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DFB:Marsch durch die Institutionen

Jürgen Klinsmanns Trainerkarriere begann in einer Gruppe von Auserwählten.

Es war zu Beginn jenes Jahres, in dem die Nationalmannschaft unter der Führung von Erich Ribbeck auf die dunkelsten Momente ihrer jüngeren Geschichte zusteuerte, als sich die verdienten Helden des deutschen Fußballs zum ersten Mal trafen. Am 3. Januar 2000 warfen sie sich auf dem Rasen der Sportschule Hennef des Fußballverbandes Mittelrhein die Bälle zu. Gruppe 3 hatte die Trainingseinheit vorbereitet, wobei der ehemalige Nationaltorwart Eike Immel die Vorgabe stellte, dass Tore nur per Kopf erzielt werden durften. Später leitete Andreas Brehme eine kleine Ballschule, Krassimir Balakov eine Übung zum Spiel über die Außenbahn und der jetzige Bundestrainer Jürgen Klinsmann ließ ein Torschusstraining durchführen.

Es war nicht unumstritten, dass sich die 17 Teilnehmer und zwei Teilnehmerinnen auf einen verkürzten Weg zum Diplom des Fußballlehrers machten. "Der DFB macht immer so ein Zeug", hatte Werner Lorant abschätzig geknurrt. Und Felix Magath, damals bei Eintracht Frankfurt, wandte ein: "Wenn das Programm in einem Kurzlehrgang tatsächlich durchzuziehen ist, dann sollte man es nicht nur Nationalspielern anbieten, sondern jedem Profi, der über 300 Bundesligaspiele bestritten hat." Tatsächlich sollte der Sonderlehrgang aber nur Nationalspielern angeboten werden, die Welt- oder Europameister gewesen waren.

Dann aber durfte auch Torhüter Eike Immel mitmachen, der nur 18 Länderspiele absolviert hatte und der Bulgare Balakov. Außerdem waren Joachim Löw und Andreas Zachhuber dabei, die schon als Trainer in der Bundesliga gearbeitet hatten, denen aber noch die Lizenz dazu fehlte. "Ich musste den Kurs gegen massiven Widerstand im DFB durchsetzen", erinnert sich Berti Vogts.

Zwei Jahre lang hatte er als Bundestrainer darum gekämpft, einem Modell zu folgen, das in Holland schon erprobt worden war. Guus Hiddink hatte dort 1997 einen ähnlichen Kurs angeregt, an dessen Ende Ronald Koeman, Frank Rijkaard und Ruud Gullit ihre Trainer-Diplome bekamen. In Deutschland kürzte Trainerausbilder Gero Bisanz die Lerninhalte von sonst 560 auf 240 Unterrichtsstunden, in denen Sportmedizin und Taktik, Psychologie und Rhetorik, Trainingsführung und Mannschaftsansprache in verdichteter Form enthalten waren. "Weil das Programm so komprimiert war, entstand bald eine sehr intensive Arbeitsatmosphäre", erinnert sich Bisanz.

Dem erfahrenen Ausbilder machte der Kurs auch deshalb Spaß, weil er weniger als üblich eingreifen musste. Das Gespür für das Spiel war größer, weil es alle auf höchstem Niveau betrieben hatten, "und viele von ihnen hatten die eigenen Erfahrungen als Spieler reflektiert", sagt Bisanz. Gerade Jürgen Klinsmann attestiert er diese Fähigkeit: "Er sieht die Fußballstruktur eindeutig klar."

Klinsmann sah während der Übungen die Fehler und sprach sie richtig an, beobachtete Bisanz, für den gerade das eine der Voraussetzungen ist, ein guter Trainer zu werden. Doch nicht nur die Arbeitsatmosphäre und die Vorbildung der Trainerschüler war anders als bei den sonstigen Lehrgängen. Weil fast alle Teilnehmer einander kannten und die beiden Frauen sofort integriert wurden, entstand ein besonderes Gruppengefühl. "Man kann fast von einer verschworenen Gemeinschaft sprechen", sagt Bisanz. Eigentlich war der Sonderlehrgang 2000 nämlich die Klasse von 1996.

Neben Klinsmann waren Matthias Sammer, Jürgen Kohler, Stefan Reuter, Andreas Köpke, Dieter Eilts und Stefan Kuntz dabei, die in England die Europameisterschaft gewonnen hatten. Klinsmann, Kohler und Reuter trafen zudem auf Guido Buchwald, Andreas Brehme und Pierre Littbarski, mit denen sie 1990 in Italien Weltmeister geworden waren. Wer die Gruppe beim Unterricht in der Sportschule in Hennef oder einem Golfhotel in Hessen erlebte, hatte sofort das Gefühl, dass Klinsmann ihr Sprecher war. "Durch seine natürliche Autorität war er das auch", sagt Bisanz, "Jürgen hat das Heft in der Hand gehalten." So setzte Klinsmann sich nach einem Vortrag von Prof. Heinz Liesen an die Spitze einer Initiative zur Förderung des Jugendfußballs. Der Mediziner von der Universität Paderborn hatte die Schüler des Lehrgangs mit seinen Beschwerden über die Nachwuchsförderung beeindruckt und Innovationen von ihnen gefordert. Bereits während des Kurses entstand die Idee zum Internetportal fussballd21, mit dem Jugendliche zum Kicken animiert werden sollten. Im Herbst 2001 ging es unter Schirmherrschaft von Bundeskanzler Gerhard Schröder und von einer verblüffenden Fülle von Sponsoren unterstützt an den Start.

"Unsere Idee ist, mit dieser Webseite eine Informationsplattform für den Jugendfußball zu schaffen, die unabhängig von Verbänden ist", heißt es dazu noch heute auf der Homepage von Jürgen Klinsmann. Träger ist die Stiftung Jugendfußball, deren Präsidium, Kuratorium oder Fachbeirat auch alle Mitglieder des Kurses angehören. Später folgte mit streetfootballworld eine weitere Initiative, die den informellen Fußball jenseits der Klubs stärken sollte und weltweit Straßenfußballprojekte unterstützt.

Doch nicht nur in der Frage der Nachwuchsförderung artikulierte sich im Kurs ein neues Denken, es gab auch ein grundsätzliches Unbehagen mit dem Fußballgeschäft. Vor allem der rüde Umgang mit dem bereits im September 1998 geschassten Berti Vogts, dem nicht nur Klinsmann viel verdankte, empörte seine Spieler von einst noch. Da saßen abgebrühte Profis zusammen, die wussten, wie das Geschäft funktioniert, doch zugleich träumten sie irgendwie vage von Veränderung. Gero Bisanz sagt heute leicht distanzierend: "Die jungen Leute haben eben ihre eigenen Ideen." Das gilt vor allem für die im Sonderlehrgang entstandenen Aktivitäten im Jugendfußball, die in direkter Konkurrenz zu denen des Deutschen Fußball-Bundes stehen. So macht die Übernahme des Bundestraineramtes durch Jürgen Klinsmann den Eindruck, als hätte er den Marsch durch die Institutionen angetreten. Oder die Chance genutzt, sich gleich an ihre Spitze zu setzen.