Süddeutsche Zeitung

Joachim Löw:Energiefluss unter der Wolkendecke

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Vor dem Test gegen Tschechien erklärt Bundestrainer Joachim Löw, wie wichtig es ist, die Belastung seiner Nationalspieler zu steuern - und lobt auffällig den Wahl-Niederländer Mario Götze.

Von Javier Cáceres

Am Dienstag kehrte Kevin Trapp, Torwart beim Bundesligisten Eintracht Frankfurt, das Kind hervor, das er einmal war. Er erinnerte sich daran, wie er einst in Frankfurt bei einem Training des DFB-Teams von einer Veranda aus zugeschaut und sich ein Ziel gesetzt hatte, das er heute längst umgesetzt hat: "Da möchte ich irgendwann dabeisein!"

Am Dienstag, dem Vorabend der Testpartie gegen Tschechien (Mittwoch, 20.45 Uhr), saß Trapp vor der Wand mit den Logos der Sponsoren des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und sein Exkurs in die Jugend war vor allem deshalb bemerkenswert, weil bei ihm rein gar nichts davon zu spüren war, was am Vortag an gleicher Stelle der Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff in seiner "dark-cloud-Rede" zum Besten gegeben hatte: Dass also "immer eine Art dunkle Wolke über die Nationalelf geschoben" werde - und insbesondere die jungen Spieler, mit denen Trainer Joachim Löw den Umbruch gestalten will, von außen abgekanzelt würden. Diese Aussagen führten in der DFB-Delegation tags darauf zu diversen Relativierungen.

Relativierung Nummer eins kam von Ilkay Gündogan: Der Mittelfeldspieler von Manchester City erklärte, dass er "grundsätzlich das Gefühl" habe, "dass viele Nationalmannschaften, nicht nur in Deutschland, momentan mit einem eher pessimistischen Blick betrachtet werden, und viele Fans sich schwertun, sich auf Länderspiele zu freuen."

"Jeder Trainer muss klug handeln", sagt Löw

Relativierung Nummer zwei kam dann ausgerechnet vom Bundestrainer. Denn als auch Joachim Löw auf die Erkenntnisse aus Bierhoffs Großwetterradar angesprochen wurde, sprach er so lange und ausgiebig um die prinzipielle Düsternis der Gegenwart herum - Stichwort: Corona! -, dass man meinen konnte, er habe Bierhoff nicht gehört, oder aber er sei gerade in einer anderen Sphäre unterwegs als der DFB-Direktor: "Es macht Spaß - und den Spielern auch! Man spürt eine große Energie", beteuerte Löw. Am Ende näherte er sich aber doch noch der Bierhoff'schen Argumentationslinie. Auch er spüre, sagte Löw am Ende, "dass die Stimmung von außen ein bisschen anders" sei. Manche Beurteilung tue "auch weh", gab Löw zu. Konkreter wurde er nicht. Es wurde auch nicht völlig klar, was er sich genau am Mittwochabend vom Test gegen die Tschechen erwartet. Rund um die jüngsten Spiele gegen Spanien und die Schweiz hatte Löw ja recht deutlich über die Überlastung der Spieler geklagt und die Sinnhaftigkeit von Freundschaftsspielen (wie nun gegen die Tschechen) infrage gestellt. Aus methodischer Sicht kann er in Leipzig kaum einen Schritt weitergekommen sein. Am Montag brachte Löw gerade sieben Feldspieler und einen Torwart zur ersten Einheit auf den Trainingsplatz.

Seine ersten Geiger - die FC-Bayern-Profis Manuel Neuer, Serge Gnabry, Leon Goretzka und Leroy Sané, dazu Toni Kroos (Real Madrid), Timo Werner (FC Chelsea) und Matthias Ginter (Mönchengladbach) - reisen verabredungsgemäß erst am Donnerstag an. Sie sollen erst in den Nations-League-Spielen gegen die Ukraine (Samstag) und in Spanien (Dienstag) in der Startelf stehen. Dann geht es um Punkte, und in letzter Konsequenz auch um den noch immer möglichen Sieg in der Gruppe.

Eine Hintertür für Müller, Hummels und Boateng?

"Wenn wir Trainer jetzt nicht Vorsicht walten lassen, haben wir nächstes Jahr ein großes Problem. Jeder Trainer muss klug handeln, wenn er im März, April noch frische und gesunde Spieler haben will", betonte Löw. "Es wäre einfach, wenn man immer die deckungsgleiche Formation auf den Platz schicken könnte - aber das geht nicht", fügte der Bundestrainer hinzu. Verzichten muss er auch auf Mittelfeldspieler Joshua Kimmich, der soeben am Meniskus operiert wurde, auf Chelsea-Stürmer Kai Havertz (positiver Corona-Test) sowie auf Bergamos Linksverteidiger Robin Gosens (muskuläre Probleme). Eine Option ist noch, dass der inzwischen mehrmals negativ Corona-geteste Verteidiger Niklas Süle nach dem Spiel am Mittwoch hinzustößt. Die Möglichkeit, dass sich die Zahl der Verletzten bis zur EM multiplizieren könnte, bestätigt Löw indes auch darin, die Tür für eine Rückkehr von Thomas Müller, Mats Hummels und Jérôme Boateng nicht völlig zu versperren: "Sollte es vor der EM gravierende Ausfälle geben, bewerte ich die Situation neu. Jetzt gibt es für mich keinen Grund", sagte Löw verhalten über die drei ausgemusterten Ü-30-Jährigen.

Im Gegenschnitt dazu fiel auf, wie sehr Löw über den von Dortmund nach Eindhoven abgewanderten Mario Götze schwärmte. Dessen guter Start in den Niederlanden freue ihn "wahnsinnig, auch weil er unser Finaltorschütze 2014 war". Danach seien die Erwartungen an Götze "ins Unermessliche geschossen, da hatte er vielleicht ein bisschen einen Rucksack auf"; Verletzungen taten ihr Übriges. Aber, so Löw: "Als er mir mitgeteilt hat, dass er den Schritt raus aus der Bundesliga macht, habe ich das total mitgetragen. Und was man in den ersten zwei, drei Spielen gesehen hat, war erfreulich: Er war spielfreudiger, agiler, torgefährlicher und hat in den ersten vier, fünf Spielen dort schon alle überzeugt. Jetzt muss man bei ihm auch mal abwarten. Aber es freut mich erst mal." Gut stehen die Chancen beim Test in Leipzig für ein A-Team-Debüt von Philipp Max (Eindhoven), Felix Uduokhai (FC Augsburg) und Ridle Baku (VfL Wolfsburg). Die freuen sich auf ihren Einsatz so wie Kevin Trapp, der gegen die Tschechen vor seinem fünften Spiel im DFB-Tor steht.

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SZ vom 11.11.2020/ebc
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