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DFB-Pokal:Eine schöne Passage

Bilder des Jahres 2021, Sport 02 Februar Sport Themen der Woche KW05 03.02.2021, Fussball, GER, DFB Pokal, 2020/2021, 3.

Gewohnter Anblick: Auch in der dritten Runde, nach dem Spiel gegen den 1. FC Köln, jubeln die Regensburger nach dem Elfmeterschießen.

(Foto: Sascha Janne/imago)

Nach drei Siegen im Elfmeterschießen trifft der SSV Jahn Regensburg im Viertelfinale auf Werder Bremen. Bislang zwei Millionen Euro an Prämien helfen dem kleinen Zweitligisten, den pandemiebedingt geschrumpften Etat aufzubessern.

Von Johannes Kirchmeier

Wenn der Regensburger Kapitän Benedikt Gimber seine Mannschaft an diesem Mittwochabend um kurz vor 18.30 Uhr aufs Fußballfeld im Jahnstadion führen wird, dann schreibt sie schon einmal Geschichte. Noch nie in seiner 114-jährigen Fußball-Historie spielte der SSV Jahn Regensburg ein DFB-Pokal-Viertelfinale. Zuvor schied der Verein im Pokal ja fast schon traditionsgemäß sehr früh aus, 1992 beispielsweise in Runde zwei gegen den ostbayerischen Nachbarn SpVgg Plattling (1:2) oder vor zweieinhalb Jahren in der ersten Runde 1:2 gegen den Fünftligisten BSG Chemie Leipzig.

Sonderlich erheiternd war das für keinen Oberpfälzer, da ist so eine kleine, unerwartete Pokalrallye schon Balsam, vom größten Erfolg in der Vereinsgeschichte will der Geschäftsführer Christian Keller trotzdem nicht sprechen. Der frühere Sportmanagement-Professor ordnet die Dinge sachlicher ein und daher findet er: "Es ist historisch eine schöne Passage, die gerne noch weitergehen darf."

5,1 Millionen Euro Umsatz fehlt dem Klub alleine im Ticketbereich

Den größeren Kluberfolg sieht er in vier Zweitliga-Spielzeiten in Serie, auch das hatten seine Regensburger in der eingleisigen zweiten Bundesliga zuvor noch nie geschafft - und über die Jahre gibt es dafür auch mehr garantierte TV-Gelder. Trotzdem wirkt Keller stolz am Telefon, wenn er "mit einem großen Augenzwinkern", wie er dazusagt, zusammenfasst, dass seine Mannschaft durch die Corona-bedingte Verschiebung des Spiels um einen Monat schon unter den besten Fünf des Pokals stehe. "Für die Spieler sind diese Duelle mit den Bundesligisten auch eine tolle Sache."

Die anderen Halbfinalisten stehen fest, der Sieger von Jahn gegen SV Werder Bremen trifft am 30. April auf RB Leipzig. Am 2. März konnte die Partie gegen Bremen noch nicht stattfinden, weil im Laufe der Woche elf Regensburger aus der Mannschaft und dem Funktionsteam positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Die Infektionen verliefen dann mild, die Mannschaft wirkt mittlerweile wieder so fit wie zuvor. Bereit, um noch einmal Geschichte zu schreiben? "Wir sind zuhause in unserem Wohnzimmer und haben einen Gast, aber der Gast muss auch wissen, dass er hier nicht alles machen kann", sagt der Trainer Mersad Selimbegovic.

Nicht nur aus sportlicher, sondern auch aus finanzieller Sicht hilft den Regensburgern ihr Pokallauf. Der Jahn stellt ohnehin einen der kleinsten Etats in der zweiten Liga - und wegen der Corona-Pandemie ist der auch noch geschrumpft. 5,1 Millionen Euro Umsatz fehlt dem Klub alleine im Ticketbereich, da sind die bislang zwei Millionen Euro an Pokalprämien willkommene Entschädigung für Keller, fürs Halbfinale gäbe es übrigens noch einmal mehr als zwei Millionen Euro. Zudem eröffnet der Pokal Möglichkeiten, auf Bundesebene wahrgenommen zu werden: Nach drei Siegen im Elfmeterschießen gegen die Drittligisten 1. FC Kaiserslautern, SV Wehen Wiesbaden und den Erstligisten 1. FC Köln, wird das Viertelfinale nun auf dem Spartensender Sport1 live übertragen. Einen kürzeren Weg zu großer Aufmerksamkeit (und auch zum Titel, von dem in Regensburg freilich niemand redet) gibt es in Deutschland nicht. Die Oberpfälzer könnten neben Holstein Kiel der zweite Zweitligist unter den letzten Vier werden.

Mit dem SV Werder haben die Regensburger noch eine kleine Pokalrechnung offen: 2004 empfingen sie den damaligen Double-Gewinner mit dem heutigen Geschäftsführer Frank Baumann, Johan Micoud und Miroslav Klose als Drittligist im alten Jahnstadion. Sie hielten lange ein Nullnull - erst nach einer Stunde traf Micoud, Ivan Klasnic erzielte kurz vor Schluss das 2:0.

Der Jahn ist eine kämpferische Einheit, die nach dem Ballgewinn den direkten Weg zum Tor sucht

Mit der Ausgangssituation damals haben aber beide Teams nicht mehr viel gemein, Bremen bleibt als Erstligist der Favorit, doch die Klubs haben sich angenähert. Keller, der seit knapp acht Jahren in Regensburg arbeitet, sieht die aktuelle Jahnelf vom reinen Talentpotenzial her als die beste seiner Zeit an. Nur gehe es nun darum, dieses Talent auch auszuschöpfen, was noch nicht zu seiner vollen Zufriedenheit gelingt: In der Liga kämpft der Jahn noch gegen den Abstieg, weil er zu oft zu viele gute Gelegenheiten auslässt.

Von den zehn Remis in 27 Partien war wohl mehr als die Hälfte vermeidbar - so wie am Ostersonntag gegen Aue (1:1), als die Torschussstatistik 22:12 lautete. "Ich war in der Halbzeit schon stinksauer über unsere Fahrlässigkeit", sagt Keller, der von grandiosem Ärger auf dem Trainingsgelände am Tag danach berichtet, aber auch findet: "Schlecht waren unsere Naivität und die Inkonsequenz. Positiv war unsere Mannschaftsleistung. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass die gegen Aue schon einmal so gut war."

Die Mannschaftsleistung war bislang auch der Schlüssel zu den Pokalerfolgen. Der Jahn überzeugte in aus der Liga bekannter Manier als kämpferische Einheit, die nach dem Ballgewinn den direkten Weg zum Tor sucht - nur hat sie ihn im Pokal bislang etwas erfolgreicher gefunden. Und nun ja, hinten drin hielt der Torwart Alexander Meyer eben in jeder Partie mindestens einen Elfmeter. Keller traut ihm den Schritt zum Erstliga-Torwart zu. Was auf lange Sicht dann vielleicht der einzige schlechte Nebeneffekt der bundesweiten Pokalpräsenz für den Jahn sein könnte.

© SZ/lein/pps
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