DFB-Pokal-Spiel mit 23 TorenDer Held, der das Plastilin aus den Händen schüttelte

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Lob für einen der Hauptdarsteller dieses Pokalabends: Stuttgarts Torwart Alexander Nübel (2. v. l.) flog gegen Braunschweig oft in die falsche Ecke – aber dreimal auch in die richtige.
Lob für einen der Hauptdarsteller dieses Pokalabends: Stuttgarts Torwart Alexander Nübel (2. v. l.) flog gegen Braunschweig oft in die falsche Ecke – aber dreimal auch in die richtige. (Foto: Christian Schroedter/Imago)
  • Der VfB Stuttgart gewinnt das DFB-Pokal-Spiel gegen Eintracht Braunschweig nach einem 4:4 im Elfmeterschießen mit 8:7.
  • Stuttgarts Torwart Alexander Nübel wird zum Helden, indem er drei Elfmeter pariert, nachdem er zuvor einen fatalen Fehler beim 0:1 gemacht hatte.
  • Braunschweig unter Trainer Heiner Backhaus zeigt eine beeindruckende Leistung mit vier Toren trotz eines durchschnittlichen Alters von nur 24 Jahren.
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Traumtore, viele Hauptdarsteller und zwei gefühlte Sieger – aber am Ende kann es auch beim Pokaldrama in Braunschweig nur einen Matchwinner geben: Stuttgarts Torwart Alexander Nübel bügelt im Elfmeterschießen einen dicken Gegentor-Patzer aus.

Von Javier Cáceres, Braunschweig

Weit nach Mitternacht saß Stuttgarts Trainer Sebastian Hoeneß im Presseraum des Eintracht-Stadions An der Hamburger Straße zu Braunschweig und bat nach „einem krassen Pokalfight“, wie er sagte, um Verständnis: „Ich kann gar nicht mehr reproduzieren, wann welches Tor war …“, gab Hoeneß etwa zu. Und er war sich nicht einmal mehr hundertprozentig sicher, wie das Ergebnis des Elfmeterschießens gelautet hatte: „Acht zu sieben?“ Korrekt, 8:7 zugunsten des VfB. Vor den 15 Elfmetertoren lagen bereits acht reguläre Treffer und ein höchst bestaunenswertes 4:4.

Waren die Erinnerungslücken des siegreichen Trainers ein peinlicher Fauxpas? Ein Blackout? Iwo! Es war ja nicht nur spät. Das Spiel zuvor, eine im Grunde dreistündige, nicht 120-minütige Schlacht, musste man erst mal metabolisieren. Dass die Stuttgarter zweimal in Rückstand geraten (0:1, 2:3) und zweimal in Führung gegangen waren (2:1, 4:3), war das eine. Das andere war, dass am Ende jede Menge Binnengeschichten aufgetaucht waren – und beinahe minütlich ein neuer Protagonist, der die Scheinwerfer für sich reklamiert hatte.

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Die letzten Hauptdarsteller erlangten den Rang von Helden, der eine tragisch, der andere schillernd. Der tragische: Braunschweigs Lukas Frenkert, der in der Verlängerung eigentlich schon nicht mehr laufen konnte, doch weiterlief, wie ein übersäuerter Storch stelzte, und dann vielleicht wegen der augenscheinlichen Überlastung den letzten Braunschweiger Elfmeter verschoss. Genauer: Er scheiterte an Alexander Nübel, dem schillernden Helden im Tor des VfB. Ausgerechnet Nübel wehrte insgesamt drei Strafstöße ab, nachdem er am Anfang des langen Abends mit einem fatalen Fehler Braunschweigs 1:0-Führung heraufbeschworen hatte. Dazwischen? Lag eine Partie voller Passion, getrüffelt mit Traumtoren.

Zum Beispiel: die Treffer von Braunschweigs Fabio de Michele Sánchez. Zweimal stand er beim 2:2 und 3:2 auf der linken Strafraumseite frei und zog derart stramm ab, dass die Frage war, ob er ein Tor schießen oder Nübel füsilieren wollte. Oder auch: der Treffer von Nick Woltemade, der von VfB-Coach Hoeneß erst geschont wurde und dann als Einwechselspieler das späte, ebenfalls sehenswerte 3:3 erzielte (89.), mit dem er seinen VfB in die Verlängerung rettete und das er – den Blick in die Kurve mit den Stuttgarter Fans gerichtet – kämpferisch bejubelte.

Das 0:1 habe er schnell verdrängt, sagt Nübel – seine Wahl zum Spieler des Abends versteht er trotzdem nicht

„Das sind diese Pokal-Nächte, von denen man immer redet …“, seufzte VfB-Stürmer Ermedin Demirovic. Sein Torwart Nübel war zu müde, um Verben zu suchen: „Sehr wilder Abend. Sehr langer Abend“, resümierte er, treffender und knapper konnte man es kaum erklären. Doch da war eben noch mehr. Zum Beispiel die Pein des ersten Gegentores. „Es tat mir extrem weh“, gab Nübel zu.

Sven Köhler hatte in der achten Minute aus mehr als 25 Metern abgezogen, der Ball flatterte ein wenig, doch das war nicht der Grund, warum er im VfB-Tor einschlug. Das lag daran, dass Nübels Hände in dieser Szene wie aus Plastilin wirkten. Seinem Renommee als Deutschlands mutmaßlicher Nummer zwei – DFB-Torwart Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona ist verletzt und Hoffenheims Oliver Baumann in der Gunst von Bundestrainer Julian Nagelsmann wohl vorn – wird das aber keinen Abbruch tun. Nübel lechzt gerade erst nach Spielpraxis, er hatte im Juli eine Ellenbogenverletzung erlitten und Teile der Vorbereitung verpasst.

Er habe das 0:1 „innerlich nach einer Minute abgeschüttelt“, sagte Nübel. Als Beleg dienten diverse gute Interventionen, die er im Laufe des Spiels folgen ließ. Dass die VfB-Fans ihn nach dem Elfmeter-Drama aufforderten, vor ihre Reihen zu treten, weil sie ihn feiern wollten, war Nübel dennoch „ein wenig unangenehm, nach dem Spiel“. Ebenso, dass er eine kleine Trophäe heimtrug, weil er zum „Man of the match“ gekürt worden war. „Schon Wahnsinn. Wer wählt so etwas eigentlich?“, fragte er.

Er selbst hätte seinen Kollegen Demirovic geehrt. Der Stürmer hatte zwei Tore geschossen (12./60) und beim Eigentor von Braunschweigs Sanoussy Ba (92.), dem ein magischer Fersentrick von Tiago Tomás vorangegangen war, eine bedeutende Nebenrolle gehabt. Doch auch dieses 4:3 zu Beginn der Verlängerung war keineswegs endgültig. Im Gegenteil: Braunschweigs Chris Conteh erzielte, nachdem er sich mit der Anmut und Schnelligkeit eines Capoeira-Tänzers um die eigene Achse gedreht hatte, das 4:4 (105.) für den Außenseiter, der sich sogar noch dicke Chancen für ein 5:4 erspielte. Es folgte jedoch ein Elfmeterschießen, durch das sich der VfB-Trainer entschädigt sah.

Trainer Backhaus verwandelt Braunschweig binnen weniger Wochen in eine großartig kickende Mannschaft

Der souveräne Umgang mit dem immensen Druck, den seine Spieler am Punkt zeigten, ließ Hoeneß („Wir hatten vier Elfmeterschützen, die wussten: wenn sie nicht treffen, ist das Ding durch!“) am Ende verdrängen, wie fahrig seine Mannschaft zuvor im Aufbau und bei der Erarbeitung von Chancen gewesen war. Nicht, dass Hoeneß die Leistung der wahrlich lobenswerten Braunschweiger schmälern wollte. Aber er betonte auch, dass es derzeit jedem Gegner von seinem VfB viel zu einfach gemacht werde, Tore zu schießen. Die Braunschweiger erzielten vier Treffer, obwohl ihr „xG-Wert“ für die Torwahrscheinlichkeit nur 0,8 betragen habe, referierte Hoeneß.

Sein Trainer-Kollege Heiner Backhaus war ergriffen von der Atmosphäre, die im Stadion herrschte und ihren guten Teil dazu beitrug, dass der VfB als Titelverteidiger in der ersten Runde des Pokals extrem wankte. Die Braunschweiger liefen über die blaue Laufbahn eine Ehrenrunde. „Ich habe nach einigen Siegen weniger Emotionen verspürt als heute nach der Niederlage“, sagte der 43-jährige Coach, der eigentlich dem FC Schalke verbunden ist. Backhaus ist erst seit diesem Sommer in Braunschweig. Die Mannschaft, die vor ein paar Wochen noch durchs Fegefeuer der Abstiegs-Relegation musste, hat er in ein Team transformiert, das am denkwürdigen Dienstagabend „im Schnitt nicht mal 24 Jahre alt war“ und „einfach komplett über sich hinauswuchs“.

Und das war nicht nur eine Frage von Sekundärtugenden. Die Braunschweiger pressten, spielten und trafen mit Bedacht, obwohl ihr bester Mann fehlte. Sie machten ein Spiel, das von Hingabe und Energie lebte, sie fielen und erhoben sich, fielen und erhoben sich, da capo al fine, wurden besiegt und fühlten sich doch als Sieger. „Langfristig kann das sehr viel bedeuten“, sagte Sven Köhler, „jeder, der es mit Eintracht Braunschweig hält, sollte mit einem Lächeln nach Hause gehen.“ Als er da stand, konnte er es nicht wissen. Aber die Menschen vor den Toren des Stadions lächelten tatsächlich.

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