DFB-Pokal:Doppelkick statt Schaufeltrick

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DFB-Pokal: Zwei Füße am Ball sind einer zu viel: Der Kölner Florian Kainz bei seinem bitteren Malheur im Elfmeterschießen.

Zwei Füße am Ball sind einer zu viel: Der Kölner Florian Kainz bei seinem bitteren Malheur im Elfmeterschießen.

(Foto: Revierfoto/Imago)

Seltsam, aber so steht es geschrieben: Der 1. FC Köln verliert das Elfmeterschießen im Pokal-Achtelfinale gegen den Hamburger SV, weil Florian Kainz den Ball beim entscheidenden Schuss mit beiden Füßen berührt.

Von Philipp Selldorf, Köln

Marvin Schwäbe war einer jener Augenzeugen, die den Unfall aus nächster Nähe mitbekamen. Ihm kam gleich die dunkle Ahnung, dass etwas nicht stimmte. Statt sich über den Ausgleichstreffer seines Kollegen Florian Kainz und die daraus resultierende Fortsetzung des Elfmeterschießens zu freuen, stellte sich der Torwart des 1. FC Köln einen Haufen Fragen: "War´s vielleicht der Platz? Hat er in den Boden getreten? Hat er sich selbst berührt?" All diese Dinge gingen ihm, so hat es Schwäbe später erzählt, durch den Kopf.

Auch Kainz mochte sich nicht wohlfühlen, obwohl der Ball im Tor lag. Instinktiv tat der Schütze so, als ob er gerade nur einen Routine-Job erledigt hätte: unbewegte Profi-Miene aufsetzen, abdrehen, davontraben, unauffällig verhalten! Dabei schwante Kainz doch längst, dass dieser Elfmeter-Treffer alles andere als alltäglich war. "Wie der Ball dann reingegangen ist, hat´s schon ein bisschen komisch ausgeschaut, und da hab´ ich mir schon gedacht, dass das komisch ausgehen könnt´", erzählte der Österreicher später dem Sender Sky.

Spätestens als ihm lauter hysterisch protestierende und gestikulierende Hamburger Kollegen entgegengelaufen kamen, hat Kainz gewusst, dass sein Tor zum 4:4 nicht nur für ihn selbst fragwürdig ausgeschaut hatte. Aus der Tribünensicht konnte man noch glauben, er habe lediglich auf verdrehte Weise den Ball mit einer Art Schaufeltrick ins Netz befördert und somit dafür gesorgt, dass die bereits um 30 Minuten verlängerte Pokal-Partie zwischen dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV auch beim Elfmeterschießen in die Extra-Runde gehen sollte. Bis der Schiedsrichter Daniel Schlager hinzutrat und mit entschiedener Geste die Partie für beendet erklärte - offenbar hatte der HSV das Achtelfinal-Duell gewonnen.

Während sich die Hamburger Spieler auf Torwart Daniel Heuer Fernandes stürzten und ihren Coup feierten, rätselten viele der zugelassenen 750 Zuschauer noch, was geschehen war. Auf der Anzeigetafel wurde das Standard-Formular für den Einsatz des Videobeweises eingeblendet, es besagte, der "TW" habe einen Regelverstoß begangen. Resultat: "Kein Tor". Der "TW", der Torwart? Seltsam, aber so stand es geschrieben.

Schiedsrichter Daniel Schlager wusste es besser als die begrifflich überforderte Bürokratie. Während der Linienrichter beim Elfmeterschießen kontrolliere, ob sich der Torhüter möglicherweise zu früh bewege, sei es seine eigene Aufgabe, "den Schützen zu kontrollieren", berichtete Schlager später: "Ich war mir sofort sicher, weil ich genau auf sowas achte. Darauf, ob der Spieler antäuscht oder eben eine Doppel-Berührung stattfindet. Es wird aber auch automatisch vom Video-Assistenten gecheckt, und der hat es mir relativ schnell bestätigt."

Schlager rief Kainz zu sich und erläuterte ihm den Fall, doch der 29 Jahre alte Österreicher war nicht mehr überrascht. Bereits nach dem Schuss habe er "ein ungutes Gefühl gehabt: Ich hab´ gemerkt, dass ich weggerutscht bin mit dem Standfuß." Der Ball, den er mit rechts geschossen hatte, drückte über den verrutschten linken Fuß hinweg und fiel in eigentümlicher Kurve ins Tor. Im Sinne des Gesetzbuches, Regel 10 ("Bestimmung des Spielausgangs"), war die Sache somit klar: "Der Elfmeterschütze darf den Ball kein zweites Mal schießen."

Kainz ist durch sein Mitwirken am 1:1 der Urheber des eigenen Unglücks.

In der Theorie wäre es nun (im laufenden Spiel) mit einem indirekten Freistoß für den HSV weitergangen. In der Praxis des Elfmeterschießens war der Abend für die Kölner gelaufen, und die Hamburger durften ihr hart erkämpftes und nicht unverdientes Glück bejubeln. 120 Minuten hatten die Teams miteinander gerungen und sich gegenseitig im Auslassen von Torchancen übertroffen, letztlich verhalf dem FC in vorletzter Sekunde der Verlängerung ein umstrittener Strafstoß ins Elfmeterschießen. Anthony Modeste verwandelte ihn (120.+1), nachdem Robert Glatzel das 1:0 für den HSV erzielt hatte (92.).

Vom Reiseziel Berlin mochten die Hamburger anschließend nicht sprechen, die Kölner dagegen sprachen aus, welche Chance nun dahin war: Eine Pokalsaison ohne die Dauergewinner aus München und Dortmund - "da kann man schon sagen, dass es das einfachste Jahr für einen Pokalsieg gewesen wäre", klagte FC-Torwart Schwäbe.

Unter den Beteiligten herrschte später die Überzeugung, die Fußballwelt um einen einzigartigen Vorfall bereichert zu haben, aber damit irrten sie. Ein "Doppeltouch", wie HSV-Coach Tim Walter Kainz´ Missgeschick nannte, ist schon öfter vorgekommen: 2017 etwa wurde deswegen Riyad Mahrez´ Treffer gegen Manchester City aberkannt (als er noch für Leicester City spielte). Mehr Glück hatte im selben Jahr Antoine Griezmann, als er in der Champions League für Atletico gegen Real Madrid traf - Schiedsrichter Cüneyt Cakir hatte sein Vergehen nicht erkannt. Und ein weiterer "Fall Kainz" ereignete sich neulich im November in Mexiko, als der Kolumbianer Roger Martínez für den Klub America im Aztekenstadion beidfüßig einen Elfmeter verwandelte. Das Videogericht überführte ihn.

Der spät eingewechselte Kainz hatte mit seiner Flanke jenen Strafstoß hervorgerufen, der auf dem Umweg über Modeste das Kölner 1:1 brachte und das Elfmeterschießen ermöglichte. Kainz war sozusagen der Urheber seines eigenen Unglücks. Aber untröstlich ging er nicht in die Nacht: "Für mich persönlich ist das eine schwierige Geschichte", sagte er, "aber ich werde damit umgehen können."

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