Machtkampf beim DFB:Versuch der Reinwaschung

Philipp Lahm (links, Geschäftsführer der EURO GmbH) zusammen mit Rainer Koch (Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes

DFB-Vize Rainer Koch (rechts) mit Philipp Lahm am Rande des deutschen EM-Eröffnungsspiels.

(Foto: Fabian Fruehwirth/Imago)

Beim DFB läuft der Versuch, eine für Interimschef Rainer Koch unangenehme Angelegenheit für beendet zu erklären. Doch nun kursiert der Vorwurf, dass ein falsches Schreiben der alten Ethik-Kommission in Umlauf gebracht wurde.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner, Frankfurt

Reichlich verärgert verließen manche Teilnehmer in der Vorwoche die Runde, zu der in der bayerischen Sportschule Oberhaching die Landes- und Regionalverbände des Deutschen Fußball-Bundes zusammengekommen waren. So viele Fragen hatten sie zu den skandalösen Vorgängen um die DFB-Ethikkommission, die wenige Tage zuvor auseinandergesprengt worden war - just zu einem Zeitpunkt, als sie sich mit einem möglichen Fehlverhalten von DFB-Interimschef Rainer Koch, 62, befasste.

Mancher Amtsträger wünschte Einblick in Dokumente. Aber es war zu wenig Zeit, um die verästelte, hochbrisante Sache abzuklären: Am Abend stand das Länderspiel gegen Ungarn an. So wurde das Ethik-Thema schließlich vertagt; es soll nun Mitte Juli weiterbehandelt werden. Womöglich in der Hoffnung, dass sich die aufgeheizte Stimmung und manche Erinnerung dann verflüchtigt haben?

Die Frage ist, ob dieser Ansatz aufgeht. Nach Lage der Dinge dürften sich die Amateurvertreter schon beim Treff an diesem Donnerstag erneut um das Thema kümmern. Denn zu bestaunen ist die nächste trickreiche Volte: das offenkundige Bemühen, die Causa Koch flott zu beenden. Dabei geht es um Vorwürfe gegen den Interimschef im Umgang mit der Frauen-Initiative "Fußball kann mehr" und um ein irritierendes Telefonat mit der Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus-Webb. Zutage treten hier, wie schon bei der von der DFB-Spitze provozierten Auflösung des Ethikgremiums im Juni, diskrete, dubiose Manöver.

Formal gibt es derzeit gar keine handlungsfähige Ethikkommission. Mit der Wahl der von Koch und Schatzmeister Stephan Osnabrügge unterstützten Personalberaterin Irina Kummert zur neuen Chefin des Gremiums zogen sich die übrigen drei Mitglieder unter Protest zurück. Doch jetzt offenbart die Aktenlage den subtilen Versuch, die Causa Steinhaus/Koch für erledigt zu erklären, indem dies in einer kühnen Volte der alten, gerade aufgelösten Ethikkommission untergejubelt wird.

Der frühere Fifa-Ethikchef Eckert fordert eine externe Untersuchung des ganzen Vorgangs

Vor Tagen erhielt Schiedsrichterin Steinhaus-Webb ein Schreiben - verfertigt angeblich im Namen der früheren Ethiker. Demnach seien diese zwar zu der Einschätzung gelangt, Kochs Vorgehen ihr gegenüber sei in einem Punkt unangemessen und ethisch nicht vertretbar. Zielsetzung sei aber nun, zu einer "einvernehmlichen Bewertung" der Vorgänge mit Koch zu gelangen. Denn dann, so der entscheidende Nachsatz, könne das Verfahren ohne Beteiligung des Sportgerichts eingestellt werden. Passend zu dem Schreiben bestätigen Teilnehmer des Amateur-Treffs in der Vorwoche, Kummert habe dort die Causa Koch als quasi erledigt dargetan. Sie selbst lässt wiederholte Nachfragen, ob sie sich so geäußert habe, unbeantwortet.

Dabei ist die Sache brisant: Die zurückgetretenen Mitglieder, in deren Namen das Schreiben an Steinhaus-Webb ging, wehren sich dagegen vehement. Der vormalige Interimschef Bernd Knobloch, der renommierte Theologe Nikolaus Schneider und die Betrugsermittlerin Birgit Galley stellen klar, dass diese Mitteilung nicht von ihnen autorisiert worden sei, insbesondere nicht die Prognose, das Verfahren könne nach einem klärenden Gespräch beendet werden.

Im Gegenteil: Nach SZ-Informationen pochten seinerzeit zwei Mitglieder darauf, diese Bezugnahme auf eine Einstellung zu entfernen, ein drittes war d'accord. Der Jurist Knobloch stellt daher zu dem an Steinhaus ergangenen Schreiben klar: "Hier wurde die Stellungnahme der alten Kommission verfälscht."

So zieht das mit viel Getöse installierte Ethik-Rumpfteam um Kummert und Geschäftsstellenleiter Ulrich Schulte-Bunert schon nach wenigen Tagen einen heftigen Vorwurf auf sich. Konkrete Anfragen dazu beantwortet Kummert nicht. Sie teilt nur allgemein mit: "Die Entscheidung über die noch nicht abgeschlossenen Verfahren (...) des DFB obliegt der neu besetzten Ethik-Kommission. Um dieser Entscheidung nicht vorzugreifen, können über anhängige Verfahren derzeit keine Auskünfte erteilt werden."

Immerhin: Das Verfahren läuft nun also noch. Alle anderen drängenden Fragen bleiben unbeantwortet: Wie hat sich die Personalberaterin und Ethikchefin des DFB zum Stand des Steinhaus-Verfahrens gegenüber den Landesfürsten geäußert? Warum war das überhaupt Thema, wenn es da nichts Neues gibt? Und: Wieso wird unter Kummert namens der alten Ethiker ein Schreiben herausgegeben, das explizit nicht deren Ansinnen entspricht?

So steht am Donnerstag eine Kardinalfrage für die Landesfürsten im Raum, mit der sie sich abseits aller Fußballthemen befassen müssten: Was wurde ihnen zuletzt erzählt? Zur Klärung braucht es nun, da der Vorwurf eines möglichen Fehlverhaltens seitens der neuen Ethiker dokumentiert im Raum steht, völlig unabhängige Stellen, die darauf blicken. Der renommierte Strafrichter Hans-Joachim Eckert, der als Ethik-Chef des Fußball-Weltverbands 2015 den Fifa-Patron Sepp Blatter aus dem Amt befördert hatte, schätzt die Sache so ein: "Das muss durch neutrale Leute aufgearbeitet werden. Das ist kein Vorgang mehr, den der Restbestand der Ethikkommission in Eigenregie abhandeln kann."

Der Niedergang der DFB-Ethiker begann Anfang Juni. Da zeigte die Frauen-Initiative "Fußball kann mehr" einen Vorfall an, der ihrem Mitglied Steinhaus-Webb widerfahren war. Auf die langjährige Schiedsrichterin, die noch als Video-Assistentin wirkt, sei Druck aus dem DFB ausgeübt worden: Sie solle sich besser nicht an der Initiative beteiligen, hieß es.

Es geht bei der Untersuchung um ein Dreier-Telefonat zwischen Koch, Steinhaus und einem Journalisten

Auch berichtete Steinhaus von einem Telefonat mit Koch, bei dem sich der Interimsboss bei ihr meldete und sie einfach in ein Gespräch mit einem Vertreter der Sport-Bild schaltete. Seine Aufforderung: Sie solle dem Journalisten klar erklären, dass er sie niemals angehalten habe, die Reformgruppe zu verlassen. Steinhaus war stark irritiert - und wollte das so nicht bestätigen.

Koch wies Fehlverhalten zurück. Er habe Steinhaus-Webb nur gebeten, ihre Expertise in die verbandsinternen Debatten einzubringen. Die Frauen-Initiative brachte den Fall vors Ethikkomitee - und das führte unter Leitung Knoblochs Anhörungen durch. Danach befanden die Ethiker, Steinhaus und Koch sollten ein Gespräch führen, und dann unabhängig voneinander ihre Rückmeldungen an die Kommission geben. Erst auf dieser Basis hätte man eventuell zu einem Entscheid kommen können, erklärt Ex-Ethikmitglied Birgit Galley. "Dazu waren selbstredend Anbahnung und Verlauf des Gespräches maßgeblich."

Aus dieser Idee war seinerzeit ein Entwurf, entstanden, den Schulte-Bunert formulierte - und der den Widerspruch der drei Ethiker auslöste. Im Kern ging es um die Ankündigung, das Verfahren könnte eingestellt werden, sollten Koch und Steinhaus zu einer "einvernehmlichen Bewertung" kommen. Gleich zwei der inzwischen zurückgetretenen Mitglieder monierten schriftlich, "dass wir zu keiner Zeit in Aussicht stellen wollten (und konnten), wie die Ethikkommission in dieser Causa entscheidet, weil es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht entschieden sein konnte" (Galley).

Nach diesen Einwänden wurde dann am 16. Juni die Ethikkommission durch Kummerts Wahl gesprengt, ein Vorgang, der für sich zahlreiche Fragen an die DFB-Spitze aufwirft. Mancher Landesfürst will wissen, warum die vorab von zwei Mitgliedern angedrohte Konsequenz, dass sie bei Kummerts Kür zurücktreten werden (womit das Gremium nicht mehr arbeitsfähig ist), nicht vor der Wahl offengelegt wurde.

Auch liegt der Verdacht nahe, dass Kummert mit allen Tricks platziert wurde: Das ergibt sich im Kern aus dem Umstand, dass die Gegenkandidaten Knobloch und Schneider am Tag vor der Wahl mit bizarren Gerüchten belegt worden waren. Auch dieser Vorgang war bei der Sitzung in der Vorwoche ein Aufreger, bestätigen Teilnehmer: Dass Schneiders angeblicher Gesundheitszustand als Negativkriterium für ihn angeführt worden sei - was nicht nur völlig unangemessen, sondern auch explizit falsch war. Zu Knobloch wiederum wurde von einem diffusen Ethikverfahren geraunt, das angeblich noch laufe, das aber erst Tage später zusammentheoretisiert wurde.

Nun ist zudem auch die Frage zu klären, wie das falsche Schreiben bei Steinhaus-Webb landete. Und warum.

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