DFB-Vizekapitänin Janina MingeZur Not stellt sie sich sogar ins Tor

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Bei der EM im vergangenen Sommer fiel Janina Minge auch gegen die Weltmeisterinnen aus Spanien mit ihrem großen Einsatzwillen auf.
Bei der EM im vergangenen Sommer fiel Janina Minge auch gegen die Weltmeisterinnen aus Spanien mit ihrem großen Einsatzwillen auf. Sebastian Bach/Fussball-News Saarland/Imago
  • Janina Minge ist in kurzer Zeit von der Stand-by-Spielerin zur DFB-Vizekapitänin aufgestiegen, nachdem Bundestrainer Christian Wück ihr Vertrauen schenkte.
  • Die 26-Jährige überzeugt durch Kampfgeist und Einsatzwille und führte das Team bei der EM im Sommer als Kapitänin, nachdem Giulia Gwinn sich verletzte.
  • Minge kann auf jeder Position spielen und stellte sich sogar schon ins Tor, als die Wolfsburg-Keeperin die rote Karte sah.
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Janina Minge ist in kurzer Zeit zur Führungsspielerin im deutschen Nationalteam aufgestiegen. Entscheidend war das Vertrauen von Bundestrainer Christian Wück – der davon auch in der WM-Qualifikation gegen Österreich profitieren dürfte.

Von Anna Dreher

Der Start von Janina Minge im deutschen Nationalteam lief eher ungewöhnlich ab. Bei der Fußball-WM 2023 hatte der Weltverband Fifa eine Sonderrolle vorgesehen, wegen der langen Anreise und der Zeitverschiebung war es bis kurz vor dem ersten Gruppenspiel möglich, eine verletzte oder erkrankte Spielerin im obligatorischen 23er-Kader zu ersetzen. Und Janina Minge war Spielerin Nummer 24. Sie stieg also in den Flieger nach Australien, machte alles mit, aber im Kader der damaligen Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg blieb sie dann in der Back-up-Rolle. Minge hatte seit der U15 alle Nachwuchsteams des Deutschen Fußball-Bundes durchlaufen, an Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen, bei den Großen aber war sie noch nie dabei gewesen. Und nun stand sie da vor dem Teamhotel in Wyong und versuchte zu erklären, wie sie mit dieser Rolle umging. Sie tat das mit einer Nüchternheit, als würde sie einen Unfallhergang beschreiben. Minge spielte damals für den SC Freiburg, arbeitete aber parallel noch als Streifenpolizistin.

Es ist gerade diese Unaufgeregtheit, in der Minges rasanter Aufstieg von der Stand-by-Spielerin zur Anführerin seinen Ursprung hat. Bei Olympia 2024 war sie von Interimstrainer Horst Hrubesch erst nominiert worden, als Lena Oberdorf verletzt ausfiel – um dann alle Partien zu absolvieren und Bronze zu gewinnen. Zur EM in der Schweiz im Sommer 2025 reiste sie dann schon als Vize von Kapitänin Giulia Gwinn. Inzwischen hatte Christian Wück das Bundestraineramt übernommen. Und bei der Suche nach Spielerinnen, die die Lücke der zurückgetretenen Leitwölfin Alexandra Popp füllen könnten, landete er auch bei Minge. Womit übrigens nicht einmal sie selbst gerechnet hatte: „Das war für mich ein Stück weit überraschend“, gab Minge damals zu. Weil Gwinn sich beim Auftakt schwer am Knie verletzte, stand Minge bei ihrem ersten großen Turnier direkt als Hauptverantwortliche auf dem Platz – und wirkte dabei, als hätte sie die DFB-Binde schon lange um den Arm gebunden.

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Wenn die DFB-Frauen an diesem Dienstag in Nürnberg (18.15 Uhr, ZDF) und am Samstag in Ried (18 Uhr, sportschau.de) in der Qualifikation für die WM 2027 auf Österreich treffen, hinterfragt niemand mehr Minges Rolle. Die 26-Jährige mag nicht mit einem spektakulären Spielstil auffallen, ihr Kampfgeist und Einsatzwille aber sind herausragend. Ergänzt durch ihre Ruhe hat sich Minge in ihren erst 30 Länderspielen eine natürliche Autorität aufgebaut. Auch beim Drumherum fokussiert sie sich aufs Wesentliche, Fragen beantwortet sie selten ausschweifend. „Mir imponiert es, wie sie mit Drucksituationen umgeht. Ich glaube, da gibt sie auch eine gewisse Sicherheit an das Team ab“, sagte Wück vor den Österreich-Spielen.

Im besten Sinne verlässlich-unauffällig ist Minge zu einer zentralen Figur gewachsen. Im Nationalteam wie auch beim VfL Wolfsburg, wo sie sich seit dieser Saison das Kapitänsamt mit Svenja Huth und Alexandra Popp teilt, zwei der prägendsten Spielerinnen eines der erfolgreichsten deutschen Vereine.

Minge hat jetzt auch eigene Torwarthandschuhe und ein Torwarttrikot. „Von daher: Ich bin bereit, wenn es dazu kommt.“

Aber was war entscheidend dafür? „Der erste Schritt ist erst mal, dass man das Vertrauen und die Chance bekommt, zu spielen und zu zeigen, was in einem steckt“, sagte Minge. „Ich bin unfassbar dankbar, dass es sich dann so schnell weiterentwickelt hat.“ Eine Grußkarte ging hier wohl noch an Horst Hrubesch, aber der große Blumenstrauß war an Christian Wück adressiert. Denn besagtes Vertrauen setzte vorwiegend er in ihre Fähigkeiten. Das hat wohl den entscheidenden Impuls gesetzt. „Ehrlich gesagt habe ich gar nicht viel verändert, würde ich behaupten“, sagte Minge, „man traut sich einfach immer mehr zu, weiß, was in einem steckt. Das ist der Hauptschlüssel zum Erfolg. Ich habe vor drei Jahren nicht wirklich anderen Fußball gespielt als heute.“

Minge steht stellvertretend dafür, dass es Wück gelungen ist, das etablierte Ensemble so zu ergänzen und zu orchestrieren, dass es spielerisch wie charakterlich zusammenpasst. Mit Gwinn in der Außen- und Minge in der Innenverteidigung verleiht die Kapitäninnen-Achse dem Nationalteam aus der Abwehr heraus mehr Stabilität. Die beiden pflegen eine flache Hierarchie, eine Führungskultur, die zu ihrer Generation passt und sich von früheren Gepflogenheiten unterscheidet. Sie gehen voran, ohne laut sein zu müssen. Wobei es gerade nicht viel zu meckern gibt – was vieles leichter macht.

Wenn es sein muss, stellt sich Janina Minge auch ins Tor, wie hier beim Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Union Berlin.
Wenn es sein muss, stellt sich Janina Minge auch ins Tor, wie hier beim Bundesligaspiel zwischen dem VfL Wolfsburg und Union Berlin. Madeleine Fantini/HMB-Media/Imago

In die WM-Qualifikation ist das Team mit Siegen gegen Slowenien (5:0) und in Norwegen (4:0) ideal gestartet, bei der EM scheiterten die DFB-Frauen erst spät im Halbfinale an Weltmeister Spanien. „Wir sind ein sehr harmonisches Team. Dadurch, dass wir alle eine ähnliche Altersstruktur haben, ist es bei uns wirklich so, dass jede etwas sagen kann und sich keine zurückhalten muss“, sagte Minge. „Ich glaube nicht, dass es einzelne Personen gibt, die das Zepter in die Hand nehmen müssen.“

Dass sie so wichtig für die Abwehr werden würde, war nicht unmittelbar abzusehen. Vor drei Jahren noch, als sie es mit dem SC Freiburg ins Pokalfinale gegen Rekordsieger Wolfsburg geschafft hatte, stand sie als offensive Mittelfeldspielerin und eine der torgefährlichsten Angreiferinnen der Bundesliga auf dem Platz. Erst nach und nach wechselte sie auf defensivere Positionen. Sie selbst spielt am liebsten auf der Sechs. Zuletzt rückte sie gar ins Tor.

Im Bundesligaspiel bei Union Berlin sah Keeperin Stina Johannes die rote Karte, wechseln konnte Trainer Stephan Lerch nicht mehr, also ging Minge ins Wolfsburger Tor: „Jetzt kann ich wirklich von mir behaupten, ich habe schon jede Position gespielt. Das können auch nicht so viele von sich sagen.“ Sie habe inzwischen ihre eigenen Torwarthandschuhe und ein eigenes Torwarttrikot, „von daher: Ich bin bereit, wenn es dazu kommt“.

Und wer sagt, dass sie nicht auch für Spektakel sorgen kann? Von ihr kam schließlich der unglückliche Kopfball, der in der 103. Minute in der Viertelfinalschlacht gegen Frankreich schon wie ein sicheres Eigentor wirkte – hätte Torhüterin Ann-Katrin Berger nicht die Schwerkraft besiegt. Ohne Janina Minge hätte es diese weltweit gefeierte Parade nicht gegeben, einen der größten Momente der Europameisterschaft 2025.

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