DFB-Chef Keller über Beckenbauer:Kellers Vorpreschen bringt seinen Verband in Erklärungsnot

Aber wenn nun kein Cent von den 6,7 DFB-Millionen bei Beckenbauer gelandet wäre, auf welchem Weg auch immer: Dann kann ja auch keine Entlohnung durch dieses Geld erfolgt sein. Ergo war es keine Betriebsausgabe. Und die Strafermittler könnten doch den Schampus kaltstellen.

Kellers Vorpreschen bringt den DFB zumindest in erhebliche Erklärungsnot; zumal es bei der Steuerfrage für den Verband auch ums Thema der Geschäftstreue geht. Oder hat sich Keller mit seinem Persilschein für Beckenbauer vergaloppiert? Das müsste Konsequenzen für ihn haben, als oberster DFB-Repräsentant. In seiner erst einjährigen Amtszeit ist ohnehin eine massive Spaltung zwischen Präsidentenbüro und Generalsekretariat zu besichtigen; vor der jüngsten Präsidiumssitzung stand sogar eine Trennung von Friedrich Curtius im Raum. Der Generalsekretär ist der Hauptbetreiber der Esecon-Ermittlungen - die wiederum manchen Alteingesessenen im deutschen Profibetrieb nicht gefallen kann.

Denn bei diesen Abklärungen geht es keineswegs nur um den 6,7-Millionen-Transfer. Im Gegenteil: Alles Wesentliche zu der Frage, ob die deutschen WM-Bewerber damals Fifa-Stimmen gekauft haben, spielte sich naturgemäß im zeitlichen Umfeld dieses Turnier-Zuschlags ab: also auf der Zeitschiene ab 1998 über die Vergabe Mitte Juli 2000 und ein wenig später. Und nach SZ-Informationen sind just das jene Recherchen, die sich mit weit größeren Geldströmen befassen und in Teilen des Profilagers mehr Unruhe schüren als die Vorgänge rund ums Jahr 2005.

Die öffentliche Debatte gerät in Gang, die Behörden könnten neue Fragen haben. Der DFB und Esecon müssen nun darlegen, was es mit Kellers Aussagen auf sich hat: ob sie tatsächlich auf dem aktuellen Wissensstand beruhen und sich der DFB quasi im Selbstversuch eine heftige Steuerzahlung eingebrockt hat. Oder ob der Präsident zum Problem werden könnte. Dass Beckenbauer mit allem nichts zu tun hatte, was damals unterm Radar ablief, während er zugleich über allem thronte und sein Geheimrat Fedor Radmann diskrete Geschäfte abwickelte - das zu belegen, dürfte jedenfalls nach Aktenlage eine echte Glanzleistung sein.

© SZ vom 02.11.2020/jbe
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