Nachfolger für Joachim Löw:"Es gibt keine Denkverbote"

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Bundestrainer Joachim Löw erklärt die Gründe für seinen angekündigten Rücktritt. Seine Chefs wehren alle Fragen nach seinem Nachfolger ab.

Von Carsten Scheele

Wer 15 Jahre als Bundestrainer im Amt ist und dann auch noch Joachim Löw heißt, genießt besondere Privilegien. Er übersteht, erstens, jede Krise ohne Rausschmiss (selbst das Vorrunden-Aus bei der WM) und darf sich, zweitens, den Zeitpunkt seines Abschieds selbst aussuchen. Es hätte nicht überrascht, hätte Löw an diesem Donnerstag, drittens, seinen Nachfolger gleich selbst benannt. Ein Grinsen, ein Schluck aus der Espresso-Tasse: "Übrigens, es wird ..."

Löw wird diese Entscheidung nun doch seinem langjährigen Arbeitgeber, dem Deutschen Fußball-Bund (DFB), überlassen. Und bis die steht, wird es noch dauern. Löw hat sich auf der ersten Pressekonferenz nach der Verkündung seines Rücktrittsentschlusses allerhöchstens andeutungsweise dazu geäußert, in wessen Hände er das von ihm so geliebte Amt gerne legen würde. "Es gibt immer Situationen, in denen es Sinn macht, neue Reize zu setzen", sagte Löw. Das kann ihm nun pro Ralf Rangnick (lange bei RB Leipzig) , aber auch pro Hansi Flick (FC Bayern) oder sogar pro Stefan Kuntz (U21) ausgelegt werden. So war das wohl auch gedacht.

Löw hätte, so viel darf spekuliert werden, nicht viel dagegen einzuwenden, wenn sein Nachfolger Hansi Flick hieße. Beide kennen sich ewig, sind 2014 zusammen Weltmeister geworden, Löw als Chef, Flick als Co. "Wie mein Verhältnis zu Hansi ist, das weiß jeder", sagte Löw. Er habe acht Jahre mit Flick zusammengearbeitet, es kenne ja auch jeder die Vorzüge des aktuellen Bayern-Trainers. Was wohl heißen sollte: Klar könnte er sich Flick als Bundescoach vorstellen. Löw konnte, durfte und wollte das jetzt nur nicht sagen.

Löw erzählte, er sei Anfang des Jahres mit sich selbst in Klausur gegangen. Was soll noch kommen, welche Ziele will er noch erreichen als Trainer? Der Prozess wurde von der Pandemie begünstigt, als Löw etwas mehr Zeit für sich hatte als normalerweise. "Vor zwei oder drei Wochen" sei er dann zu dem Ergebnis gekommen, die Leitung der Nationalelf lieber abzugeben. "Ich sehe mich 2024 nicht mehr in dieser Position", sagte Löw. Es sei nun der "richtige Zeitpunkt, um den Stab an einen jüngeren Trainer weiterzugeben".

Der konkrete Auftrag, einen Nachfolger zu finden, liegt bei Bierhoff

15 Jahre seien schließlich eine lange Zeit, "fast eine Ewigkeit" im schnelllebigen Fußballgeschäft. Den nötigen Umbruch in der Mannschaft habe er eingeleitet. Der neue Trainer habe noch drei Jahre Zeit bis zur Europameisterschaft 2024 im eigenen Land. Es sei "eine Zeit der Erneuerung und der Veränderung und der Bewegung", sagte Löw: "Vielleicht möchte ich die EM 2024 aus einer anderen Perspektive sehen."

Während DFB-Präsident Fritz Keller seine tiefe Dankbarkeit ausdrückte, "weil Jogi uns die Zeit gegeben hat, in aller Ruhe und Sorgfalt die Nachfolge vorzubereiten", äußerte sich auch DFB-Direktor Oliver Bierhoff. Er hat den konkreten Auftrag bekommen, den Trainermarkt zu sondieren. "Wir haben alle Zeit der Welt", sagte Bierhoff: "Das ist eine sehr, sehr gute Situation für uns."

Etwas Konkretes war Bierhoff an diesem frühen Nachmittag nicht zu entlocken. "Wir haben das Glück, dass wir gute Trainer haben: in Deutschland, im Ausland und im DFB", sagte Bierhoff hinreichend schwammig, um keinen möglichen Kandidaten vorzeitig auszuschließen: "Wir werden unsere Entscheidung am Ende nicht nach Umfragewerten treffen." Keller ergänzte: "Es gibt keine Denkverbote." Von weiteren Nachfragen bat Bierhoff abzusehen. Er sei "im ständigen Austausch", auch mit Leuten aus der Bundesliga, werde aber keinen Kandidaten kommentieren.

Was nun anstehe, sei zweifellos "eine wichtige Entscheidung, aber keine dringende Entscheidung", sagte Bierhoff. Man müsse "spätestens im September" einen neuen Trainer haben, erklärte Präsident Keller. Also erst in sechs Monaten, dann stehen nach der EM die nächsten Länderspiele an. Was Bierhoff immerhin verriet und was zumindest eine Mini-Nachricht darstellte: Dass ein ausländischer Trainer die deutsche Nationalmannschaft übernehmen wird, könne er zum jetzigen Zeitpunkt eher ausschließen.

Und was wird aus Löw: Klubtrainer? Übernimmt er ein anderes Nationalteam? Oder hört er ganz auf, wird Privatier? Er könne "nichts völlig ausschließen", sagte Löw wiederum hinreichend schwammig. So musste es an diesem Nachmittag wohl sein.

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