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DFB-Nachwuchs:Drei enttäuschte U21-Europameister

Germany v Spain - UEFA Euro U21 Championships Final

Ende Juni gewann die deutsche U21 den EM-Titel durch einen 1:0-Sieg gegen Spanien.

(Foto: Kacper Pempel/Reuters)
  • Vom Titel bei der U21-EM in Polen haben viele Spieler auch in ihren Klubs profitiert.
  • Sieben der 23 U21-Europameister sind bei ihren Klubs etabliert, neun sind Stammkräfte.
  • Mit Julian Pollersbeck, Max Meyer und Mahmoud Dahoud warten aber auch drei Leistungsträger auf längere Einsätze in der Bundesliga.

Von Ulrich Hartmann

Vor neuneinhalb Wochen war Julian Pollersbeck ein Popstar. Er war Torwart und Kabinenvorsänger jener deutschen U21-Nationalmannschaft, die Ende Juni in Polen Europameister wurde. Der gebürtige Altöttinger war auf dem Platz ein Rückhalt und abseits ein Motivator. Er erlebte mit 23 Jahren die bis dato besten Tage seiner zuvor nur langsam erblühenden Torwartkarriere. Beim 1. FC Kaiserslautern in der zweiten Liga war er erst im vergangenen Herbst zum Stammtorwart aufgestiegen - als Europameister schien sich für den 23-Jährigen nun alles zu fügen.

Doch mittlerweile ist Pollersbeck wieder Ersatztorwart und Herausforderer. Er spielt jetzt zwar beim Hamburger SV in der Bundesliga, aber er saß in den ersten Spielen der Saison nur auf der Bank, weil der Trainer Markus Gisdol kurzfristig Christian Mathenia zur Nummer eins gekürt hatte. Pollersbeck, der dem HSV 3,5 Millionen Euro wert war, muss sitzen und warten. Er kann den Hamburgern auf dem Platz kein Rückhalt sein, und in der Kabine wird auch nicht "Fiderallala" gesungen wie jüngst bei der überschwänglichen U21. Pollersbeck muss seine meist gute Laune und seine Entertainer-Qualitäten im Stillen pflegen.

Der 23-Jährige ist neben dem Schalker Max Meyer und dem Dortmunder Mahmoud Dahoud einer von drei Europameistern, die diesen Titel als Referenz bislang nicht zum eigenen Vorteil bei ihrem Klub einbringen konnten. Doch die EM-Profiteure sind klar in der Überzahl. Sieben der 23 Europameister sind bei ihren Klubs etabliert, neun sind Stammkräfte und sechs von diesen neun haben in den bisherigen Pflichtspielen der neuen Saison jede Minute gespielt. So ein U21-EM-Titel ist also schon karrierefördernd.

Während die neue U21-Generation bei Europameister-Trainer Stefan Kuntz an diesem Dienstag mit dem ersten Qualifikationsspiel gegen Kosovo (in Osnabrück) ihren Weg zur nächsten EM 2019 in Norditalien beginnt, empfehlen sich die Titelgewinner von Krakau bei ihren Klubs - und einige vielleicht auch für einen Platz im WM-Kader von Joachim Löw. Für die aktuellen Länderspiele verzichtete der Bundestrainer zwar noch auf U21-Europameister, aber der Neu-Dortmunder Jeremy Toljan, Schalkes Meyer oder der vom FC Bayern an Hoffenheim ausgeliehene Serge Gnabry sind durchaus A-Team-Kandidaten.

In Osnabrück startet die Qualifikation für die EM 2019

Aber auch für Meyer, in Polen dauerbeschäftigt und zuversichtlich, dass sich mit dem U21-Titel und dem Trainerwechsel auf Schalke nach einer mauen Vorsaison für ihn alles zum Guten wendet, verlief der Saisonauftakt enttäuschend. Nur 37 Minuten in zwei Ligaspielen und einer Pokalpartie, drei Mal spät eingewechselt - so hatte er sich das nicht vorgestellt. Er hat seinen Vertrag nicht verlängern wollen und beabsichtigt, Schalke 2018 ablösefrei zu verlassen. Eher kämpferischer Natur sind hingegen die Ambitionen von Dahoud. Der vormalige Gladbacher ist in Dortmund bislang auch bloß zwei Mal eingewechselt worden. Er ist erst 21 Jahre und spielt sogar weiter in der U21, aber damit er sich beim BVB akklimatisieren kann, darf er auf das Länderspiel gegen Kosovo verzichten.

Auffällig ist, dass gerade einige jener Spieler, die in Polen selten zum Einsatz gekommen waren, in ihren Klubs nun gesetzte Kräfte sind: Schalkes Innenverteidiger Thilo Kehrer, Leverkusens Mittelfeldspieler Dominik Kohr, Hannovers defensiver Mittelfeldmann Waldemar Anton und Kölns Rechtsverteidiger Lukas Klünter haben in den ersten Saisonspielen durchgängig auf dem Feld gestanden. Anton und Klünter waren bei der U21-EM sogar überhaupt nicht zum Einsatz gekommen.

Marc-Oliver Kempf in Freiburg, Yannick Gerhardt in Wolfsburg, Mitchell Weiser in Berlin und Maximilian Philipp in Dortmund sind in ihren Klubs ebenso prägende Kräfte, wie sie es auch in der U21 waren. Weiser hatte im Endspiel gegen Spanien das goldene Tor erzielt.

Aus jener U21, die 2009 in Schweden Europameister geworden ist, sind in Manuel Neuer, Mats Hummels, Jérôme Boateng, Benedikt Höwedes, Sami Khedira und Mesut Özil sechs Spieler fünf Jahre später in Brasilien Weltmeister geworden. Nicht nur diese Arithmetik erlaubt den U21-Europameistern, sich ähnliche Hoffnungen für die WM 2022 in Katar zu machen. Ihr Potenzial steht jenem dieser goldenen Generation kaum nach.

© SZ vom 05.09.2017/schm

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