bedeckt München

DFB-Spiel gegen Ukraine:Im Zweifel für den Infizierten

Die Partie ging über die Bühne: Ukarine-Nationalspieler Oleksandr Zinchenko (links) und Taras Stepanenko

(Foto: AFP)

Ob das Spiel überhaupt hätte gespielt werden dürfen? Wegen weiterer Corona-Fälle beim ukrainischen Team gingen dem Anpfiff lange Debatten voraus. Nun geht es für das DFB-Team weiter ins schwer getroffene Spanien.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Es lag am Sonntag immerhin kein Nebel über Leipzig. Andernfalls hätte man sich das Setting, das der Trainer der ukrainischen Nationalelf, Andrij Schewtschenko, in der Nacht zuvor entworfen hatte, auch als Agententhriller vorstellen können. Kurz nach dem 1:3 gegen die deutsche Elf kündigte er fast beiläufig an, dass eine Art Befreiungskommando unterwegs sei: Ein Flugzeug werde aus Kiew kommen und die fünf Delegationsmitglieder zurück in die Ukraine bringen, die sich wegen Corona in Isolationshaft befanden - in einem Leipziger Fünf-Sterne-Hotel zwar, aber lästig ist Einzelzimmerhaft auch dort. Wer weiß, ob sich Schewtschenko nicht auch fragte, ob es das alles wert war? Ob das Spiel überhaupt hätte gespielt werden dürfen?

Schewtschenko, 44, sah abgekämpft aus, als er die virtuelle Pressekonferenz abhielt, es seien "nervenaufreibende" und "anstrengende" Stunden gewesen. Obwohl die Situation nicht völlig neu war. Keine Fußballnation der Welt habe so sehr mit Corona zu kämpfen gehabt wie seine, immer wieder hatte er in der Aufstellung improvisieren müssen. Die Ukraine ist in den letzten Wochen zu einer Art Coronameister geworden: Anfang Oktober musste Schewtschenko in Frankreich auf acht Spieler verzichten - und den Torwarttrainer in den Kader befördern, einen 45-Jährigen. Anfang November trat Dynamo Kiew in der Champions League ohne neun Spieler beim FC Barcelona an. Das wiederum war just in den Stunden, da bei Real Madrid die Alarmglocken schrillten, weil Verteidiger Éder Militão ebenfalls wegen Corona aus dem Verkehr gezogen werden musste - und sich so mancher daran erinnerte, dass der ukrainische Meister Schachtjor Donezk zwei Wochen zuvor ersatzgeschwächt bei Real Madrid angetreten war, nach knapp einem Dutzend positiver Fälle (aber trotzdem 3:2 siegen konnte).

Seither macht das Virus bei Real die Runde: Eden Hazard und Casemiro konnten nicht zu den Nationalteams Belgiens und Brasiliens reisen. Bei Real will man nicht einmal hinter vorgehaltener Hand über den Ursprung der Erkrankungen spekulieren. Sondern verweist auf die gleichen wissenschaftlichen Erkenntnisse, die auch Tim Meyer, der deutsche Teamarzt, am Samstag verbreitete: "Während des Spiels ist die Ansteckungsgefahr ohnehin deutlich geringer als im Umfeld."

Tiefer bohren? Unmöglich

Meyer sprach, nachdem die Austragung der Nations-League-Partie der Ukraine in Leipzig gesichert war. Dafür fundamental war die Entscheidung der örtlichen Gesundheitsbehörde, nur für die fünf positiv getesteten Ukrainer (vier Spieler, ein Betreuer) Quarantänemaßnahmen anzuordnen. Zuvor waren die Ausgemusterten befragt worden, ob sie bei der Anreise mit Flugzeug oder Bus oder im Training mit weiteren Personen in Direktkontakt gestanden hatten - sprich: Ob es "Face-to-face"-Begegnungen gab, die zehn, fünfzehn Minuten oder länger dauerten. Die Antwort habe, potzblitz, durchweg "Njet!" gelautet. Tiefer bohren? Unmöglich.

"Das Gesundheitsamt hat keinerlei polizeiliche Befugnisse", erklärte Matthias Hasberg, Sprecher der Stadt Leipzig. Daher: Im Zweifel für den Infizierten. "Wir gehen davon aus, dass der ukrainische Verband ein Eigeninteresse hat", führte Hasberg aus: "Im Zweifelsfall geht es um die Gesundheit seiner Spieler, die er nicht aufs Spiel setzen möchte. Daher gehen wir davon aus, dass er uns die Wahrheit sagt."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema