Süddeutsche Zeitung

DFB: Mesut Özil:"Ich spiele gegen meine Freunde"

Der Deutsch-Türke Mesut Özil muss vor dem Spiel gegen die Türkei mehrfach seine Entscheidung für den DFB erklären. Mit der Vorzeige-Integrationsrolle tut er sich aber schwer.

Thomas Hummel

Ob es ein Zeichen der Freundschaft war? Mesut Özil kam zur ersten Pressekonferenz vor dem brisanten Länderspiel gegen die Türkei im roten Pullover. Rot, wie die Fahne der Türkei, wie das Trikot der türkischen Nationalmannschaft.

Mesut Özil ist die Symbolfigur dieser Partie. Die Familie des 21-Jährigen stammt aus der Türkei, seine Eltern heißen Mustafa und Gülizar, doch aufgewachsen ist Mesut in Gelsenkirchen. Und dort hat er in einem inzwischen landesweit bekannten Affenkäfig, einem eingezäunten Bolzplatz, das Fußballspielen so gut gelernt, dass er zum Nationalspieler wurde. Zu einem deutschen Nationalspieler.

Für einen Deutsch-Türken ist das keine Selbstverständlichkeit. Bei der Türkei stehen am Freitagabend im Berliner Olympiastadion Nuri Sahin aus Lüdenscheid, Hakan Balta aus Berlin und die Zwillinge Hamit und Halil Altintop aus Gelsenkirchen im Kader. Sie alle entschieden sich für das Land ihrer Eltern.

Deshalb kam es auch nicht überraschend, dass Mesut Özil einige Male die Frage nach der Wahl beantworten musste. Hamit Altintop hatte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, die Entscheidung für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) hätte für Özil vor allem Karriere-Gründe: "Ich respektiere solche Entscheidungen, aber wenn Sie mich fragen, ob ich ein Freund davon bin, dann sage ich: nein."

Özil beteuerte in Berlin mehrfach, dass es "für mich nie eine andere Nationalmannschaft gab als die deutsche". Die Familie sei in der dritten Generation hier, er sei geboren in Deutschland und hier aufgewachsen, habe in den Jugendmannschaften des DFB gespielt. Und "ich fühle mich sehr wohl hier". Natürlich sei er "sehr, sehr stolz" für Deutschland zu spielen, seine Familie und seine Freunde unterstützten das auch.

Ein türkischer Reporter nahm Bezug auf Altintops Karriere-Aussage: "Hätte er sich für die Türkei entschieden, hätte er keine WM gespielt und wäre jetzt nicht bei Real Madrid. So einfach ist das." Es war das einzige Mal in Berlin, dass über das Gesicht des immer freundlich und höflich wirkenden Özil ein Hauch von Unmut huschte. "Natürlich hat die WM eine Rolle gespielt, dass ich jetzt bei Real Madrid bin, aber ich habe auch schon in der Bundesliga gute Leistungen gebracht", antwortete er.

Eine "weiße Wand" in Berlin

Der Junge mit den großen Augen ist bekannt für seine schlichten Sätze, aus denen vor allem sein schüchterner Charakter spricht. Unter normalen Umständen schickt ihn der DFB nicht auf ein Pressepodium, doch diesmal seien derart viele Interviewanfragen für Özil eingegangen, dass dem DFB und Özil nichts anderes übrigblieb. Hätte er alle Interviews einzeln gegeben, "hätten wir das Spiel um zwei Wochen verschieben müssen", sagte Pressechef Harald Stenger.

Der DFB platzt nun fast vor Stolz ob seines Mesuts. Das Thema Integration bewegt in diesen Sarrazin-Zeiten das ganze Land, spaltet es bisweilen. Da ist der DFB froh, gerade mit dem Deutsch-Türken Özil auf seine angeblich erfolgreiche Integration von Immigranten hinzuweisen. Immerhin elf von 23 WM-Fahrern in Südafrika hatten Wurzeln im Ausland. Da neigt der Verband zum Eigenlob, allein Kapitän Philipp Lahm wies auf den Unterschied zwischen Fußball-Nationalmannschaft und Gesellschaft hin: "Wir bewegen uns alle auf dem gleichen sozialen Niveau."

Dennoch kann der DFB eine gewisse Signalwirkung für sich beanspruchen. Eine vom Verband in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass 87 Prozent der Befragten mit dem Nationalteam den Begriff "Integration" verbinden.

Bei keinem Spieler stiegen die Sympathiewerte stärker an als bei Mesut Özil. Und der Gelsenkirchener versucht inzwischen, seine Rolle anzunehmen: "Ich bin irgendwie ein Beispiel. Viele Kinder und Jugendliche sehen mich als Vorbild", befand er. Dabei appellierte er an Deutsche und Imigranten, dass man gut miteinander auskommen, sich offen begegnen solle. Er suchte dabei einige Zeit nach den richtigen Worten und es wurde deutlich, wie schwer sich dieser zurückhaltende junge Fußballer mit der Vorzeige-Integrationsrolle tut.

Bei den Hymnen werde er sich auf das Spiel konzentrieren, "da bin ich ganz fokussiert". Und sollte er ein Tor für Deutschland erzielen? "Dann reagiere ich spontan." Er seufzte ein wenig. "Mal gucken." Trotz der Fallen, die ein solches Spiel für einen wie Mesut Özil bereitstellt, konnte er glaubhaft versichern, dass er sich auf das Duell am Freitag freue. "Das wird ein besonderes Spiel für mich, weil ich gegen meine Freunde spiele", sagte er. Ob er allerdings von allen Zuschauern im Stadion freundlich begrüßt wird?

Die ganze, schöne Integrationswelt wäre schnell dahin, sollten die erwarteten 30.000 bis 40.000 Türken im Stadion Mesut Özil auspfeifen.

Damit die Partie in Berlin nicht vollständig zum Auswärtsspiel für die deutsche Mannschaft wird, hat der DFB 25.000 Karten zuerst an seine sogenannte Fußballfamilie verkauft, also an Vereine, Verbandsmitglieder und Fanklubs. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff kündigte an, dass in ein paar Tribünenblöcken weiße Hemden auf den Sitzen mit der Aufschrift "Heimspiel" liegen werden, "damit zumindest eine Kurve eine weiße Wand ist".

Auch Mesut Özil wird dann ein weißes Hemd tragen.

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