DFB: Mesut Özil:Eine "weiße Wand" in Berlin

Der Junge mit den großen Augen ist bekannt für seine schlichten Sätze, aus denen vor allem sein schüchterner Charakter spricht. Unter normalen Umständen schickt ihn der DFB nicht auf ein Pressepodium, doch diesmal seien derart viele Interviewanfragen für Özil eingegangen, dass dem DFB und Özil nichts anderes übrigblieb. Hätte er alle Interviews einzeln gegeben, "hätten wir das Spiel um zwei Wochen verschieben müssen", sagte Pressechef Harald Stenger.

Der DFB platzt nun fast vor Stolz ob seines Mesuts. Das Thema Integration bewegt in diesen Sarrazin-Zeiten das ganze Land, spaltet es bisweilen. Da ist der DFB froh, gerade mit dem Deutsch-Türken Özil auf seine angeblich erfolgreiche Integration von Immigranten hinzuweisen. Immerhin elf von 23 WM-Fahrern in Südafrika hatten Wurzeln im Ausland. Da neigt der Verband zum Eigenlob, allein Kapitän Philipp Lahm wies auf den Unterschied zwischen Fußball-Nationalmannschaft und Gesellschaft hin: "Wir bewegen uns alle auf dem gleichen sozialen Niveau."

Dennoch kann der DFB eine gewisse Signalwirkung für sich beanspruchen. Eine vom Verband in Auftrag gegebene Umfrage ergab, dass 87 Prozent der Befragten mit dem Nationalteam den Begriff "Integration" verbinden.

Bei keinem Spieler stiegen die Sympathiewerte stärker an als bei Mesut Özil. Und der Gelsenkirchener versucht inzwischen, seine Rolle anzunehmen: "Ich bin irgendwie ein Beispiel. Viele Kinder und Jugendliche sehen mich als Vorbild", befand er. Dabei appellierte er an Deutsche und Imigranten, dass man gut miteinander auskommen, sich offen begegnen solle. Er suchte dabei einige Zeit nach den richtigen Worten und es wurde deutlich, wie schwer sich dieser zurückhaltende junge Fußballer mit der Vorzeige-Integrationsrolle tut.

Bei den Hymnen werde er sich auf das Spiel konzentrieren, "da bin ich ganz fokussiert". Und sollte er ein Tor für Deutschland erzielen? "Dann reagiere ich spontan." Er seufzte ein wenig. "Mal gucken." Trotz der Fallen, die ein solches Spiel für einen wie Mesut Özil bereitstellt, konnte er glaubhaft versichern, dass er sich auf das Duell am Freitag freue. "Das wird ein besonderes Spiel für mich, weil ich gegen meine Freunde spiele", sagte er. Ob er allerdings von allen Zuschauern im Stadion freundlich begrüßt wird?

Die ganze, schöne Integrationswelt wäre schnell dahin, sollten die erwarteten 30.000 bis 40.000 Türken im Stadion Mesut Özil auspfeifen.

Damit die Partie in Berlin nicht vollständig zum Auswärtsspiel für die deutsche Mannschaft wird, hat der DFB 25.000 Karten zuerst an seine sogenannte Fußballfamilie verkauft, also an Vereine, Verbandsmitglieder und Fanklubs. Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff kündigte an, dass in ein paar Tribünenblöcken weiße Hemden auf den Sitzen mit der Aufschrift "Heimspiel" liegen werden, "damit zumindest eine Kurve eine weiße Wand ist".

Auch Mesut Özil wird dann ein weißes Hemd tragen.

© sueddeutsche.de/ebc
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