerische Verband die unteren Ligen mittlerweile auch offiziell in die Winterpause geschickt hat, gibt es nur noch eine Möglichkeit, diese Kurzarbeit im Jahr 2020 noch einmal zu beenden: wenn der FC Schweinfurt gegen Schalke 04 gewinnt und noch vor Weihnachten in der zweiten Runde antritt.

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Quelle:
SZ vom 03.11.2020
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